Dez 2012 hastuUNI Nr. 44 0

Studium und Politik –
ein (un-) möglicher Spagat?

Tina ist Studentin an der MLU und Landesvorsitzende der Piraten. Henriette sitzt für die Linke im Landtag. hastuzeit fragte die beiden, wie sie Politik und Studium miteinander vereinbaren.

Mit 22 Jahren ist Tina die jüngste Landesvorsitzende ihrer Partei in ganz Deutschland.
Foto: privat

Tina Otten ist 22 Jahre alt und studiert an der Martin-Luther-Universität Politikwissenschaft. Seit einem Jahr ist sie Mitglied in der Piratenpartei und wurde im Oktober zur Landesvorsitzenden gewählt. Bevor Tina in das Amt berufen wurde, koordinierte sie unter anderem den OB-Wahlkampf und organisierte Symposien. Die 22-Jährige »mag das Profil der Piratenpartei und dass da etwas komplett Neues entsteht.« Anfangs wollte sie nur theoretisch und programmatisch arbeiten, »aber dann kristallisierte sich heraus, dass jemand, der anpackt, dringender benötigt wird, und deswegen ist das mein neues Aufgabenfeld geworden.« Tina sieht den Vorstand als Organisationsarbeitsgruppe für den ganzen Landesverband. »Bei uns kommt alles an: Presseanfragen, Einladungen zu diversen Veranstaltungen und so weiter. Wir im Vorstand versuchen dann die Aufgaben an die Mitglieder weiterzuverteilen, und ich bemühe mich dabei, den Überblick zu behalten.« Zukünftig will sich die Politikstudentin für die Schaffung neuer Strukturen in der Piratenpartei einsetzen. »Die programmatische Arbeit soll sich weiterentwickeln und die Arbeitsgruppen wiederbelebt werden.«

Doch inwiefern lassen sich die vielfältigen politischen Aufgaben und das Studium miteinander vereinbaren? Tina meint, dass »es Disziplin und Organisationstalent erfordert und man sich nicht in den beiden Aufgaben verlieren darf. Damit beides gelingt, ist es wichtig, sich Grenzen zu setzen.« Auf die Frage, ob sie sich selbst als Politikerin oder Studentin sieht, antwortet Tina, »dass es sich vom zeitlichen Aufwand nicht viel nimmt. Acht Stunden am Tag verbringe ich mit der Erledigung von universitären Sachen, und genauso viel Zeit investiere ich in das Amt der Landesvorsitzenden.« Tagsüber ist sie Studentin und konzentriert sich völlig auf ihr Studium. Am Abend und an den Wochenenden finden oftmals Parteiveranstaltungen statt, und dann stehen diese Aufgaben im Vordergrund. Viel Zeit für Freizeitaktivitäten bleibt bei diesem straffen Tagesablauf natürlich nicht. »Ich habe einen Hund, der viel Aufmerksamkeit braucht, aber ansonsten macht mir die Parteiarbeit Spaß und ist auch eng mit meinem Privatleben verknüpft.« Manchmal kommt auch die Uni zu kurz, aber das Bachelorsystem ermöglicht Tina, Klausuren auch einmal zu verschieben. Wenn sie beispielsweise wenig Zeit zum Lernen hatte, kann sie die Arbeiten zum zweiten Termin schreiben. Obwohl sie mit 22 Jahren die jüngste Vorsitzende einer Partei in Sachsen-Anhalt ist, empfindet Tina ihr Alter nicht als Problem, »da ich generell keinen Führungsanspruch habe.« Sie sieht sich »als Teamleiterin des Vorstandes und nicht als Chef. Die verschiedenen Aufgaben werden bei uns verstreut, damit das Monopol von Wissen und Handeln nicht nur bei einer Person liegt.«

Henriette ist schon ein politisches »Urgestein«: Bereits mit 14 Jahren engagierte sie sich und ging unter anderem auf Demonstrationen.
Foto: privat

Henriette Quade ist 28 Jahre alt und seit zwölf Jahren Mitglied bei den Linken (früher PDS). Seit 2003 studiert sie germanistische Literatur­wissenschaft, Zeitgeschichte sowie Wirtschafts- und Sozial­geschichte an der Martin-Luther-Universität. Im Moment ist sie zwar als Studentin eingeschrieben, beschäftigt sich zur Zeit aber hauptsächlich im Landtag von Sachsen-Anhalt. Dort ist sie seit März 2011 als flüchtlings-, migrations- und asylpolitische Sprecherin ihrer Fraktion tätig. Als Henriette im Jahr 2000 in die PDS eintrat, war sie noch Schülerin und engagierte sich von 2001 bis 2009 als stellvertretende Vorsitzende der PDS/Linken in Halle. Ihr war klar, und das »habe ich bewusst in Kauf genommen«, dass sie ihr Studium sehr wahrscheinlich nicht in der Regelstudienzeit beenden wird. »Diese Entscheidung habe ich getroffen, bevor ich mich zur stellvertretenden Landesvorsitzenden Sachsen-Anhalts zur Wahl gestellt habe und dann auch geworden bin.« Das war vor drei Jahren. Im Moment hat sie mit der Aufgabe als Landtagsabgeordnete vollauf zu tun. »Dafür bin ich gewählt worden, und das füllt mich aus.« Aber auch schon vorher, als sie noch nicht im Landtag tätig war, kam es immer wieder zu Terminkonflikten. »Es gibt Veranstaltungen, die ganztägig sind und die man als Politiker gern besuchen möchte. Dann muss man sich entscheiden: Studium oder Politik? Das kann einen auch mal überfordern.« Durch ihr politisches Engagement blieb Henriettes Studium natürlich auch auf der Strecke, aber auf die Frage, wo sie sich in drei Jahren sieht, sagt sie: »Ich hoffe, dass ich mein Studium bis dahin abgeschlossen habe. Auch wenn ich dann nicht mehr im Landtag sein sollte: politisch engagiert bleibe ich auf jeden Fall.«

Tina dagegen wird in den nächsten Jahren neben ihrem Studium auch die Geschicke der Piratenpartei in Sachsen-Anhalt lenken. Für sie ist der Spagat zwischen Studium und Politik durchaus denkbar, »wenn man sich selbst Grenzen setzt und diszipliniert und organisiert ist.«

Die Interviews führten Jenny Weber und Tom Leonhardt für »Unimono«, die studentische Sendung auf Radio Corax. Den Beitrag der beiden könnt Ihr Euch unter www.unimono.de anhören.

Neben Henriette und Tina gibt es noch weitere MLU-Studis, die in der Landespolitik aktiv sind: Patrick Wanzek ist für die SPD im Landtag, ebenso Jan Wagner (Linke). Außerdem ist Sebastian Lüdecke Landesvorsitzender bei den Grünen.

Über Christine Klose

Erstellt: 13.12. 2012 | Bearbeitet: 13.12. 2012 22:26