Apr 2012 hastuPAUSE Nr. 41 0

Never Give Up: Poetry Slam

Zwei Mädchen stehen auf einer Bühne, jede ein Mikrofon vor sich, A4-Blätter in der Hand. Keine Instrumente. Erwartungsvolle Blicke. Was passiert jetzt?


»Wenn Du jetzt fotografierst, dann bitte nicht mit Blitz.« Das ist sicher nicht der beste erste Satz, den man, gerade unter Applaus auf einer Bühne angekommen, sagen kann. Und doch war es das Erste, was mir einfiel. Ich war so aufgeregt und so sicher, dass ich meinen Text für immer vergessen würde, wenn mein Freund mich mit diesem Fotoapparat auch nur einmal anblitzte! Ich brauchte noch einen Moment, um mich zu fassen. Nach einem kurzen Blickaustausch mit meiner Freundin Tina war ich mir aber wieder klar: Das waren die Zeit und der Ort, auf die wir gewartet und hingearbeitet hatten. Wir hatten etwas zu sagen. Jetzt. Meine nächsten Worte waren passender: »Vielen Dank.« Und dann waren wir bereit.

Im Jahr 2007 hörte ich zum ersten Mal von diesem »Poetry Slam«, dachte mir: »Interessant …« und vergaß es wieder. »Poetry Slam« ist ein Wettbewerb im Schreiben und Präsentieren von Gedichten und Texten. Den Gewinner einer Veranstaltung bestimmt das Publikum entweder durch lautstarken Applaus oder mit Hilfe von Punktetafeln von 1 bis 10.

An einem angenehmen Sommerabend sah ich mit meiner Freundin Tina ein Mädchen-Team. Ihre Texte beeindruckten uns so sehr, dass wir einen Entschluss fassten: Wir bilden auch ein Team und machen Poetry Slam! Etwa sieben oder acht Monate ließen wir uns Zeit, neue Texte zu schreiben und einzuüben. Und irgendwann konnten wir sie bereits im Schlaf auswendig. Zeit, sich eine Bühne zu suchen!

In der Goldenen Rose

Es ist der 4. Februar 2012. Wir sind in der Goldenen Rose, zurück auf der Bühne vor meinem Freund mit der Kamera und präsentieren den ersten Text des Abends. Er heißt »Mein Penis oh mein Gott und mein Arsch«, handelt von Oberflächlichkeit bei eigentlichem Wunsch nach Intimität. Ich rezitiere die viel geübten Zeilen und warte innerlich auf Reaktionen … Ein Glück! Die Leute lachen an den richtigen Stellen. Erleichterung breitet sich in mir aus. Trotzdem bleibt die innerliche Anspannung.
Ich kann mich wenig auf den Auftritt konzentrieren. Das Ganze scheint mir eher zu passieren, als dass ich die Sache wirklich aktiv gestalte. Unsere nächsten beiden Texte »Atzenwolken« und »Glaswelten« schafften es, die Aufmerksamkeit des Publikums aufrechtzuerhalten, und am Ende bekamen wir einen bodenständigen Applaus, eher in Richtung »etwas lauter«. Letztlich erreichten wir an diesem Abend 19 von 30 Punkten. Zum Gewinnen reichte es noch lange nicht, aber wir sind mit uns zufrieden.

Der Kampf um die »Goldene Waffel«

Am nächsten Abend finden wir uns mit einigen Freunden im Bewaffel dich ein, um gemeinsam mit zwei anderen Poeten gegen drei Sänger anzutreten. Je nachdem, ob die Poeten oder die Sänger zusammengerechnet mehr Punkte erstreiten können, gewinnen sie für ihr Team die »Goldene Waffel«. Wir sind als Erste dran, eine Situation, die kein Poetry-Slam-Teilnehmer mag, da beim Ersten vom Publikum erfahrungsgemäß weniger Punkte vergeben werden. Man weiß ja nicht, ob nicht noch viel bessere Leute kommen. Als die Moderatorin des Abends, Katja Hoffmann, uns dieses Mal ankündigt (»Und jetzt zuerst für euch, ein Team aus Halle: ›Weißabgleich‹«) bin ich schon weniger nervös. Ganz wird die Nervosität wohl auch nach 1000 Auftritten nicht verschwinden. Henning, der an diesem Abend neben uns als Poet auftritt, sagt uns: »Ich bin jedes Mal so nervös vor dem Auftritt, und ich entscheide mich immer erst kurz vorher für einen Text.« Ich freue mich, dass auch die »alten Hasen« trotzdem genau die gleichen Probleme haben wie wir.

Auch an diesem Abend eröffnen wir mit »Mein Penis oh mein Gott und mein Arsch«, wollen das Publikum zum Lachen bringen und dadurch für uns gewinnen. Es gelingt erneut. Dann wollen wir es wissen und bringen aus unserem Repertoire zwei weitere Texte. »Lückenhaft« erzählt phantasievoll und träumerisch von Wünschen, eine Beziehung zu gestalten, und »Schneeschuhhasen« ist ein Text, der sich auf kritische Art und Weise mit dem Umgang der verantwortlichen japanischen Autoritäten mit der Reaktor-Katastrophe in Fukushima befasst. Unsere zehn Minuten Zeit an dem Abend nutzen wir völlig aus, und legen alles in allem drei sehr unterschiedliche Texte hin. Damit haben wir das Publikum wohl etwas überfordert. Der schnelle Wechsel der Themen und Stimmungen von lustig über ruhig bis kritisch schlägt sich negativ in unserer Punkteanzahl nieder. An diesem Abend werden es 16 von 30 Punkten. Aber wir haben nun wirklich alles gegeben. So schlafen wir glücklich und zufrieden ein.

Freude und Freunde

Die Teilnahme am Poetry Slam hat uns viele schöne Momente beschert. Darunter zum Beispiel das Gefühl, den Zuschauern Freude zu machen. Die Ermutigung, wenn nach dem Auftritt jemand zu uns kommt und sagt, dass er einen Text besonders gut fand oder dass ihn etwas von uns Geschriebenes berührt hat. Beim Slam selbst lernt man vor den Auftritten seine Mitstreiter kennen. Wir fanden es beide super spannend, von ihren Erfahrungen zu hören und herauszufinden, was sie sonst im Leben machen. Eine Menge lustiger Anekdoten wurden natürlich ausgetauscht.

Zu unseren Auftritten hatten wir auch viele unserer Freunde eingeladen. Das gemeinsame Warten auf die Auftritte mit ihnen, schon Tage, bevor wir auf der Bühne standen, und dann deren Unterstützung währenddessen sind Momente, die wir auf keinen Fall missen möchten.

Mit der Moderatorin der beiden Slams, bei denen wir auftreten durften, haben wir uns eine Woche später auf eine Waffel getroffen. »Ich finde es sehr mutig von euch, im Team aufzutreten«, hat sie gesagt, »das ist ja sozusagen die Königsdisziplin im Poetry Slam.« Sie sehe Potenzial in uns und gibt uns noch die Namen einiger anderer Teams, deren Videos wir uns im Netz zur Inspiration anschauen sollten. Auch zur Landesmeisterschaft im Sommer hat sie uns eingeladen. »Das Wichtigste ist, euch auf keinen Fall entmutigen zu lassen«, gibt uns Katja zuletzt mit auf den Weg.

Beim Poetry Slam darf mitmachen, wer will. Unsere ersten beiden Auftritte werden auf keinen Fall die letzten gewesen sein. Wir kommen wieder und wollen immer besser werden!

Wenn ihr also auch etwas zu sagen habt, gibt es in Halle bereits vier Bühnen, auf die ihr treten könnt. Sie befinden sich im Wonnemond und Sterne, in der Goldenen Rose, im bewaffel dich und im Turm.

Über Andrea Blank

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Erstellt: 13.04. 2012 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:18