Jan 2012 hastuUNI Nr. 40 1

So viel Zukunft, so wenig Zeit

Für den Wissenschaftsrat gibt sich die Martin-Luther-Universität auf die Schnelle ein Profil.

»Das Ganze eilt furchtbar. Wir bitten euch dringend um eure Ideen und Mithilfe«, schrieben die studentischen Senatoren und der Studierendenrat der MLU am 28. November in einer E-Mail an alle Studierenden. Etwas entspannter liest sich eine neue Mail acht Wochen später, in welcher der Stura interessierte Studierende dazu einlädt, ihre Ideen zu den Themen Hochschullehre, Beschäftigungsverhältnisse und Campus-Infrastruktur beizutragen.

Aber der Reihe nach: Ende 2010 hatten sich die Landesregierung und die Hochschulen Sachsen-Anhalts auf Zielvereinbarungen für die nachfolgenden drei Jahre geeinigt. Laut Rahmenvereinbarung erarbeiten die Hochschulen in dieser Zeit Struktur- und Entwicklungspläne nach Vorgaben des Landes. Zur Vorbereitung solle »hochrangige externe Expertise, z. B. der Wissenschaftsrat, um die Erarbeitung einer Begutachtung gebeten werden [...]« Der Wissenschaftsrat ist ein deutschlandweites Beratungsgremium für Bund und Länder, das überwiegend aus Professoren und Bildungspolitikern besteht. Auch Wissenschaftsministerin Wolff und ihr Staatssekretär Tullner sind Mitglied in der Verwaltungskommission des Rats.

So konnte es grundsätzlich nicht überraschen, dass sich der Wissenschaftsrat bei der Martin-Luther-Universität für einen Besuch ankündigte. Für Unruhe sorgte jedoch der umfangreiche, immerhin 55 Punkte umfassende Fragenkatalog, den die Universität im Oktober des vergangenen Jahres erhielt und deren Antworten sie bis 13. Januar einreichen sollte; die Frist wurde dann noch einmal um zwölf Tage verlängert.

Diskussion nicht beendet

Der knappe Zeitrahmen stieß auf Kritik, unter anderem bei den studentischen Senatoren, dem Studierendenrat und dem Personalrat der Universität. Besonders ärgerte es sie, dass das Rektorat seine Antworten weitgehend intern, teilweise noch mit den Dekanen der Fakultäten ausgearbeitet und erst am 21. Dezember bei einer Sondersitzung des Senats zur Diskussion gestellt hatte. Die Vertretungen der Studierenden und Beschäftigten fühlten sich ausgeschlossen von der Mitarbeit an einem Dokument, in dem die Universität nicht nur ihren gegenwärtigen Stand beschreibt, sondern auch bereits ihre Vorstellungen zur zukünftigen Struktur und Entwicklung erläutert.

Doch besonders die ersten Fragen des Wissenschaftsrates zum Leitbild und Profil der Hochschule hatten es in sich, denn ein Leitbild hatte sich die Universität bisher nicht gegeben, und ihr Profil hielt sie für nicht besonders vorzeigbar: es bestand hauptsächlich aus dem Lehramtsstudium sowie den vier Forschungsschwerpunkten, zu denen sie sich 2004 unter dem Druck der damaligen finanziellen Kürzungen bekannt hatte und die vom Land unter dem Schlagwort »Exzellenzinitiative« bevorzugt gefördert werden.

Dieses Mal sollte die Profildiskussion grundsätzlich und unabhängig von möglichen Einsparungen geführt werden, erklärten Ministerin Wolff gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung und Rektor Sträter in der Onlineausgabe des hauseigenen Magazins »Scientia Halensis«. Zugleich bemühten sich beide erst gar nicht, das Offensichtliche abzustreiten: dass demnächst wieder Kürzungen in unbestimmter Höhe zu erwarten sind – schließlich sind die demographische Entwicklung und die Finanzsituation des Landes zwei wesentliche Gründe, aus denen die Strukturdiskussion überhaupt geführt werden soll. Uni-Kanzler Hecht geht davon aus, dass bis zum Jahr 2014 von den 1855 Mitarbeiterstellen der MLU 100 abgebaut werden müssen. Ab 2015 erwartet das Rektorat, keine Fördermittel mehr aus dem Hochschulpakt 2020 zu erhalten, mit denen bisher zusätzliche Plätze für Studienanfänger finanziert werden.

Und so überschatten finanzielle Erwägungen, die offiziell (noch) nicht zur Debatte stehen, die Profildiskussion nun doch. Insbesondere Professoren und Mitarbeiter kleinerer Fächer oder solcher, die sich in den offiziell benannten Forschungsschwerpunkten nicht wiederfinden, fürchten bereits um den Fortbestand ihrer Bereiche. Rektor Sträter versuchte die Wogen zu glätten, indem er betonte, dass zu einer Universität nicht nur Forschungsschwerpunkte gehörten. Und überhaupt: »Die Antworten an den Wissenschaftsrat sind das eine. Unsere Profildiskussion werden wir auch danach fortsetzen.«

Tendenz fallend

Dass Schlagwörter wie »Umstrukturierung«, »Entwicklung« und »Profilbildung« letztlich für Kürzungen und Stellenstreichungen stehen, damit hat die Martin-Luther-Universität seit der Wende reichlich Erfahrung gesammelt. Bertolt Marquardt vom Personalrat der Uni rechnet vor, dass von 1989 bis heute 75 Prozent der Stellen weggefallen seien: Wenn man die Beschäftigten mitzähle, die damals an der TH Merseburg und der PH Halle-Köthen angestellt waren und deren Bereiche 1993 in die Martin-Luther-Universität integriert wurden, waren es seinerzeit 7001 Stellen (ohne den Bereich Medizin), die bis zum Jahr 2001 schrittweise auf 2455 Stellen reduziert werden sollten.

Nach der Neuordnung der Hochschullandschaft kam die nächste große Kürzung im Jahr 2000 auf die Universität zu, als die Landesregierung beschloss, die Zahl der landesweiten Studienplätze bis 2004 auf 80 Prozent zu kürzen. Laut demographischer Prognosen benötige das Land nämlich weniger Kapazitäten an den Hochschulen; statt bisher 14 100 Studienplätzen sollte die MLU mit nur noch 11 050 Studienplätzen planen, entsprechend sank auch die Anzahl der Beschäftigten weiter. Allein die Zahl der Studierenden stieg unbeirrt.

Ende 2003 kündigte das Kultusministerium unter dem Titel »Hochschulstruktur­entwurf« weitere Kürzungen an: Die Hochschulen sollten bis 2006 durchschnittlich 10 Prozent ihres Haushalts einsparen, die Uni Halle sogar 12 Prozent. Daraufhin brachen die Neuimmatrikulationen an der MLU tatsächlich vorübergehend ein, aber nur, weil die Universität flächendeckende Zugangsbeschränkungen eingeführt hatte. Außerdem strukturierte sie 2006 die Fakultäten neu und schloss den Fachbereich Ingenieurwissenschaften.

Aktuell sind nur noch 1855 Mitarbeiterstellen an der Uni Halle vorgesehen, von denen laut Marquardt 100 nicht besetzt sind. Zugleich hat die Universität im Wintersemester 2011/12 erstmals die Schwelle von 20 000 Studierenden überschritten. Ganz so dramatisch ist das Missverhältnis in der Praxis nicht: Wo reguläre Beschäftigte fehlen, helfen die Fakultäten zunehmend mit (schlecht bezahlten und kurzfristigen) Lehraufträgen aus – diese sind nicht so einfach zu beziffern, weil sie nicht aus Personal-, sondern aus Sachmitteln finanziert werden und weil deren Verträge unterschiedlich lange laufen. Vereinzelt kommen auch Mitarbeiter aus Drittmittelprojekten in der Lehre zum Einsatz. Mit diesen Notlösungen sind jedoch Personalrat wie auch Studierendenrat nicht zufrieden. Zwar bekennt sich die Universität in ihrer Antwort an den Wissenschaftsrat zur Einheit von Forschung und Lehre, aber die Rolle der Mitarbeiter kommt gegenüber derjenigen der Professoren kaum zur Sprache. »Der Wissenschaftsrat wird nun einmal von Professoren dominiert«, meint Marquardt – und im Senat der Universität haben ebenfalls Professoren die Mehrheit.

In den kommenden Monaten wird eine Kommission des Wissenschaftsrates die Hochschulen des Landes vor Ort besuchen. Als letztes wird am 2. und 3. Mai die Martin-Luther-Universität in Augenschein genommen. Unterdessen nimmt der Studierendenrat Rektor Sträter beim Wort und will die Profildiskussion weiterführen. Studentische Interessen sollen dabei stärker zum Tragen kommen.

Über Konrad Dieterich

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Erstellt: 24.01. 2012 | Bearbeitet: 08.07. 2014 21:58