Dez 2012 hastuPAUSE Nr. 44 0

Mit dem Fahrrad durch die Stadt

Halle ist nicht Kopenhagen: Radfahrer brauchen mehr Raum in den Straßen. Ein Kommentar zur Verkehrslage.

Foto: Christian Schoen

Fahrradfahren ist wohl die effizienteste Fortbewegungs­methode überhaupt, wenn man bedenkt, welcher Energie­aufwand nötig ist, um ein Auto zu bewegen – 1,5 Tonnen, damit sich 70 kg jeden Tag durch den Straßenverkehr quälen. Bahnfahren ist teuer, die meiste Zeit geht für Warten und Laufen drauf. Zu Fuß ist schön, aber nicht alltagstauglich. Ach ja, gesund ist es auch noch, das Fahrradfahren. Doch wie gesund es tatsächlich ist, hängt maßgeblich von Stadtplanern und anderen Verkehrsteilnehmern ab; nicht selten wird die Fahrt auf dem Drahtesel zum Spießrutenlauf.

Nach wie vor ist Halle keine besonders fahrradfreundliche Stadt. Will man vom Rannischen Platz zum Markt fahren, muss man durch den Steinweg: ein Nadelöhr, in das sich schon die Einfahrt problematisch gestaltet, weil die Vorfahrt von Radfahrern am Rannischen prinzipiell ignoriert wird. Hat man das Glück, gerade noch vor der Straßenbahn hinein zu fahren, schiebt sie einen bis zur nächsten Haltestelle vor sich her. Wie zur Unterstützung der Treibjagd betätigt die entgegenkommende Bahn ihre Scheibenwischanlage. Am Franckeplatz erwartet einen schon die rote Ampel. Die Straßenbahn hat freie Fahrt – insofern sie nicht auf eine andere warten muss – so dass man sie nun bis zum Marktplatz vor sich hat. Dort angekommen überqueren zahlreiche Passanten nach Gehör die Fahrbahn, dass man geneigt ist, in eine Seitenstraße auszuweichen, wo einen Polizisten empfangen und 10 € kassieren.

Zugegeben, Halle ist wegen seiner mittelalterlichen Infrastruktur nicht besonders geeignet für meterbreite Fahrradwege wie etwa in Kopenhagen: mit Doppelspuren, für schnelle und langsame Radfahrer. Dennoch könnte man durch kleine Veränderungen auch in Halle viel bewirken. Stichwort: Verteilung des öffentlichen Raums. Man stelle sich vor, Massen von Autos würden nicht länger unsere Straßen besetzen. Wie viele Fahrradfahrer könnten dort entspannt entlangfahren, wo Autos die meiste Zeit einfach nur herumstehen. Es ist ein Teufelskreis: Je mehr Autos auf der Straße sind, desto weniger Leute haben Lust, sich aufs Fahrrad zu setzen, und steigen ins Auto.

»Der Radfahrer gehört zum Straßenverkehr«, verkündete neulich der Bundes­verkehrs­minister. Ob Lippenbekenntnisse und Politiker auf Fahrrädern die Situation verändern, ist fraglich. Ähnlich wie beim Nichtraucherschutzgesetz müsste eine Wende im Straßenverkehr durch die Politik eingeleitet werden. Es reicht nicht, die Autofahrer durch unmögliche Ampelphasen und eine katastrophale Verkehrsführung zu gängeln; sie werden weiterhin ihren mobilen Traum von Rotphase zu Rotphase träumen und den schlauen Radfahrer, der an ihnen vorbeizieht, maßregeln.

Die Dänen sind da schon weiter. Sie hörten auf mit einer Raumverteilung, die sich jahrzehntelang am Autoverkehr orientierte. Besuchern stellt Kopenhagen 2000 kostenlose Citybikes zur Verfügung. »Ein auffälliges Stadtfahrrad ist in Kopenhagen imagefördernder als ein nagelneuer, hochpolierter BMW«, so der Fahrradclub »Fonden Bycyklen i Kopenhavn«. Dass man am besten mit Trends auf menschliches Verhalten Einfluss nimmt, ist auch hierzulande zu beobachten; Radfahren sieht klasse aus, das ist die Botschaft. Doch leider beschränkt sich sein Gebrauch zu oft auf ausgewählte Fahrradtouren an den Wochenenden. Im Alltag ist es noch lange nicht bei allen angekommen: 2010 lag der Radverkehrsanteil in Halle bei 12 Prozent.

Bis Ende Oktober führte der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) eine Online-Umfrage zur Fahrradfreundlichkeit von deutschen Städten durch. Im Januar werden die Ergebnisse bekanntgegeben und die erfolgreichsten Städte ausgezeichnet – mal sehen, ob Halle dabei ist.

Über Clemens Heinemann

Erstellt: 14.12. 2012 | Bearbeitet: 17.12. 2012 10:26