Jan 2012 hastuPAUSE Nr. 40 0

Vom Leerstand zum Wohlstand

Was aus den Plänen wurde, Glaucha zu neuem Leben zu erwecken.

Der Stadtteil Glaucha im südlichen Innenstadtbereich Halles steht traditionsgemäß in keinem guten Licht. Die Not der Kinder von Glaucha veranlasste einst den Pfarrer August Hermann Francke zur Gründung der Franckeschen Stiftungen. Abfällig wurden die in diesem Teil der Stadt lebenden Arbeiter und Tagelöhner als »Glauch«scher Adel« bezeichnet. Die Reste der früheren Arbeitersiedlung erstrecken sich südlich der Hochstraße von den Franckeschen Stiftungen bis zur Saale. Dort leben etwa 4000 Menschen. Prägend ist der Kontrast aus Gründerzeithäusern, Wohnhochhäusern, Plattenbauten und Brachen. »Innerhalb des Innenstadtbereiches waren die sozialen und städtebaulichen Verfallserscheinungen in Glaucha am größten«, erklärt Dr. Steffen Fliegner, Mitarbeiter im Stadtplanungsamt Halle. Dementsprechend sehen die Sozialindikatoren aus: Bei sehr hohem Leerstand von 30 Prozent und Sanierungsbedarf zogen fast ausschließlich Menschen aus sozial schwachen Haushalten nach Glaucha. »Nach 1989 verließ die Mittelschicht diesen Stadtteil fast vollständig. Die Arbeitslosenquote, später die Anzahl der Hartz-IV-Empfänger war die höchste in der Innenstadt«, fährt Fliegner fort.

Das IBA-2010-Projekt: Sozialraum Glaucha

Seit 1989 haben sich die ostdeutschen Städte erheblich verändert. Wohnungen mit akzeptablen Standards in den Innenstädten waren knapp – zu lang hat man auf notwendige Modernisierungen verzichtet, zu wenig in Erhaltung der Gebäude und Infrastruktur investiert. Die Menschen zog es in die Randgebiete, wo sie mithilfe staatlicher Subventionen Einfamilienhäuser bauten. Hinzu kamen der Geburtenrückgang und die Abwanderung junger Menschen ins westdeutsche Bundesgebiet. Deindustrialisierung, Suburbanisierung und demographischer Wandel waren die Ursachen für den Leerstand in den Städten. Mit diesem Problem beschäftigte sich die Internationale Bauausstellung Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010, kurz IBA 2010. Die Internationale Bauausstellung ist ein in Deutschland eingesetztes Instrument der Stadtplanung, um mit neuen Ideen und Projekten einen städtebaulichen Wandel in einer Region zu initiieren. Die IBA Stadtumbau 2010 lief von 2000 bis 2010. Sieben Stadtentwicklungsprojekte in Halle gehörten dazu. Darunter »Sozialraum Glaucha«. Ziel war es, die durch den Leerstand geschwächten Innenstadtquartiere zu stabilisieren und eine »Aufbruchstimmung« zu verbreiten. Hier kommt der Verein Postkult ins Spiel, der mit seinen kulturellen Angeboten darauf einen nicht unerheblichen Einfluss hat.

Aufbruchstimmung

Der IKEAS-Student Martin ist eines der letzten in Halle verbliebenen zwölf Gründungsmitglieder. »Die Arbeit war zunächst nicht stadtteilbezogen. Die Idee war, den Leerstand, der sicherlich jedem in Halle bekannt ist, kreativ zu nutzen. Das heißt, nicht nur architektonisch, sonder auch ideell.« So wurden leere Räume zu Begegnungsstätten, wie das alte Postamt im Giebichensteinviertel, wovon sich der Name Postkult e. V. ableitet. Erst 2009 hat der Verein Glaucha als seine Spielstätte entdeckt. So findet beispielsweise nun auch am Saaleufer alljährlich die hallische Version des internationalen Festivals »Fête de la Musique« statt. In der Zwingerstraße 10 gibt es einen »Umsonstladen«. Im »Stadtgarten« kann jeder, der will, sein Beet abstecken und bewirtschaften, sei es nun mit Grünkohl oder mit Dahlien. Seit August 2011 ist der »Stadthof Glaucha« im Besitz des Vereins. Er soll zu dessen neuer Heimat und Ausgangspunkt weiterer Projekte werden. Auch im letzten Jahr stellte der »Glauchaer Weihnachtsmarkt« eine Alternative zu Glühwein- und Fressbuden-Ständen am Marktplatz dar. »Gerade Postkult hat das Image von Glaucha sehr stark vorangetrieben«, meint Fliegner, »schon bevor die ganzen Baustellen kamen, hatten die jungen Leute kreative Ideen, so dass auf einmal der Stadtteil wieder positiv in der Presse erwähnt wurde. Dies war Jahrzehnte nicht der Fall.«

Der Glaucha-Effekt

Insgesamt sei, so Fliegner, der Stadtteil auf einem guten Weg, sich zu stabilisieren. Darin sind sich alle am IBA-Projekt Beteiligten einig: »Eine Trendwende ist eingeleitet«. Sogar außerhalb der Stadtgrenzen interessiere man sich für den sogenannten »Glaucha-Effekt«. Man könne damit rechnen, dass ein größerer Einwohnerzuzug stattfinden, die Sozialindikatoren sich verbessern und das städtebauliche Bild sehr viel ansehnlicher werden.

Durch die erhöhte mediale Aufmerksamkeit bleibt nun aber wenig Fläche übrig, so dass die Freiräume zum Gestalten enger werden. Andererseits: Was wäre sonst aus den alten Häusern geworden? Es war beabsichtigt, das Potenzial Glauchas mehr Menschen zu eröffnen. Nicht nur jungen Studenten, sondern auch Familien, Rentnern, Berufstätigen usw. »Dass unsere Projekte allerdings eine solche Wirkung haben, damit hätten wir nie gerechnet«, erklärt Martin, »es war unsererseits nie Ziel, Glaucha zu etwas zu machen, das es nicht ist, sondern lediglich seine versteckten Schätze aufzudecken.« Steigende Attraktivität für die Mittelschicht führt aber auch zu steigenden Mietpreisen, die Glaucha für das studentische Portemonnaie und die junge »Bohème« wiederum unattraktiv machen. Martin würde allerdings nicht so weit gehen zu behaupten, dass aus Glaucha ein zweites Paulusviertel werde. Auch könne man nicht von Gentrifizierung sprechen, »da in diesem Fall keine Verdrängung von Gruppen mit niedrigem Sozialstatus vorliegt. Die Gebäude standen schließlich leer.« Wenn man heute durch diesen Teil von Halle läuft, kann man sich jedoch kaum mehr vorstellen, dass dieser einmal eine einfache Arbeitersiedlung war.

Über Katharina Deparade

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Erstellt: 26.01. 2012 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:19