Dez 2012 hastuPAUSE Nr. 44 0

Sex mal anders

Über Sadomasochismus kursieren absurde Vorstellungen, doch manches bestätigt sich auch.

Foto: Christian Schoen

Eine attraktive Frau in Latex peitscht einen gefesselten, schmerzerfüllt dreinblickenden Mann aus. So wird SM oft in Spielfilmen dargestellt, doch in der Realität ist dies meist anders.

BDSM steht für Bondage & Disziplin und Sadomasochismus, wird aber auch häufig nur SM genannt. Darunter fallen jedoch eine Vielzahl an sexuellen Praktiken, und manch eine Person hat diese auch schon ausgeübt. »Nicht jeder, der so etwas macht, fühlt sich dieser Szene zugehörig«, meint Suse, eine Besucherin und Organisatorin des SM-Stammtisches in Halle. »SM fängt schon bei heißem Wachs und Fesselspielen an.«

SM-Stammtisch im Black Angel

Suse ist seit drei Jahren beim SM-Stammtisch, der seit zehn Jahren existiert und sich im Black Angel in der Ludwig-Wucherer-Straße 42 trifft. Die Kneipe steht zum Teil im Schatten der SMler, denn nicht wenige halten diese für einen reinen SM-Schuppen. Dabei findet in der Regel ein gewöhnlicher Kneipenbetrieb statt, bei dem keineswegs rund um die Uhr SM ausgeübt wird. Auch die Vorstellung über den Ablauf des Stammtisches, der immer am ersten Dienstag des Monats zusammenkommt, herrschen teilweise rege Fantasien. Dabei kommen viele in »ganz gewöhnlicher Kleidung«. Wer also zum Stammtisch will, wird diesen nicht zwangsläufig sofort erkennen, aber auf Nachfrage am Tresen nach der »Stammi-Mammi« wird einem geholfen. Dabei wird sich über allerlei unterhalten, nicht ausschließlich SM. Viele SMler stören die Vorstellungen anderer Menschen über ihre sexuelle Praxis.

Ob Subkultur oder sexuelle Abweichung, Königsklasse im Sex oder Perversion – wenn es um Sadomasochismus geht, gibt es viele Meinungen. Dass es beim erotischen und einvernehmlichen Sadomasochismus nicht nur um Schmerzen geht, wissen wenige. Immer noch hat die Szene mit Klischees zu kämpfen, es werden blutige Verletzungen, Fetisch und Fesselpraktiken in einen Topf geworfen. Andererseits wächst die SM-Szene zusammen mit ihren Plattformen und auch das Interesse an dieser. Die Trilogie »Shades Of Grey« von E.L. James, ein Soft-SM-Roman, gehört heute zu den Bestsellern. Und es wurde der Dokumentarfilm »Heute weiß es jeder« gedreht, den sich der SM-Stammtisch zusammen ansehen will, eben ein ganz gewöhnlicher Filmabend.

Sicherheit und Vertrauen

Hinter BDSM verbergen sich diverse Praktiken des Lustgewinns. Zu Fesselspielen, Macht und Unterwerfung können zahlreiche Hilfsmittel zum Einsatz kommen, die Nerven stimulieren oder auch die Erotik im Kopf steigern sollen. Eine Penetration ist dabei nicht zwingend vonnöten. Nicht nur Peitschen, Ketten und Seile gehören dazu, sondern auch Wachs, Nadeln, Katheter, Reizstromgeräte oder Frischhaltefolie. Da diese teilweise gefährlich oder falsch angewendet werden können, rät Suse, sich »seine Informationen nicht irgendwo aus dem Netz zu holen, sondern sich mit Leuten zu unterhalten, die in der Szene unterwegs sind und sich auskennen.« In den zahlreichen Foren im Internet tummelten sich zudem Menschen, die darin einen Freischein für Gewalt sähen. Unter den zahlreichen Websites sei sklavenzentrale.com erwähnt. Dabei handelt es sich um eine Plattform, die Personen und Stammtische der SM-Szene überregional verbindet. Sie hatte 2010 über 190 000 registrierte, davon 40 000 verifizierte Personen gelistet. Dort stellen viele Mitglieder ihre erotischen Bilder zur Schau.

Foto: privat

SM diene der Lust und dem Spaß. Ron, ein weiterer SMler, drückt es folgendermaßen aus: »… so rankten sich seine Arme um sie … kaum in der Lage sich zu bewegen … doch dann bemerkte sie, dass sie in dieser Enge ihre Freiheit fand …«

Alles solle langsam angegangen werden, rät Suse, Schritt für Schritt. Um jemanden beispielsweise zu fesseln, ist es nötig zu lernen, wie und wo diese angelegt werden müssen, um keine Gefahr einzugehen und dies zu einem schönen Erlebnis zu machen. »Die absolute Grundlage ist es, dem Partner zu vertrauen, weil man die Verantwortung für sich und seinen Körper in die Hände seines Partners legt«, betont Suse immer wieder. Die Gesundheit müsse dem Dominanten zudem das Wichtigste sein. SM sei ein Spiel zur Ergänzung des »ganz normalen Blümchensex« oder auch die »Königsklasse des Sex«. Natürlich gibt es die altbekannten Codewörter, denn nein bedeutet nicht unbedingt nein; zwischen Partnern ist dies jedoch nicht unbedingt notwendig, und auch an einem Szenevokabular mangelt es nicht. Aber nicht jede Person kennt den Ring der O, der an der linken Hand getragen für Dominanz steht, an der rechten trägt ihn der Devote, und wer sich nicht einordnen lassen will, trägt diesen um den Hals oder eben gar nicht.

Um Dominanz geht es häufig. Eine Person ist der Dominante und die andere der Devote. Doch Suse klärt auf: »Eigentlich ist der Devote die bestimmende Person, da sie festlegt, was gemacht wird und was nicht.«

Spaß und »Spiele«

Etwas anderer Art sind die »Spieleabende« am ersten Samstag im Monat im Black Angel. Dort wird eine besondere Kleidung erwartet: Lack-Leder-Latex, Dessous, Fantasy oder eine elegante Abendgarderobe. Vorne ist die Kneipe dann in Betrieb, und hinten können auch mal die Geräte und Hilfsmittel des Black Angel für SM genutzt werden. Häufig sind Gäste auch Paare, mal toleranter, was das »Spiel« mit Dritten angeht, und ein anderes Mal auch nicht. »Einige lassen auch die Türen offen, da kann dann zugesehen werden.« Viel Exotisches beim Sex werde dem SM zugeordnet, und viel kann dort auch gefunden werden, selbst wenn es nicht dazu gehören muss, wie beispielsweise der Latex-Fetisch. Es existieren sogar sogenannte SM-Studios, dort können Räumlichkeiten und Geräte gemietet werden oder zusätzlich auch eine Domina; bei denen sei allerdings auch ein intensives Vorgespräch nötig. Es werde auch die Anrede Herr und Meister genutzt, allerdings erst »nach einem Treffen auf Augenhöhe«.

BDSM soll Spaß und Lust bringen. Schön findet Suse auch, danach den Partner in die Arme zu nehmen und zu sagen oder zu hören: »Du warst stark, einfach toll!« Vielleicht findet sie es auch sehr schön, weil in der SM-Szene in Halle viel gelacht wird, auch mal beim »Spielen«. Über Leute, die SMler diffamieren, macht sie auch einen Witz: »Wir sind die Bäh-versen.« Denn »SM steht für Sprechende Menschen«, die miteinander über ihre Wünsche und Gefühle reden und Sex nicht totschweigen. Sie findet es schade, dass sie dies erst vor drei Jahren entdeckte und ihr dadurch viel in ihrem Leben entgangen ist. Denn: »Man muss es erleben, du kannst niemanden mit Worten davon überzeugen.«

Eine »Enzyklopädie des Sadomasochismus« findet Ihr auf www.datenschlag.org/papiertiger

Matthias Grimme hat »Das SM-Handbuch« geschrieben. Es ist im Charon-Verlag erschienen, hat 254 Seiten und kostet 21,50 EUR.

Über Frank Röller

,

Erstellt: 14.12. 2012 | Bearbeitet: 17.12. 2012 10:24