Jan 2012 hastuINTERESSE Nr. 40 0

Wer rastet, der rostet

Wir können nicht aufhören zu lernen, aber wir können anders lernen. Einen Versuch startet das Lehr-Lern-Zentrum.

Eingeschult mit sechs, lernen bis zum Schulabschluss und dann noch studieren. Aber dann, dann ist es mit dem Lernen wirklich vorbei. Nie wieder nicht enden wollende Nächte in der Bibliothek verbringen. Nie wieder der Nur-Noch-Eine-Stunde-Kaffee. Endlich arbeiten, endlich fertig sein, wenn man nach Hause kommt. Die Couch ruft, Bier statt Kaffee. Lange Zeit wurde Lernen nur als Prozess für Kinder ab einem bestimmten Alter verstanden, doch dieser weitet sich aus. Dies geschieht sowohl nach vorn, was man in der Einrichtung vieler Vorschulen erkennen kann, als auch nach hinten. Auch als Berufstätiger ist man auf Weiter- und Fortbildungen angewiesen. Seit 2007 fördert das EU-Bildungsprogramm für lebenslanges Lernen ebendiesen Prozess und unterstützt mit einem Budget von circa sieben Milliarden Euro zum Beispiel das Erasmusprogramm. »Dadurch wird der Lernprozess gesellschaftlich begleitet«, erklärt Psychologieprofessor Josef Lukas und empfindet diese Entwicklung als sehr sinnvoll. Lernen findet aber meistens automatisch statt. Denn was auch immer wir tun: Wir machen ständig Erfahrungen, die unser Verhalten verändern und damit die Anpassung an die Umwelt verbessern. Dessen ist man sich im Allgemeinen nicht bewusst. Die grundlegende Lernfähigkeit ändert sich auch im Alter nicht. »Aber es gibt viele physiologische Veränderungen. Die Flexibilität der Gehirnstrukturen nimmt allmählich ab, und viele mentale Prozesse werden langsamer«, erklärt Lukas. Dass es Kindern leichter fällt, eine Sprache zu lernen, liegt vor allem an ihrem besseren Gehör. Sie können die Unterschiede in den Sprachlauten besser als ein Erwachsener aufnehmen, der auch mit Anstrengung kaum noch akzentfrei eine Fremdsprache erlernen wird. Dass sich die Anstrengungen des Lernens auch im Alter lohnen, beweist indes das Seniorenkolleg. In diesem Semester haben sich 560 ältere Menschen für Kurse, Projekte und wissenschaftliche Vortragsreihen an der Uni Halle eingetragen. Die Teilnehmer kommen aus den unterschiedlichsten Sozial- und Bildungsschichten. »Vor allem Menschen, die von vornherein sehr aktiv und wissbegierig sind, suchen in den Angeboten des Seniorenkollegs eine geistige Herausforderung, viele möchten aber auch soziale Kontakte pflegen«, so Organisatorin Dr. Gisela Heinzelmann. Professor Lukas bestätigt, dass die Teilnehmer des Seniorenkollegs zu seinen aktivsten Mithörern gehören. »Die Senioren haben viel mehr Lebenserfahrung, sie gehören zu den besonders anspruchsvollen Studierenden meiner Vorlesung.«

Wie wollen wir leben?

Es ist also kaum möglich, nicht zu lernen. Ob automatisch, für sich selbst oder für andere. Denn auch im Berufsleben ist man ständigen Anpassungsmechanismen ausgesetzt. Weil sich Anforderungsprofile ändern und bestimmte Qualifikationsmerkmale gebraucht werden, ist die Gesellschaft darauf angewiesen, dass sich Menschen weiterqualifizieren. Es ist gut, nicht stehen zu bleiben, aber man setzt sich auch einem ständigen Wettbewerb aus. Auch Lukas sieht darin ein Problem, welches nur von der Gesellschaft gelöst werden kann. »Das ist eine politisch-soziologische Frage. Nämlich: Wie wollen wir leben?« Als Gesellschaft wollen wir einerseits einen gewissen Wohlstand halten, andererseits aber auch einen persönlichen Ausgleich finden. In der öffentlichen Diskussion herrscht eine hohe Sensibilität für diese Problematik. Glücksforscher sind der Meinung, dass der höchste Grad an Wohlbefinden dann eintritt, wenn die Leistungsanforderungen am besten zu unseren Fähigkeiten passen, also die gestellte Aufgabe gerade gut zu schaffen ist.

Ich glaube, die Deutschen sind ein glückliches Volk. (Josef Lukas)

Auch die Uni lernt nicht aus

Seit vielen Jahren gibt es Initiativen und Projekte, neue Medien und Kommunikationsformen in der universitären Lehre an der MLU zu nutzen. Vor etwa einem Jahr wurde eine Rektoratskommission zum Thema »multimediales Lernen« eingerichtet, die sich zum Ziel gesetzt hat, diese Initiativen zu unterstützen und neue Medien in den »verstaubten« Universitätsbetrieb großflächig einzuführen. Ergebnis dieser Bemühungen ist ein Lehr-Lern-Zentrum, das Technik und Know-how für E-Learning-Angebote aller Institute und Fakultäten bereitstellen soll. Das Projekt wurde bereits vom Bund bewilligt und ist für die kommenden fünf Jahre mit 6,5 Millionen Euro ausgestattet. Gegliedert in drei Bereiche wird die Serviceabteilung den größten Part ausmachen. Fünf Arbeitsgruppen kümmern sich um je ein Fachgebiet und unterstützen die Lehrenden in allen Fakultäten bei der Umsetzung neuer Programme. Sie zeigen den Dozenten, wie E-Learning möglich ist, zeichnen beispielsweise Vorlesungen auf und bereiten diese technisch auf. Daneben soll ein Forschungsbereich einschließlich einer Professur für pädagogische Psychologie eingerichtet werden, die den Schwerpunkt multimediale Hochschullehre haben wird. »So stellt sich etwa die Frage, wie sich E-Learning auf den Lernprozess auswirkt«, erklärt Lukas, der als Kommissionsmitglied an der Ausarbeitung des Antrags beteiligt war. Den dritten Part stellt der Evaluationsbereich bzw. das Qualitätsmanagement dar. Etwa 16 Mitarbeiter wird das virtuelle Zentrum umfassen. Lukas erklärt, dass bei der Antragstellung des Projektes eine Stärke-Schwächen-Analyse verlangt wurde. »In diesem Zusammenhang haben wir Umfragen unter den Studierenden ausgewertet, aus denen hervorging, dass viele Studenten die Bereitstellung von Online-Lernangeboten vermissen. Ebenso ließ sich erkennen, dass diejenigen, die ein solches Angebot bereits nutzen können, hochgradig zufrieden sind.« Es entbindet Studierende, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein zu müssen. »Die Studierendenschaft ist eine äußerst heterogene Gruppe geworden, dem muss man Rechnung tragen.« Für ausländische Studierende ist zum Beispiel eine Vorlesung in deutscher Sprache häufig schwer verständlich. Wer nebenbei arbeitet oder ein Kind betreut, kann oft an einer Lehrveranstaltung nicht teilnehmen. In solchen Fällen ist es hilfreich, wenn man eine Lehrveranstaltung noch einmal nachvollziehen kann. Lukas glaubt, dass diese neue Art des Lernens aber auch den Spaßfaktor erhöhen kann. »Die Studierenden gehen mit den neuen Medien viel lockerer um als etwa mit Büchern, die nicht so lustbetont wie audiovisuelles Material sind.« Die Aufbereitung der Lerninhalte bietet aber auch die Chance, eine größere Gruppe an Lernwilligen ansprechen zu können à la »Bildung für alle«. Jeder könnte online zeit- und kostengünstig studieren. »Ob die Inhalte über die Universität hinaus kostenfrei zur Verfügung stehen sollen, wird von den Instituten und den Dozenten abhängen, die die Lehrprogramme entwickeln. Das Lehr-Lern-Zentrum soll nicht selbst akademische Lehre anbieten, sondern vor allem deren Entwicklung fördern und unterstützen«, so Lukas. Dieser Wunsch ist vielleicht auch noch Zukunftsmusik, denn erst einmal gilt es, das Zentrum einzurichten. Projektbeginn ist der 1. April dieses Jahres, im kommenden Jahr könne man die Angebote weitflächig nutzen.

Über Yvette Hennig

Ehemaliger Mitarbeiter

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Erstellt: 24.01. 2012 | Bearbeitet: 15.04. 2012 12:43