Apr 2012 hastuINTERESSE Nr. 41 0

Und leise bröckelt der Putz

Entdeckungsreise durch die Architektur von Halle

Stabilität ist kein statischer Zustand. Gerade in dieser Hinsicht hat sich Halle in den letzten 20 Jahren unglaublich verändert. Flächenabriss in der Innenstadt, Ersatz durch Neubauten und stark gefährdete Bausubstanz ließen unseren Universitätssitz noch Ende der Achtzigerjahre als »Stadt am Abgrund« erscheinen. So schildert zumindest der Vorstandsvorsitzende des Arbeitskreises Innenstadt e. V. (AKI) Henryk Löhr die damalige Situation. »Im Vergleich dazu ist Halle heute sehr stabil«, meint er. Der AKI gründete sich 1983 zur Rettung akut gefährdeter historischer Gebäude. Sicherungs- und Reparaturarbeiten standen im Zentrum der Vereinstätigkeit. Dabei legte man auch gerne selbst Hand an. So deckte Löhr diverse Dächer, oft gegen den Willen der Eigentümer. Wenn das Gebäude verfällt, spart man schließlich Abrisskosten. »Nicht mit uns«, dachte der AKI.

Circa 3000 Baudenkmäler gibt es in der Innenstadt, darunter sind viele Gründerzeithäuser, die zwar wichtig sind, aber nicht als Einzelobjekte hervorragen. Der Gesamtbestand an Gebäuden mit besonderer historischer Bedeutung oder mit zentralem Wert für den städtebaulichen Charakter beläuft sich nur auf etwa 200. Derzeit seien davon 15 Baudenkmäler in gefährdetem Zustand.

Ein rotes Fahrrad dem Denkmal vorgestellt

Einer dieser Problemfälle ist das Renaissance-Fachwerkhaus in der Brüderstraße 7. Der heutige Besitzer, ein Berliner Unternehmer, dem mittlerweile ein beträchtlicher Bereich an der Großen Steinstraße gehört und der das dortige Casino betreibt, hat einen Abrissantrag gestellt. Ob er damit durchkommen wird, ist noch ungewiss. Trotzdem handelt es sich laut Angaben des AKI um eine »bedrohliche Situation«. Aufmerksamkeit erregt das dem Gebäude vorgestellte vereinseigene rote Fahrrad. Mit der Aktion »DenkmalVorgestellt« will der AKI über den historischen und architektonischen Wert solcher Schätze informieren. Dafür wechselt das rote Mahn-Fahrrad in regelmäßigen Abständen seinen Platz.

Nur zwei Häuser weiter in der Brüderstraße 5 befindet sich schon das nächste gefährdete Barockhaus. »Etwas ganz Seltenes in Halle«, erklärt Löhr, »und ein wichtiges Stück Universitätsgeschichte.« Hierbei handelt es sich nämlich um das Geburtshaus der berühmten Ärztefamilie Meckel. Diese trug seit Mitte des 18. Jahrhunderts einen gewaltigen Bestand von anatomischen Präparaten zusammen, die heute als »Meckelsche Sammlungen« im Institut für Anatomie und Zellbiologie in der Großen Steinstraße 52 untergebracht sind. Die Anatomischen Sammlungen zu Halle gehören zu den wichtigsten ihrer Art in Europa.

Kleine Erfolge beim GSZ

Geht man die Steinstraße weiter in Richtung Paulusviertel, kommt man an der Baustelle für das neue Geistes-und Sozialwissenschaftliche Zentrum vorbei.

Seit letztem Sommer ist es um die Pläne auf dem Gelände der ehemaligen landwirtschaftlichen Fakultät still geworden. Doch biegt man von der LuWu in die Emil-Abderhaldenstraße ab, sieht man die Baufahrzeuge gemächlich ihre Arbeit verrichten. Die Landwirtschaftliche Fakultät in Halle ist die älteste in Deutschland. »Großzügige und großartige Räume wie das Lehrgebäude landwirtschaftlicher Maschinen«, sagt Löhr, »wurden aus Kostengründen abgerissen, da Auflagen des Behindertenrechtes, des Brandschutzes oder Normgrößen in einem Neubau preiswerter zu realisieren sind.« Dies ist aus Sicht des Vereins eine »fatale Entscheidung, da ein Stück Universitätsidentität verloren geht«. Positiv beurteilt Henryk Löhr das Verhalten des Kanzlers der MLU und des Verantwortlichen des Bauministeriums, die zu offenen Gesprächen bereit waren und auch konstruktive Kritik akzeptierten. So ist es dem AKI gelungen, ein Gebäude der Tierklinik und einen kleinen Pavillon vor dem Abriss zu bewahren. Dennoch fällt mehr der Abrissbirne zum Opfer als ursprünglich vorgesehen. Ironischerweise soll ausgerechnet hier der Aufbaustudiengang Denkmalpflege beheimatet werden.

Mittelalter und Moderne

Halle gehört zu den am wenigsten zerstörten Großstädten Deutschlands. Deshalb besitzt es eine gewachsene Innenstadt »von der andere Städte nur träumen können – wie beispielsweise Magdeburg.« Für Henryk Löhr ist klar: Halle ist attraktiv. »Es gibt eine unglaubliche architektonische Vielfalt. Vom Mittelalter bis zu aktueller Bausubstanz ist alles vorhanden.«

Auf unserem Rundgang kommen wir wieder am Campus vorbei. Das Audimax und das Juridicum hätten zwar einzelne Schwächen in Design und Bausubstanz, doch stellen sie in ihrer Gesamtwirkung beachtliche moderne Architektur dar. Moderne Architektur hat allerdings ein essentielles Problem: Sie altert nicht in Schönheit. »Das Holz an der Wetterfront des Juridicums verwittert schnell, nach nur fünf Jahren mussten die Teppiche ausgewechselt werden. Auch die Inneneinrichtung des Audimax ist den Nutzungsansprüchen nicht gewachsen, und eine außen weiß gestrichene Wand sieht nach ein paar Jahren oft nur noch dreckig aus.« bemängelt Löhr. Doch alles in allem haben die beiden Bauten für den Charakter des Universitätsplatzes eine herausragende Bedeutung.

Was am Ende bleibt

Vielleicht gerade weil Halle ein so großes Angebot an architektonischen Schätzen bietet, kann Abriss leichter verkraftet werden. Denn im Allgemeinen herrscht in der Öffentlichkeit wenig Bewusstsein für den städtebaulichen Charakter. Das zeigt sich zum Beispiel am späten und relativ begrenzten Widerstand gegen den Abriss der alten Berliner Brücke 2006. Dieser konnte von einer Bürgerinitiative nicht verhindert werden. Leider fehle es auch von Seiten der Stadtverwaltung und des Landesdenkmalamtes an überzeugender Werbung für die historischen Werte hier, findet Löhr.

Umso wünschenswerter ist es für ihn, mit einem wachen Blick durch die Straßen zu laufen. Das Tempo zu reduzieren, sich einmal genau umzuschauen.

»Ideal wäre es, wenn die heutigen Studenten in Halle ein offenes Auge für die Schönheit und Vielfalt ihres Universitätssitzes entwickeln könnten und dieses Bild auch nach der Studienzeit über die Stadtgrenzen hinaus tragen«, findet Löhr.

Nähere Infos unter: http://www.aki-halle.de

Über Katharina Deparade

, , , ,

Erstellt: 26.04. 2012 | Bearbeitet: 19.05. 2012 14:10