Apr 2012 hastuUNI Nr. 41 0

Modewort und gesellschaftliches Problem

Was früher Nervenzusammenbruch hieß, läuft heute unter dem schickeren Wort »Burnout-Syndrom«: Auch immer mehr Studenten sollen unter diesem Erschöpfungszustand leiden, der jedoch meistens viel komplexere Ursachen verbirgt.

»Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie bereits ein Frühstadium des Burnout-Syndroms erreicht haben und dabei sind auszubrennen. Es ist Zeit zu handeln!« Neben dem leicht hysterischen Text auf dem kleinen Auswertungsfenster, der mich soeben als zukünftige Burnout-Patientin abgestempelt hat, blinkt eine Ampel, die auf gelb geschaltet ist. Als Warnung sozusagen.

Ich ärgere mich, dass ich meine wertvolle und knappe Zeit mit einem Online-Test vergeudet habe. Meine Kreuzchen bei »Hang zum Zynismus«, »weniger als acht Stunden Schlaf« und »Stress während der Uni« reichen aus, um eine Online-Empfehlung für den Psychologen zu bekommen und einen guten Rat als Abschlusssatz noch dazu: »Scheuen Sie sich nicht, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen!«

Ich scheue mich nicht. Außerdem möchte ich wissen, was die professionelle Seite zum sogenannten Burnout-Syndrom sagt, und somit sitze ich einige Tage später in der psychosozialen Beratungsstelle des Studentenwerks Halle. Während ich im Vorraum warte, denke ich über das Burnout-Phänomen nach. Irgendjemanden kennt man immer, der angeblich am Burnout-Syndrom leidet, wenn man es nicht schon am eigenen Leibe erfahren hat.

Burnout taucht überall mal auf, Burnout ist modern. Was mit diesem Begriff eigentlich wirklich gemeint ist, frage ich die Diplomsozialpädagogin und Mitarbeiterin der Beratungsstelle, Annett Zehnpfund, nachdem ich von der jungen Frau in ihr Zimmer gebeten werde.

Sie erklärt mir, dass der Begriff seit ein paar Jahren verwendet wird, »um eine Erklärung für Erschöpfung und Niedergeschlagenheit zu finden, die aus dem Arbeitsprozess herrührt. Damit ist er von der Gesellschaft akzeptierter. Burnout beinhaltet mehrere psychosomatische Symptome wie Niedergeschlagenheit, depressive Episoden, Angstzustände und Schlafstörungen.« Genau diese Erklärungsversuche seien das Problematische an der ganzen Burnout-Debatte, meint Zehnpfund.

Immer mehr Studenten sollen am Burnout-Syndrom leiden

Das Burnout-Syndrom sei ein Deckmantel für oftmals schwerwiegende Probleme, die ganz unterschiedlicher Natur sein können. »Es liegt in der Natur des Menschen, Dinge, die schwer zu fassen sind, durch einen Begriff zu erklären. Der Begriff Burnout lässt die Ursachen, die nicht immer aus dem Berufsleben oder Studienleben herrühren müssen, meist unbeachtet. Schwerere psychische Erkrankungen werden möglicherweise falsch oder gar nicht behandelt.«

Burnout, also das Gefühl, ausgebrannt zu sein, ist keine neue gesellschaftliche Krankheit, sondern ein Überbegriff für menschliche Emotionszustände. Diese können zwar durch Überbelastung im Studien- und Berufsleben deutlich werden, aber es ist zu einfach, sie ausschließlich damit zu erklären.

In den letzten Jahren konnte man in den Medien mitverfolgen, wie Burnout das Leben vieler hart arbeitenden Menschen erschwerte, nun soll es auch zunehmend auf die Studenten übergreifen: Artikelüberschriften wie »Immer mehr Studenten leiden am Burnout-Syndrom« findet man in etlichen Zeitschriften.

Schuld daran soll die Umstellung auf das Bachelor-Master-System sein, der vermehrte Zeitdruck und die verkürzte Studienzeit. Zunehmend mehr Studenten sehen sich mit Ängsten konfrontiert, mit unerklärlichen Schlafstörungen, Erschöpfungserscheinungen oder auch autoaggressivem Verhalten. Alles zusammen wird dann schnell als Burnout abgestempelt, um einen Begriff zu haben, den man verwenden kann und der anerkannt ist.

Die Frage ist aber nicht, was es ist oder wie es benannt werden muss, sondern warum psychische Krankheiten in den letzten Jahren so radikal zunehmen. Es ist kein Uni-Problem, sondern ein gesellschaftliches Problem, dass die Menschen am Druck von außen und an ihren damit einhergehenden eigenen Anforderungen zerbrechen.

Nicht ohne Grund sind in den letzten drei Jahren die Beratungszahlen in der psychosozialen Abteilung des Studentenwerkes so extrem gestiegen, dass die Sprechstundenzeiten ausgeweitet werden mussten.

»Wir leben in einer Leistungsgesellschaft«, erklärt Annett Zehnpfund, »vor circa 30 bis 40 Jahren hatte das Studium einen anderen Stellenwert. Es stand auch für Persönlichkeitsentfaltung, Revolution und Freigeist. Ich höre nicht mehr oft von Studenten, dass die Studienzeit die beste Zeit des Lebens ist. Das war früher anders.«

Beim Burnout-Syndrom besteht die Gefahr, dass die eigentlichen Auswirkungen und Ursachen unterm schweren Deckmantel einfach verschwinden. »Der Begriff wird häufiger von Studenten verwendet als früher, die Ursachen, die dazu führen, sind aber die gleichen«, meint Zehnpfund.

Burnout ist gesellschaftlich akzeptiert – man hat schließlich hart dafür gearbeitet

Die Symptome, die bei einem Burnout-Syndrom auftauchen, haben Menschen also auch vor 40 Jahren belastet. Vielleicht nicht in dem extremen Ausmaß wie heute, weil man mehr Zeit hatte, die Ursachen dafür zu verändern bzw. mehr auf sich und seine Bedürfnisse zu hören – neu sind die Symptome und psychosomatischen Störungen jedoch nicht. Sie haben nur einen anderen Namen und damit den Stempel »gesellschaftlich akzeptiert« bekommen. Burnout darf man nämlich haben, man hat schließlich gearbeitet, man hat etwas geleistet. Mit Angstzuständen und Schlafstörungen, Depressionen oder Aggressionen sollte man nach moderner Auffassung aber besser nicht herumprahlen.

Es stimmt natürlich, dass man als Student heute weniger Zeit hat. Und das lustige Studentenleben, das man sich nach dem Abi ausgemalt hat, finden wahrscheinlich die wenigsten Menschen auch wirklich vor. Auch dass die Umgebung oft einen extremen Belastungsfaktor darstellt, ist keine Frage. Fraglich ist nur, wie man damit umgeht und was man bereit ist, ohne Nachdenken mitzumachen und zu akzeptieren.

Ein Student, der einen stabilen Freundes- und Familienkreis und damit emotionale Sicherheit und Auseinandersetzung erfahren darf, kann auch ein dreijähriges Bachelor-Studium schaffen, ohne Angstzustände erleiden zu müssen. Es ist zu einfach, alles mit der fehlenden Zeit und dem Stress zu erklären und dem ganzen einen »Burnout-Stempel« zu geben. Die Ursachen sind viel komplexer und in jedem selbst enthalten – gleichzeitig ist es aber auch klar zu sehen, dass gesellschaftlich ein Druck erzeugt wird, der anscheinend von Jahr zu Jahr wächst und immer stärkere Ausmaße annimmt.

 

 

Über Helena Werner

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Erstellt: 25.04. 2012 | Bearbeitet: 26.04. 2012 14:55