Apr 2013 hastuINTERESSE Nr. 47 0

Bionade und Spielplätze

Gesellschaftliche Kontraste sind heutzutage nicht mehr wegzudenken. Von aktueller Brisanz ist die sozialräumliche Spaltung vieler Städte, die sogenannte Gentrifizierung.

Foto: Laura Günther

Foto: Laura Günther

Lounges anstatt Dönerbuden und Leute, die hier bis zwei Uhr nachts mit einem MacBook arbeiten, sanierte anstatt besetzte Häuser, Ärzte und Anwälte anstatt Alleinerziehende, Arbeitslose und Ausländer, steigende Mieten – das alles kann zu den Phänomenen von »Gentrifizidingsbums« gezählt werden.

Also, Gentrifizierung. Sicherlich ist jeder schon über diesen Begriff gestolpert. Womöglich ist es einer der am häufigsten auftauchenden und am wenigsten verstandenen Begriffe. Zunächst eine Definition: Gentrifizierung ist ein Umstrukturierungsprozess in innenstadtnahen Vierteln. Einkommensstarke Haushalte, oft pauschal als Yuppies (Young Urban Professionals) und Dinks (Double Income No Kids) bezeichnet, ziehen in ein Viertel und verdrängen die alteingesessene Bevölkerung, die oftmals weniger gut betucht ist und sich durch einen hohen Anteil an Menschen mit internationalem Hintergrund charakterisiert. Die soziale »Veredelung« geht meist einher mit einer baulichen Aufwertung. Es kommt zu Sanierungen und Luxusneubauten. Gentrifizierung ist auch, wenn die Nachfrage nach Innenstadt-Altbau-Wohnungen zunimmt, eventuell sogar das verfügbare Angebot übersteigt und folglich die Preise von innerstädtischem Wohnraum mächtig zulegen.

Die Ursachen von Gentrifizierung sind komplex. Sowohl in den Sozialwissenschaften als auch in der Geographie wird darüber geforscht. In den Sozialwissenschaften wird Gentrifizierung von der Nachfrageseite aus betrachtet und neue Gesellschaftswerte, die Zunahme von Haushalten mit überdurchschnittlichem Einkommen (diese Yuppies und Dinks), Tertiarisierung des Arbeitsmarktes und die Orientierung an hedonistischen Freizeitwerten als Ursache diskutiert, während von einer geographischen Perspektive das verfügbare Wohnraumangebot stärker beleuchtet wird. Jedoch reichen monokausale Erklärungsmuster für dieses Phänomen nicht aus.

Unumstritten ist, dass gentrifizierte Viertel letztendlich eine homogenere, wohlhabende Bevölkerung aufweisen, sich die Läden und Konsummuster ändern, die Häuserfassaden saniert sind – das ganze Viertel scheint irgendwie verändert.

Neue Feindbilder

Foto: Christian Schoen

Foto: Christian Schoen

Zusammenfassend ist Gentrifizierung also ein Verdrängungsprozess, der Gewinner und Verlierer, beziehungsweise Zuzieher und ökonomisch Verdrängte, mit sich bringt.

Am brisantesten wird die Gentrifizierungsdebatte in Berlin geführt. Hier wurden ganze Kieze bis zur Nichtwiedererkennung gentrifiziert, beispielhaft dafür steht der Prenzlauer Berg. Die alteingesessene Bevölkerung wurde und wird in andere Bezirke verdrängt. Und wer hier die Täter und Opfer sind, ist scheinbar von Anfang an klar: Gewinner sind Schwaben, Verlierer alle Alteingesessenen. Diese Klischee-Bedienung ist zwar einfach und manchmal zutreffend, jedoch wenig zielführend, da mit dieser »Inländerfeindlichkeit« genauere Analysen untergehen. Das »Trendthema Schwabenhass« wird zu einem Universalinstrument, um mit Gentrifizierung abzurechnen.

Witze und Gehässigkeiten über Schwaben sind in unserer Hauptstadt an der Tagesordnung und von nicht ganz unwichtigen Persönlichkeiten bereits geäußert worden. Natürlich gibt es einige Schwaben in Berlin (genauso wie es sicherlich viele Berliner in anderen Teilen unserer Republik gibt) – und irgendwie werden in Berlin alle Westdeutsche schnell zu Schwaben. Aber sind Schwaben wirklich nichts als spießig, ohne Sinn für Berliner Kultur und Humor, überwachungswütig, verschlossen und an allem schuld? Sicherlich nicht.

Wichtig ist, dass Stadterneuerung nicht nur zu Gunsten eines wettbewerbsorientierten Standortmarketings geschieht, sondern vielmehr das Credo einer sozialen Stadtpolitik in den Vordergrund rückt und nicht nur wirtschaftliche Interessen, sondern auch Anliegen der (benachteiligten) Stadtbevölkerung berücksichtigt werden und Stadterneuerungsprojekte basisdemokratisch legitimiert werden.

Welche Rolle spielen Studenten?

Kurz gesagt: Wir als Studenten sind Täter, Wegbereiter und Opfer der Gentrifizierung zugleich. Als sogenannte Pioniere des Gentrifizierungsprozesses fallen wir – im idealtypischen Fall gemeinsam mit Künstlern – in ein Viertel ein, das billige Mieten und subkulturelle Räume bietet. Dadurch wird das Viertel so richtig in. Den trendigen Charakter riechen Investoren von weitem als Chance zur Wertsteigerung, indem Häuser und Wohnungen teilweise systematisch aufgekauft und re-stauriert werden. Damit beginnen die Mietpreissteigerungen, konsequenterweise müssen finanziell Schwache weichen. Das Viertel wandelt sich und wird kommerzialisiert, es entsteht eine »Mainstream-Alternativszene«. Hippe Clubs, Bio-Läden und Spielplätze sind häufige Nebenprodukte dieses Prozesses – nicht zuletzt erhöhen sie die Lebensqualität.

Manche der ehemaligen Studenten sind inzwischen Gutverdiener geworden und können im entsprechenden Viertel wohnen bleiben. Ach, wie herrlich, wenn die WG gegen eine Loft-Wohnung eingetauscht werden kann und die eigene Entwicklung der des Viertels entspricht: Einst auf der Suche nach Subkultur, nun reifer, spießiger und eher auf Sicherheit und heiler Familienwelt aus. Leider haben nicht alle das Glück und können sich zu den Gutverdienern zählen.

Gentrifizierung im Paulusviertel?

Wie steht es mit der Gentrifizierung in Halle? Bei dieser Frage kommt man nicht am Paulusviertel vorbei. Es steht außer Frage, dass es das sanierteste und eines der teuersten Viertel Halles ist. Der Mietspiegel gibt hierüber Auskunft: Im Paulusviertel beläuft sich der Quadratmeterpreis auf 6,89 Euro pro Monat, in der Südstadt auf 4,93 Euro, in Kröllwitz beträgt dieser sogar 7,01 Euro.

Auch die Akteure der Gentrifizierung fehlen im Paulusviertel nicht, die »Pionierstudenten« sind zahlreich vorhanden. Von Künstlern wimmelt es im nördlichen Halle ja ohnehin.

Der Gebäudebestand ist größtenteils gut saniert. Charakteristisch für von Gentrifizierung betroffene Gebiete ist die große Kluft zwischen sanierten Wohnungen und heruntergekommeneren Fassaden. Ein Spaziergang durch das Paulusviertel bietet die vielfältigsten Ansichten.
Wer das Klientel im 24-Stunden-Edeka an der LuWu beäugt, den überkommt das Gefühl, dass es von der »Bionade-, Kinderwagen- und Latte-Bourgeoisie« nicht mehr weit entfernt ist. Der Hipster lässt grüßen.

Und vielleicht stehen die Finanzhaie und Investoren schon vor den Toren, die im Gentrifizierungsprozess nicht fehlen. Das große Stadterneuerungsprojekt im Paulusviertel, bekannt dank der engagierten Bürgerinitiative »Pro Pauluspark«, ist ein Beweis dafür. Pro Pauluspark setzt sich gegen das Neubauprojekt ein, das die wohnbauliche Verdichtung erhöhen würde, und plädiert für einen Bürgerpark. Zumindest im Paulusviertel stößt man unweigerlich auf eine der von ihnen gestarteten Petitionen.

Ja, eigentlich steht einer Gentrifizierung im Paulusviertel wenig im Weg. Immobilien und Mieten werden sicherlich nicht mehr billiger werden, sie sind als lukrative Investition bekannt. Gerade eine Aussage von Andreas Pohl aus dem hallischen Stadtplanungsamt stimmt doch nachdenklich: Die Nachfrage nach sanierten Luxuswohnungen mit Kaltmieten von mindestens 8,50 Euro übersteige das Angebot bei weitem. Das liegt auch über dem Wohn-Budget der meisten Studenten.

Natürlich ist Halle ein nicht so begehrtes und teures Pflaster wie Berlin. Doch auch hier gilt es sozialräumlichen Kontrasten und einer gesellschaftlichen Spaltung vorzubeugen und sie zu verhindern. Es gibt zahlreiche Bewegungen, die sich für das »Recht auf Stadt« und »eine Stadt für alle« stark machen – die Idee und politische Forderung dahinter sind stark nachvollziehbar.

Foto: Laura Günther

Foto: Laura Günther

Über Laura Günther

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Erstellt: 28.04. 2013 | Bearbeitet: 28.04. 2013 21:41