Mai 2012 hastuINTERESSE Nr. 42 0

Wo sich Springer und Schwein die Hand reichen

Dunkle Wälder, alte Schlösser, unbewohnte Landschaften: Solche Schauplätze sind der Nährboden für die Entstehung von Sagen. Aber auch an anderen, eher unscheinbaren Orten kann man auf sie stoßen, so auch in Halle.

Das Rezept für eine gute Sage besteht aus drei Dingen: einem Schwein, dem Sohn von Karl dem Großen, Karl dem Jüngeren, und den Salzsiedern. Zumindest wenn es um die Entstehung der Stadt Halle geht. Denn schließlich sollen alle drei auf ihre eigene Weise einen Teil dazu beigetragen haben. Das Schwein ermöglichte mit seinem ungeheuren Spürsinn die Entdeckung der Salzquellen. Einfache Arbeiter schürften an diesen das Salz und konnten dadurch ihren Lebensunterhalt bestreiten. Doch mussten sie noch mit einer kleinen Siedlung auskommen. Anfangs genügte es. Wie der Zufall es aber wollte, kam eines Tages Karl der Jüngere bei ihnen vorbei. Er erlaubte es, ihre einfache Siedlung zu einer Stadt auszubauen. Halle war geboren. Die Sage sagt es so. Ob und wie viel Wahrheit darin steckt, lässt sich schwer ergründen. Denn »die Sage wird mündlich tradiert und ist leicht veränderbar. Man kann etwas hinzuerzählen, beim nächsten Mal etwas weglassen«, sagt Dr. Andrea Seidel, Dozentin für Altgermanistik an der MLU. Mit Studierenden zusammen beschäftigte sie sich in einem Seminar mit Sagen aus Sachsen-Anhalt. Als Resultat entstand eine Sagensammlung: die »Tratschbarbe«. Bei den Recherchen stießen die Studierenden auch auf die Gründungssage von Halle. Dabei fiel ihnen auf, dass einige Aspekte nicht nur real, sondern auch historisch bewiesen sind. So gab es Karl den Jüngeren sicher, ebenso wie die Salzsieder. Auch die Schweine werden wohl schon in Halle gehaust haben. Doch das Zusammentreffen scheint Dichtung zu sein. Genau das aber macht die Sage aus: ihre Mischung aus Realität und Fiktion. »Sie ist gemischt mit einem Zusammenhang, der nicht erklärbar ist. Aber irgendwo gibt es immer einen realen Hintergrund.«

Salzige Überlieferung

Dringt man noch tiefer in die hallische Sagenwelt ein, fällt der besondere Bezug zum Salz auf. Nicht nur die Entstehung ist eng damit verbunden. Auch der Stadtname und das Wappen sollen der Sage nach dem Salz geschuldet sein. Fragt man aber etwa nach der genauen Bedeutung des Wappens, dann erhält man ganz unterschiedliche Antworten. Zwei Meinungen sind vorherrschend: Die Wappenelemente werden entweder als Himmelsgestirne oder als Siedeschale und Salzkristalle gedeutet. Beide Versionen können auch plausibel erklärt werden. Schließlich äußerte ein Bischof über Halle den Spruch: »Und es leuchte Euch Sonne, Mond und Sterne.« Aber auch die Deutung als Salzsymbole lässt sich erklären. »Es ist wahr, dass das Salzsieden sehr alt ist und die Stadt aufgrund dessen zu Reichtum gelangt ist.« Seitens der Historiker kann auch noch eine dritte Variante angeführt werden. Die Farben Rot und Weiß lassen sich demnach auf den Erzstift Magdeburg und die Hanse zurückführen. Diese Bedeutung scheint der Realität am nächsten zu sein. Genaue Aufzeichnungen dazu existieren aber nicht.

In gleicher Weise sorgt die Herkunft des Stadtnamens für Verwirrung. Der gängigste Ansatz wird seit dem 19. Jahrhundert vertreten. So soll der Name der Stadt von »hal«, dem germanischen Wort für Salz, abstammen. Ein solches Wort gab es aber nie. Ebenfalls »spricht vieles dafür, dass es Städte gibt, die den Namen ›hal‹ in sich tragen und nichts mit Salzgewinnung zu tun haben.« So sehen viele Wissenschaftler die Herkunft des Wortes in der west- oder indogermanischen Kultur verankert. Hierbei soll Halle von »trocknen« oder »Schräge« abstammen.

Die fünf Türme

Wie ein Pilz sprießt der Rote Turm aus dem Boden des Marktplatzes. Kolossal stellt er sich jedem Passanten in den Weg, der vom oberen Marktplatz zum Hallmarkt laufen will. Er ist der fünfte Turm der Stadt, aber der einzig freistehende. »Man war sich dessen bewusst, dass der Ort außergewöhnlich ist.« Aus diesem Grund beschäftigen sich gleich mehrere Sagen mit ihm als Protagonisten. So wurde er nicht nur als »Blutturm« verschrien, sondern auch von einer Hungerquelle an seinem Fuße ist die Rede. Diese Quelle soll der Erzählung nach sprudeln, wenn es den Stadtbewohnern schlecht geht. Versiegt sie aber, so ist kein Hunger zu leiden. Eine solche Quelle ist nur schwer vorstellbar, »doch spricht einiges dafür, dass es sie gibt.« Die geographische Gegebenheit, eine Verwerfung am Markt, macht es möglich.

Etwa zur gleichen Zeit entstand eine weitere Sage. Am Fuße des Roten Turmes befand sich einst ein Blutgericht, mitten auf dem Markt. Zahlreiche Hinrichtungen wurden öffentlich durchgeführt. Die herbeigeeilten Bewohner konnten förmlich die Köpfe rollen sehen. Dabei spritzte so manches Blut durch die Luft. Der nicht weit entfernt stehende Turm bekam einiges ab. Schließlich war er so voll Blut getränkt, dass er der Rote Turm getauft wurde. »Es ist eher unwahrscheinlich, dass das Blut bis nach oben flog«, so Seidel. »Aber es sind Erklärungen, um das Besondere noch besonders zu erklären.« Mit Hilfe dieser Sage lässt sich auch die Figur des Rolands besser einordnen. Dieser hat seinen Platz in Stein gemauert am Fuße des Turmes gefunden. Er stellt symbolisch den Gerichtsherren dar, der über das Blutgericht waltet.

Grau ist die Moderne

Viele Sagen spielen in der grauen Vorzeit. Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen. Denn noch heute entstehen Sagen. Und das sogar zahlreich. »Wenn ein Objekt die Fantasie anregt, wird die Sage aktiv. Das kann sich bis in die heutige Zeit vollziehen«, meint Seidel. Doch gibt es einen feinen Unterschied zu den älteren Sagen. Ort und genaue Protagonisten sind oftmals nicht bekannt. Deshalb gibt es auch über Halle keine moderne Sage. Aber über Leipzig. An der dortigen Uni gab es einen gemeinen Matheprofessor. Er ließ bewusst nur 50 Prozent der Studierenden bestehen. Eines Tages kamen zwei von ihnen zur Prüfung. Ersterer fiel durch. Auf seinem Gang über den Innenhof der Uni rief ihm aber plötzlich der Professor hinterher. Seine Botschaft war freudig: »He, Sie da, kommen Sie wieder hoch, Sie haben bestanden, hier oben ist einer noch blöder als Sie.«
Doch gerade in der heutigen Zeit nehmen Sagen nur einen geringen Stellenwert ein. Man liest sie, kennt sie, hört sie. Sie sind bedeutend für das regionale Wissen, werden aber oft vernachlässigt. »Das ist vielleicht auch in einer Welt, die sehr rational ist, nicht vordergründig. Aber man muss sich darauf einlassen.«

Über Maria Weickardt

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Erstellt: 31.05. 2012 | Bearbeitet: 21.06. 2012 13:18