Mai 2012 hastuINTERESSE Nr. 42 0

Schnitzeljagd für die Großen

Noch ein Grund mehr, in die Natur zu gehen und wieder einmal richtig Kind sein zu dürfen!

hastuzeit-Autorin Jennifer (mitte) mit Frank (links) und Tina (rechts) beim Geocaching (Foto: Tom Leonhardt)

»Genau das ist das Tolle am Cachen, man geht in die Natur! Aber nicht einfach nur zum Spazieren, sondern man sucht und beschäftigt sich auf eine ganz neue Art und Weise. So kam ich in Halle in Ecken, die ich sonst nie beachtet hätte«, sagt Tina über das Geocaching. Sie begleitet oft ihren Vater Frank, einen begeisterten Geocacher. Mit knapp 830 gefundenen Caches in nur einem Jahr ist Frank Experte auf dem Gebiet. Beide nehmen mich heute mit auf eine Tour. Ausgestattet mit einem GPS-Gerät und der Anleitung des Caches aus dem Internet machen wir uns auf den Weg, das Rätsel zu lösen. Auf dem Gebiet der Franckeschen Stiftungen sollen wir Kunst und Architektur wiedererkennen. Der Trick dabei: Wir haben lediglich kleine Bildausschnitte und müssen diese Details bei den zahlreichen Skulpturen, Bauwerken und Kunstobjekten wiederfinden. Haben wir ein Bild zugeordnet, so können wir die Nummer des Bildes zu einer Koordinate hinzufügen. Nur so gelangen wir am Ende zu der Zielkoordinate und damit letztlich zu dem Cache. Nach etwa einer halben Stunde haben wir alle Stationen abgelaufen, alle rätselhaften Fotos zu Skulpturen und Bauwerken zugeordnet, Koordinaten berechnet und den Cache aus seinem Versteck gelockt. Zugegeben, diese Tour war nicht schwer, aber spannend allemal.

Das Spiel Geocaching

Bei diesem Spiel, dem sogenannten Geocaching, handelt es sich um eine Art elektronische Schatzsuche. Es gibt also Leute, die sich in ihrer Freizeit Rätsel ausdenken, in der Natur oder in der Stadt Informationen dazu vor Ort verstecken und die ganze Anleitung online stellen. Daher auch elektronische Schatzsuche. Hat man ein GPS-Gerät zur Hand, so kann man sich auf die Suche nach den ominösen Caches begeben. Meist handelt es sich dabei um kleine, wasserdichte Behälter, vorzugsweise Filmdosen. »Man kann sich aber auch an Nano-Caches, die kaum größer sind als Münzen, dumm und dämlich suchen«, erklärt Tina. Jedoch behält man die kleinen Gegenstände nicht, sondern trägt sich in ein Logbuch ein und verstaut das Gefundene so, wie man es vorfand. Das Motto lautet hier »Der Weg ist das Ziel!«

Die Ursprünge des Geocachings finden sich in den USA. Am 3. Mai 2000 vergrub Dave Ulmer im US-Bundesstaat Oregon an der Position 45° 17′ 28″ N, 122° 24′ 48″ W einen schwarzen Plastikeimer und legte damit den Grundstein des modernen Cachings. In dem Eimer platzierte er neben CDs, einer Videokassette, Geldscheinen, einem Buch und einer Steinschleuder auch eine Konservendose mit Bohnen. Dann veröffentlichte er die Daten in einem Internetforum, und innerhalb eines Tages wurde der »Schatz« auch gefunden. Die Erstellung einer großen Internetplattform, worin alle weiteren Caches eingetragen werden konnten, war nur eine Frage der Zeit. Geocaching.com ist mit
1 720 000 Caches seitdem die größte Datenbank weltweit. First Germany, Deutschlands erster offizieller Cache, wurde am 2. Oktober 2000 bei Berlin gelegt. Rund 228 000 Caches kamen seitdem dazu.

»Caches werden weltweit versteckt.«

Den Cache-Legern sind kaum Grenzen gesetzt, wie sie ihre Routen aufbauen und welche teilweise schweren Aufgaben sie dabei den Suchern stellen. »Wir mussten einmal die bunten Ringel eines gestrickten Strumpfes zählen, um auf die Koordinaten zu schließen. Ein anderes Mal sind wir nachts, mit Stirnlampen bewaffnet, im Wald Reflektoren an Bäumen gefolgt. Die hätte man tagsüber niemals wahrgenommen.« Frank und Tina haben auf ihren Touren bereits so einiges erlebt. »Caches werden weltweit versteckt.« Man kann in und auf Felsspalten, Canyons, berühmten Plätzen und Gebäuden, in den tiefsten Wäldern oder sogar unter Wasser suchen und auch selber verstecken. »Wir haben einmal im Wald einen Cache gesucht und waren absolut sicher, dass er irgendwo um diesen einen Baum versteckt sein muss. Es hat eine Weile gedauert, bis wir darauf kamen, dass man den Pilz am Baum abnehmen kann und sich dahinter ein Nano-Cache verbirgt, kaum größer als mein Fingernagel.« Frank muss nicht lange nachdenken, die teils sehr verrückten Caching-Erfahrungen sprudeln nur so aus ihm heraus. »Einmal war ich ganz froh, dass ich so viel Wasser mitgenommen hatte, als ich auf einer Tour im Wald war. Da war ein Cache in einem Rohr platziert, das man erst einmal fluten musste, um daran zu kommen.«

Lauter verrückte Ideen

Dieser Schuh ist irgendwo an den Franckeschen Stiftungen versteckt (Foto: Tom Leonhardt)

»Beim Geocaching gehe ich gern mal allein auf Tour, aber vor allem bei groß angelegten Multis bietet es sich an, die Rätsel im Team zu lösen. Zudem macht es einfach mehr Spaß, mit Freunden gemeinsam die Natur und das Spiel zu erleben.« Wenn Frank unterwegs ist, auf Reisen oder im Urlaub, sucht er sich im Internet geeignete Routen mit vielen Caches heraus und speichert sie auf seinem GPS-Gerät. So werden lange Autofahrten durch lustige und spannende Zwischenstopps aufgelockert. Manchmal treffen sich auch Geocacher über die Internetplattform zu einem Event. Da besteht die Möglichkeit, an dem einen Tag ganz besondere Caches zu sammeln und Leute der Community kennenzulernen. Es gibt sogar Events, die zur Aufgabe haben, neben dem Cachen den Wald von Müll zu befreien.

Wie bei jedem Spiel gibt es auch hier gewisse Spielregeln. Cacher fühlen sich dazu berufen, vor allem zwei Dinge zu beachten und alles dafür zu tun, dass diese beiden Dinge bleiben, wie sie sind: zum einem ist das die Natur, und zum anderen ist es das Spiel selbst. Demnach sollen Caches stets so angelegt sein, dass sie keinen unnatürlichen Eingriff in die Umgebung verursachen. Das Vergraben von Caches ist verboten, es sollen möglichst natürliche Verstecke gefunden werden. Zudem sollte man darauf achten, dass ein Cache nicht von jedem »Muggel« gefunden werden kann. Cacher bezeichnen so nicht-eingeweihte Personen, die einen Cache finden und entwenden. Das heißt, ein Versteck darf nur dann geplündert werden, wenn niemand zusieht.

Durch das Geocaching erfährt man nicht nur die Natur oder seine Stadt auf eine neue Art und Weise, man erfährt auch sonst viel über die Welt. »Einmal waren die Koordinaten in einer Musikpartitur versteckt. Da ich keine Noten lesen kann, musste ich erst einmal nach Hause und sie übersetzen lernen. Es kam schon öfter vor, dass ich Tina anrief und sie irgendwo etwas nachschauen musste. Ich nenne sie den T-Joker.« Tina muss daraufhin lachen. »Ich sollte einmal den Beruf des Vaters von Hänsel und Gretel herausfinden, zum Glück hat Wiki Grimms Märchen im Original.« Da den Cache-Legern keinerlei Grenzen in ihrer Kreativität gesetzt sind, wird man mit den verschiedensten, kuriosesten und amüsantesten Rätseln konfrontiert. Ebendies macht den Reiz des Spiels aus: die Vielfältigkeit.

Über Jennifer Haase

Erstellt: 31.05. 2012 | Bearbeitet: 07.12. 2012 17:09