Mai 2012 hastuINTERESSE Nr. 42 2

(o_O) verwirrt?

Simsen versaut unsere Sprache. Angeblich.

Illustration: Sofia Maya

Zeichen und Symbole finden sich einfach überall. Vielleicht habt Ihr selbst gerade eins auf der Straße mit dem Fahrrad oder Auto ignoriert, dank ihnen den Weg zum Klo gefunden oder im Supermarkt mit einem Blick die guten Bioprodukte erkannt. Prinzipiell sind Symbole Bedeutungsträger. Um deren Bedeutung zu erkennen, muss diese entweder ziemlich offensichtlich sein, oder man muss sie gelernt haben. Bei der txt spk trifft vermutlich beides zu.

Keine Kommunikationstechnologie hat sich so rasant und erfolgreich verbreitet wie das Handy. Jede Sekunde werden in Deutschland 923 SMS verschickt. Simsen ist mittlerweile eingetragen im Duden, und Verlage bringen Bücher mit SMS-Literatur, also Texten in SMS-Länge, heraus. Vor allem die jungen Leute bedienen sich der neuen Technologien. Stets und ständig überall erreichbar sein. Unterwegs Absprachen treffen. Alles möglichst schnell. Ebenso geschwind verbreitet sich die Meinung, dass diese neue Entwicklung der Kommunikation schwere Folgen habe und die Sprache der jungen Generation zusehends verkümmere. Dabei haben wir lediglich die Sparmentalität der Älteren mit in die Schrift übernommen: Sprachökonomie, so nennt sich der Kampf, alle wichtigen Infos in 160 Zeichen zu quetschen. Und es klappt erstaunlich gut! Dank cu, rumian und vmd kann man immerhin die Endfloskel kurz halten.

Die Abkürzungen, die wir in SMS nutzen, finden sich genauso in Chats und bei Facebook-Kommentaren. Hauptsache, man bringt die Message schnell und verständlich rüber. Den berühmten lol und rofl begegnet man hier besonders häufig. Es geht vor allem darum, sein Mitteilungsbedürfnis stillen zu können. Den anderen an den eigenen Ereignissen und Geschehnissen teilhaben zu lassen und mitzureißen. Symbole und Zeichen, die stets verkürzen, sind dafür bestens geeignet. Dies führt jedoch zu dem Problem, dass durch dieses Komprimieren und Fragmentieren jeglicher Charme verloren geht und es nur allzu oft harsch und gebieterisch klingt. Deshalb bedient man sich der Emoticons, um die Lage zu entspannen und zu verdeutlichen. Einige Fanatiker finden zu jedem Satz ein :‌D und :C. Zusehends verbreiten sich die kleinen japanischen Freunde, die wenigstens nicht auf der Seite liegen. ^_^, ^___^ und ^______^ drücken das Ausmaß des Lachens aus, und (+_°) nach einer durchzechten Nacht gibt bestens die aktuelle Stimmung wieder.

Bedeutet dies nun, dass wir durch zu viele SMS und Twitternachrichten unser gutes altes Sprachverständnis verlieren? Dass wir nur noch in den kryptischen Abkürzungen und Symbolen schreiben und gar sprechen? Wissenschaftler haben endlich aufgeräumt mit dem Gerücht um die Sprachverkommenheit der Jugend: Die Entwicklungspsychologin Clare Wood von der Universität im britischen Coventry untersuchte eine Reihe Kinder und Jugendliche in England. Sie verglich deren Sprach- und Schreibfähigkeiten mit der Häufigkeit des SMS-Schreibens, und siehe da, es konnte kein negativer Einfluss einer exzessiven SMS-Kürzel-Nutzung auf die allgemeine Sprache gefunden werden. Ganz im Gegenteil: vor allem bei jüngeren Kindern stellt die text speak mitunter den ersten Kontakt mit der geschriebenen Sprache dar und führt dazu, dass sie sehr früh ein sprachliches Bewusstsein ausbilden. Auch wenn n8 geschrieben wird, wissen die Kinder, dass es korrekt Nacht heißt.
Es kann also aufgeatmet werden. Anscheinend ist es gar nicht so schwer, den Unterschied zu erkennen: eine SMS ist eben keine Mail an den Prof, da nutzt man kein cu. Eine mündliche Prüfung ist auch kein luftiges Gespräch über den letzten guten Kinofilm (meistens), da hat eben ein lol als Kommentar nichts zu suchen.
Ansonsten kann man guten Gewissens abkürzen und so viele Smileys erfinden, bis das Maß der Unverständlichkeit vollständig erreicht ist.

\,,/(-_-)\,,/ Keep rockin'

Über Jennifer Haase

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Erstellt: 24.05. 2012 | Bearbeitet: 07.12. 2012 17:10