Mai 2012 hastuINTERESSE Nr. 42 1

Put the needle to the streets

Einfarbig, bunt, gemustert, mit Bild, figürlich, einfach irgendwie – der Vielfalt scheint kein Ende gesetzt zu sein, wenn es um Urban Knitting geht. Urban Knitting?

Foto: Christian Schön

Der eine oder andere mag bei diesem Begriff noch stutzen, doch daran vorbeigelaufen ist sicherlich fast jeder schon einmal, ohne es zu merken. Es geht zunächst – ganz einfach – ums Stricken. Socken und Pullis waren jedoch gestern. Urban Knitters suchen sich Ampeln, Straßenlaternen, Zäune und alle anderen möglichen Gegenstände einer Stadt, um sie mit ihren Stricknadeln in bunte Blickfänge zu verwandeln. Und warum das Ganze? Für Robert, Student der Geschichte und Politikwissenschaften an der MLU, ist es eine einfache und schnelle Art, die Grauzonen der Stadt in auffällige Streetartobjekte zu verwandeln, ohne aufdringlich zu sein – denn wem es nicht oder sehr gut gefällt, kann die gestrickten Teile schließlich einfach mitnehmen. Im Gegensatz zu Graffiti ist die gestrickte Streetart also restlos entfernbar, was ihr auch den Namen »weiches Graffiti« als Synonym für Urban Knitting eingebracht hat. »Graffiti werden den Menschen quasi aufgezwungen, sie müssen daran vorbeilaufen und es sehen, ob sie wollen oder nicht. Stricken ist da anders. Dadurch, dass man die Teile einfach abnehmen kann, wird den Leuten Respekt entgegengebracht. Sie entscheiden, ob es schön ist oder nicht. Stricken ist ein Statement ohne Zwang«, findet Robert. Daher ist es für ihn auch völlig in Ordnung, wenn sein Gestricktes manchmal nicht mehr an der Laterne hängt, an der er es zurückgelassen hatte. Er strickt schließlich nicht für sich, sondern für andere, seine Werke sollen nur Anregung und Inspiration sein. »Macht was, seid kreativ, habt einfach Spaß am Machen! Ohne den Anspruch zu haben, hier irgendwie große Kunst zu fabrizieren. Das ist es nicht, und darum geht es eben auch nicht. Es geht um die Sache, zwanglos«, sagt Robert, der sich das Stricken selbst auf Youtube beigebracht hat. Doch woher kommt eigentlich diese Strick-Idee?

Die Wurzeln der Streetart

Begonnen haben die Streetartgeschichte im Sommer 1981 in New York die Sprüher »DJ-No« und »Tess« von der »XMEN-Crew«. Diese überschwemmten die Stadt derart mit ihren Stickern und Postern, dass die New York Times und die Daily News mehrmals über ihre mysteriösen Werke in der Stadt berichteten.

Ziel der groß angelegten Stickeraktion war es jedoch nicht, eine völlig neue Untergruppe von Graffiti zu schaffen, sondern lediglich ihre Sprühernamen in der Graffitiszene auf eine bis dahin unbekannte Art und Weise noch weiter bekannt zu machen. Die schwarze Jugend von New York hatte damals auch nicht jeden Tag Geld für Dosen zur Verfügung, da boten die Sticker und Poster schon eine kostengünstige Alternative für »DJ-No« und »Tess«, wie die beiden schnell erkannten.
Heutzutage ist Streetart größtenteils kommerzialisiert, und die Beteiligten wie zum Beispiel »Obey« aka Shepard Fairey und »Swoon« aus New York oder auch »Nomad« aus Berlin verdienen durch den Verkauf von T-Shirts, Büchern oder bei Auftritten und mit Fassadenmalerei ihr Geld.

Der Vorteil von Stickern, Postern und Strickgarn besteht darin, dass man seine Graffiti bei Tageslicht und ohne von den Passanten geächtet zu werden in den Straßen anbringen kann. Obwohl man kurioserweise dasselbe Ziel mit denselben Namen wie bei herkömmlichen Graffiti verfolgt, ist diese Art Graffiti von der Gesellschaft größtenteils akzeptiert. Man bringt seinen Namen also lediglich mit anderen Mitteln auf der Straße an.

Urban Knitting – eine neue Randerscheinung in den Straßen

Im Frühling 2005 wurde in Houston, Texas, die Strickstreetart aka »Urban Knitting« großflächig durch eine Vereinigung, die sich damals »Knitta Please« nannte, ins Leben gerufen, eine Anlehnung an den Song und das gleichnamige Album »Nigga Please« von Ol« Dirty Bastard, welches 1999 erschien. In den Aufzeichnungen über das urbane Stricken werden die USA stets als Ursprungsort genannt. Das ist so aber nicht richtig: Erste vereinzelte Straßenstrickereien in Deutschland tauchten schon im Jahr 2000 vom Berliner Sprüher »Akim« an der Schönhauser Allee und im Rest des damals noch wunderschönen Prenzlauer Berges auf. Dieser begann, seine Graffitistyles nicht mehr nur mit Farbe an Wände zu sprühen, sondern umstrickte Büsche und Bäume in den Straßen Berlins und nutze diese als Befestigung für seine Strick-Outlines. Zu dieser Zeit konnte man im Arbeiter- und Künstlerviertel Prenzlauer Berg noch viele verschiedene Straßenkunstrichtungen bewundern. Heute ist der Stadtteil seiner Kultur durch die Komplettsanierung Zugezogener, welche Anfang 2004 begann, beraubt worden. Nur noch wenige Stellen zeugen heute noch von der kulturellen Vielfalt, die damals in den Straßen zu bewundern war. Der Bezirk ist zu einer Art Yuppiewohnheim verkommen. Viele Künstler wurden durch steigende Mieten vertrieben. Friedrichshain und Kreuzberg sind heute die kulturellen Zentren der Szene, statt wie damals Prenzlauer Berg und Mitte. Der letzte Fels in der Brandung in Berlin Mitte ist das »Tacheles«, wo auch weiterhin viele Ausstellungen und Events stattfinden. Viel Strickkunst kann man dagegen heute noch in Montreal, Kanada oder auch in Barcelona, Spanien betrachten; diese gelten als Hochburgen des sogenannten »Urban Knittings«. Die im Sommer 1979 durch den Sprüher »Tatu« gegründete »XMEN-Crew«, welche die Streetartgeschichte Anfang der 80er eher unbeabsichtigt ins Rollen gebracht hat, ist heute weltweit aktiv. Nicht nur in New York, Chicago, in verschiedenen Orten in Florida und Arizona, sondern auch in Teilen Japans, in Berlin sowie in Manchester sind heute Personen ansässig, welche die »XMEN« vertreten.

Robert hat eine sehr enge Beziehung zu seinen Strickarbeiten …

Roberts Strickwerke, die überall im Zentrum Halles zu entdecken sind, stellen meist Pixelbilder dar. Seine Vorlagen sind die Pixelfiguren und -bilder alter Computerspiele wie Super Metroid oder Mega Man. Im Moment versucht er sich an Pixelgesichtern, und auch den QR-Code hat er sich als Vorlage genommen. Die Pixelmuster ließen sich zudem schnell und einfach stricken – für ein einfaches Stück benötigt Robert circa zwei Stunden.
Wo seine Strickereien in Halle genau zu finden sind, verrät er jedoch nicht. »Das müsst ihr schon selbst entdecken. Augen auf!«

Über Nora Klöpper

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Erstellt: 26.05. 2012 | Bearbeitet: 07.12. 2012 17:10