Jul 2013 hastuPAUSE Nr. 49 0

»Das ist wirklich albern hoch zehn«

Überall in Sachsen-Anhalt drohen der Kultur Kürzungen. Die Bürger zeigen die rote Karte.

Um 7 Millionen Euro soll der Landeszuschuss für die kulturellen Einrichtungen Sachsen-Anhalts gestrichen werden – diese Zahl wurde von der Landesregierung im Februar 2013 veranschlagt. Für einige Theater und Opernhäuser des Bundeslandes bedeutet das zukünftig einen massiven Sparkurs und einen nicht unbeträchtlichen Einschnitt in ihre Standards. Die betroffenen Theater in Dessau, Eisleben und Halle sehen in diesen Maßnahmen bereits den Beginn einer kulturellen Wüstenbildung.

Umso schlimmer erscheint dies, da im Vorfeld noch vom Kulturkonvent, der die nötigen Geldmittel berechnen sollte, eine Erhöhung des Etats um 15 Millionen gefordert wurde. »Wenn’s nicht so tragisch wäre, müsste man sich kaputtlachen. Das ist wirklich albern hoch zehn. Jedes Konventsmitglied müsste sich eigentlich so verarscht vorkommen, sag ich mal. Dagegen müsste man eigentlich protestieren, gegen die Verschwendung der Lebenszeit als Konventsmitglied«, klagt André Bücker vom Anhaltischen Theater Dessau im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur.

Doch wortlos will man die Wüste nicht erwarten, und so wurde die Aktion »5 vor 12« ins Leben gerufen, die vielen Studenten noch von der Demonstration am 15. Mai in Erinnerung sein dürfte, wo der Intendant der hallischen Kulturinsel Matthias Brenner die gemeinschaftliche Situation ins Gedächtnis rief. Doch da hört das Engagement der Vereinigung noch lange nicht auf: Postkarten werden an den Ministerpräsidenten geschickt, Trauerzüge veranstaltet, das Theater in Dessau symbolisch verankert. Am 21. Mai wurden in allen größeren Städten des Landes Kundgebungen veranstaltet. In Halle war dies eine vierstündige Aktion mit Demonstrationszug, Redebeiträgen und lautstarkem Orchestereinsatz. Höhepunkt war sicher ein gewagtes Puppenspiel mit der Puppe Jacqueline, die sich als Sparobjekt anbot: »Ich würde meinen Arm geben, der ist doch was wert. Das kann ich mit Intensität ausgleichen.« Am Ende waren Arme und Beine ab – alle Intensität nichts mehr wert!

Deutlich wurde dabei: Kultur ist eine Lebensader der Stadt. Wenn die Kultur geht, bedeutet das den Verlust eines der größten Arbeitgeber, eine Stütze der örtlichen mittelständischen Betriebe und – nicht zuletzt – eine Schädigung der Lebensqualität. Wie wichtig das auch überregional ist, zeigt die Liste der Mitglieder: Deutsche Opernvereinigung, Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e. V., Deutscher Bühnenverein Landesverband Ost. Auch Rainer Herter vom Personalrat der Uni zeigte sich solidarisch mit den Künstlern: Man lasse sich nicht auseinanderdividieren, meinte er.

Doch trotz aller Solidarität sieht es für Halle nicht gut aus: Innerhalb eines halben Jahres soll das Neue Theater drei Millionen Euro in seinen Ausgaben einsparen. Wie es das schaffen wird, ohne der Qualität seines Programms zu schaden, bleibt ungewiss. Von Oberbürgermeister Wiegand hört man nur, dass er sich neuen Strukturen nicht verschließen wird. So bleibt es an Intendant Brenner, nach geeigneten Worten für den Widerstand zu suchen: er rief am 21. Mai über den Marktplatz: »Wir bleiben gefährlich!«

Foto: Christian Schoen

Foto: Christian Schoen

Über Martin Wohlgefahrt

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Erstellt: 22.07. 2013 | Bearbeitet: 22.07. 2013 16:50