Jan 2012 hastuINTERESSE Nr. 40 0

Zum Lernen gemacht

Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm, gibt einen umfangreichen Einblick rund um das Thema Lernen.

Lernen wird von den meisten als etwas Unangenehmes empfunden. Fakten lernen für eine Klausur oder mündliche Prüfung sowie das Zuhören und Mitschreiben in Seminaren und Vorlesungen werden häufig als notwendige Übel und Verringerung unserer Freizeit gesehen.

Manfred Spitzer erklärt in seinem Buch »Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens«, dass die Einteilung in die unliebsame Zeit zum Lernen und die freie Zeit hinfällig ist. Das menschliche Gehirn sei geradezu zum Lernen gemacht und verarbeite zu jeder Zeit alle äußeren Einflüsse, kurz: Unser Hirn lernt immer. Unter den Begriff Lernen fasst Spitzer nicht nur das bewusste Auswendiglernen von Sachverhalten, sondern auch die Verwertung von Erfahrungen aus alltäglichen Situationen wie dem Besuch eines Einkaufszentrums oder des Fitnessstudios.

Als zentrales Objekt, um etwas über das Lernen zu lernen, sieht Spitzer den Hippocampus, was übersetzt Seepferdchen bedeutet. Mit Hilfe von Experimenten, zu denen es mehrere Abbildungen gibt, erklärt der Autor leicht verständlich, was der Hippocampus ist und wofür er gebraucht wird. Er ist verantwortlich für das Lernen und Verankern neuer Sachverhalte. Spitzer führt als Beispiel das Kennenlernen unbekannter Orte und das Zurechtfinden in diesen an.

Auf über 500 Seiten beschäftigt sich das Buch mit umfangreichen Fragen zum Thema Lernen. Wie hängen Schlaf und Lernen miteinander zusammen? Welche Rolle spielen Emotionen beim Lernen? Was genau hat es mit der PISA-Studie auf sich? In seinen Ausführungen greift der Autor immer wieder auf vorangegangene Beispiele zurück, um anhand ihrer weitere Sachverhalte zu erläutern. So entsteht ein roter Faden im Buch, der das Lesen und Verstehen sehr einfach und dennoch interessant gestaltet. Spitzer beschäftigt sich außerdem mit der abnehmenden Lerngeschwindigkeit im Alter. Er erklärt diese als Anpassungsprozess des Gehirns.

Immer dann, wenn gelernt wird, nimmt die Stärke der Verbindung zwischen Neuronen zu. Neurobiologisch betrachtet bedeutet das, dass sich die Stärke der synaptischen Übertragung dabei verändert. Die Veränderung erfolgt dabei stets nur ein kleines Stück weit und sehr langsam, da nur so sichergestellt werden kann, dass Altes beim Erlernen neuer Sachverhalte nicht gleich wieder vergessen wird. Im Widerspruch dazu muss das Lernen aber auch schnell erfolgen, damit sich der Organismus schnellstmöglich an seine Umwelt anpassen kann, das heißt, lebensnotwendige Dinge erlernt, wie die Reaktion auf lebensgefährliche Situationen. Spitzer verdeutlicht, dass sich unser Gehirn an diese Situation anpasst: Je besser wir unsere Umwelt und die Vorgänge in ihr kennen, umso langsamer lernen wir. Da wir im Kindesalter unsere Umwelt noch nicht so gut kennen und kaum Erfahrungen in ihr gemacht haben, lernen wir sehr rasch. Wird unser Erfahrungswert größer, lernen wir gemäß dem Anpassungsprozess langsamer.

Manfred Spitzer gelingt es, wissenschaftliche Erkenntnisse über das Lernen in einer sehr lesenswerten Art und Weise aufzubereiten. Dabei hält das Buch trotz der Einfachheit der Sprache ein wissenschaftliches Niveau und verzichtet außerdem auf Pseudo-Geheimrezepte zum Lernen. Es werden lediglich die Vorgänge deutlicher gemacht, die während der Lernprozesse ablaufen.

Über Sabine Paschke

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Erstellt: 27.01. 2012 | Bearbeitet: 17.04. 2012 21:00