Apr 2012 hastuPAUSE Nr. 41 0

Un-Gehorsam

Rebellion – wofür? Wogegen? Was ist Wahrheit? Was ist Freiheit? Alte Fragen im Neuen Theater

Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle


Tiefschwarze Nacht, brennende Autos, jugendliche Schlägertruppen, die lärmend um die Häuser ziehen: wir schreiben das Jahr, in dem Lady Gaga 63 ist. Zwei Tagesschau-Moderatoren sprechen gerade über die neusten »Riots«. Sie selbst ertragen ihre Berichterstattung nur mit einem kräftigen Schluck aus dem Flachmann. Was bleibt ihnen anderes übrig? Alkohol und Drogen betäuben den Schmerz und die Angst vor einer ungewissen Zukunft.

Flashback ins 19. Jahrhundert: Der Arzt Thomas entdeckt, dass die Heilquelle eines gewinnbringenden Kurbades verseucht ist. Mit der Presse an seiner Seite will er die Wahrheit ans Licht bringen, gegen den Widerstand des Bürgermeisters und des Gerbereibesitzers, der die Verseuchung zu verantworten hat. Es stehen kühle Geschäftsinteressen gegen Ehrlichkeit. Macht gegen Recht. Bald schon knickt die angeblich freie Presse ein und mobilisiert gegen Thomas. Die Sperrung der Quelle würde schließlich den finanziellen Ruin einer ganzen Stadt bedeuten. Doch der Kurarzt bleibt stark und steht zu seinen Idealen, auch wenn er damit nicht nur sich, sondern die Existenz seiner ganzen Familie gefährdet.

Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

»Un-Gehorsam« heißt die erste Studioinszenierung der acht neuen Theaterstudenten. Die Grundlage bildet Hendrik Ibsens 1882 verfasstes Werk »Ein Volksfeind«. Zu diesem wird der Arzt Thomas, weil er die Existenz des Kurortes gefährdet und dabei doch eigentlich nur Menschenleben retten will.
Ibsen erdachte diesen Charakter mit großer Raffinesse. Am Anfang sind die Fronten klar: guter idealistischer Badearzt gegen profitorientierte Mehrheit. Im Laufe des Stückes muss man sich jedoch eingestehen, dass Thomas nicht pragmatisch denkt, dass sein Beharren auf Recht und Wahrheit fanatische Züge annimmt, ihm wichtiger ist als das Wohl seiner Frau und Kinder.

Es ist eine stets aktuelle Diskussion: Pragmatismus oder Idealismus? Wie groß ist die Macht der Mehrheit und wie beeinflussbar die öffentliche Meinung?

Jugend ohne Zukunft

Dagegensein ist modern, ist traditionsgemäß Aufgabe der Jugend. Es wird erwartet, dass wir rebellieren. Bleibt nur die Frage: Wogegen?
Rollen werden getauscht, die Musik verändert, und das Publikum befindet sich mitten in der anonymen Welt von heute oder in 50 Jahren. Einblicke in die Haushalte sogenannter bildungsferner Schichten: Eine überforderte Mutter beschimpft ihre Tochter als faule Schlampe. Diese hat dem nichts anderes entgegenzusetzen als
»Ich hab dich lieb«. Am Telefon sucht eine von ihrem Freund misshandelte Frau Trost, den sie bei ihrer Bekannten jedoch nicht findet, im Fernsehen laufen Castingshows. Eine neu gegründete Terrorzelle ruft zur Revolution auf. Weil ein junger Mann diesem Ruf folgt, wird er von seinem Vater verstoßen. Nachts dröhnen sich junge Menschen mit Drogen und elektronischer Musik zu, versuchen so Zeit und Raum zu vergessen.

Diese frei von Ibsen gestalteten Szenen haben die Studenten teilweise selbst erdacht, teilweise aus anderen Quellen entnommen. »Die Clubszene beispielsweise stammt aus dem Film »Human Traffic«, erklärt die Dramaturgin Maria Senf nach der Premiere des Stückes am 3. Februar. » Alle haben extrem hart gearbeitet und unglaublich viel Energie aufgewendet.« Dass diese förmlich von der Bühne ins Publikum geflossen ist, kann niemand, der dabei gewesen ist, bestreiten. Allein die Ausdruckskraft der jungen Schauspieler ist beeindruckend. Zusätzlich unterstützt werden sie durch kraftvolle Musik und Leinwandprojektionen. So wird der Theatergang zu einem einzigartigen audiovisuellen Erlebnis.

Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

Doch scheint es, als wolle man in der Kürze der Zeit die gesamte aktuelle Gesellschaftskritik einbringen. Zur besseren Profilierung jedes einzelnen Theaterstudenten werden öfter die Rollen getauscht. Das heißt, jeder Schauspieler war mindestens einmal Thomas oder eine der Nebenfiguren. Das erfordert alles im allem große Aufmerksamkeit seitens des Publikums.

Der Wechsel zwischen den zwei verschiedenen Handlungssträngen geschieht fließend und wird deutlich erkennbar. Allerdings ist es zum besseren Verständnis des Stücks empfehlenswert, vorher Ibsens »Volksfeind« gelesen zu haben.

Leichte Kost ist »Un-Gehorsam« keinesfalls. Viele Fragen werden aufgeworfen, über die es sich nachzudenken lohnt. An einer Stelle bringt ein Schauspieler dies treffend zum Ausdruck: »Ich glaube, mein Kopf explodiert! Gerne hätte ich jetzt einen Knopf, um den Rauch aus den Ohren zu lassen. Da wäre noch so viel zu sagen, noch so viel zu fragen. Ich würde zu gerne auf den Punkt kommen.«

Auf den Punkt kommen, das wünscht man sich in diesem Moment im Publikum auch. Doch vielleicht gibt es den gar nicht – vielleicht muss jeder die Antworten selbst herausfinden.

Über Katharina Deparade

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Erstellt: 23.04. 2012 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:14