Jan 2012 hastuINTERESSE Nr. 40 0

Königsdisziplinen des Studierens

Vor jedem Semesterende ist es dasselbe Spiel: Es wird viel gelernt, kurz geprüft und dann schnell wieder vergessen. Das Gedächtnis läuft auf Hochtouren, aber wie funktioniert es eigentlich?

© Susanne Wohlfahrt

Beim Lernen unterscheidet man zwischen assoziativem und nicht-assoziativem Lernen. Unter das assoziative Lernen fallen instrumentelle und klassische Konditionierung. Das bekannteste Beispiel für die klassische Konditionierung ist Pavlovs Hund, der bei dem Klingeln einer Glocke schon anfing zu sabbern. Doch die klassische Konditionierung funktioniert nicht nur bei Tieren. In einem Experiment von Rachman und Hodgson von 1968 wurden sieben Männern Dias von nackten Frauen vorgeführt (unkonditionierter Reiz) und vor jedem der Nacktbilder wurde ihnen ein Bild von schwarzen Stiefeln gezeigt (zunächst neutraler Reiz). Die nackten Frauen riefen die unkonditionierte Reaktion einer Erektion hervor, und nach einigen Durchgängen Schuhe–Nacktbild–Erektion wurden fünf der sieben Männer schon von dem Bild der Schuhe erregt. Die Assoziationen lassen sich auch wieder löschen: Indem der konditionierte Reiz immer wieder alleine auftritt, schwächt sich auch die konditionierte Reaktion ab, bis die Auftrittswahrscheinlichkeit für das konditionierte Verhalten gegen null geht. Das instrumentelle Konditionieren funktioniert ähnlich, nur wird hier die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten durch Belohnung oder Bestrafung verstärkt. Es gibt primäre und sekundäre Verstärker. Als primäre Verstärker wird das Stillen physiologischer Bedürfnisse bezeichnet, wie zum Beispiel Hunger und elementare Bedürfnisse nach Geborgenheit oder Zuneigung. Sekundäre Verstärker müssen erst erlernt werden. So kann Geld nur als Belohnung empfunden werden, wenn gelernt wurde, dass damit primäre Bedürfnisse gestillt werden können. Wir lernen aber nicht nur durch Konditionierung, sondern auch nicht-assoziativ durch implizites Lernen. Darunter versteht man die »unbeabsichtigte Bildung eines Gedächtnisinhaltes. Wenn zum Beispiel häufig das gleiche Lied im Radio gehört wird, passiert dabei ein automatischer Übergang ins Gedächtnis, und plötzlich können wir das Lied mitsingen, ohne den Text je gezielt auswendig gelernt zu haben,« erklärt An-dreas Melzer, Dozent für Allgemeine Psychologie an der MLU.

Erinnern

Warum können wir uns an die kleinste Einzelheit eines Erlebnisses erinnern, aber nicht daran, wie oft wir es ein und derselben Person erzählt haben? (Prince de Marcillac)

Obwohl Wissenschaftler von einem unendlichen Speicherplatz im Langzeitgedächtnis ausgehen, fällt es uns manchmal schwer, Erinnerungen abzurufen. »Man kann sich das so vorstellen: Die Information ist hinter einer verschlossenen Tür, und es fehlt uns nur der richtige Schlüssel, um sie hervorzuholen.« so Melzer. Diese Schlüssel werden auch Abruf-Cues genannt. Verschiedene Hinweise können Erinnerungen hervorrufen, so zum Beispiel Umgebungskontexte, Stimmungskontexte oder physiologische Kontexte. So heißt es, dass unter dem Einfluss von Alkohol gelernte Fakten oder Verhaltensweisen auch unter demselben Einfluss am besten abgerufen werden können. Das Lernen bei lauter Musik ist auch deswegen ein Problem, weil das Gelernte in der Prüfungssituation in einem sehr stillen Raum abgerufen werden muss. Dieser Umstand wird als Enkodierspezifität bezeichnet: Erinnerungen aus dem episodischen Gedächtnis können dann am besten abgerufen werden, wenn die Umstände des Abrufs denen des Erwerbs ähneln. Erinnerungen können beim Speichern durch die Umgebung gestört werden. Hier kommt wieder die laute Musik zum Tragen. Die Musik kann die Speicherung der neuen Lerninhalte stören, indem sie jene überschreibt oder blockiert.

Außerdem gibt es verzerrte oder »erfundene« Erinnerungen: Elizabeth Loftus, Professorin für Psychologie an der University of Washington in Seattle, führte dazu einige Experimente durch. Sie zeigte zum Beispiel Probanden Fotos, in denen sie sich als Kinder in einem Heißluftballon sahen. Die meisten Probanden konnten sich daraufhin an eine aufregende Ballonfahrt erinnern, obwohl sie in die Bilder lediglich hineinmontiert worden waren und in Wirklichkeit nie eine Ballonfahrt stattgefunden hatte. Wenn die Erinnerungen schwammig sind, erfindet das Gedächtnis Details. Dabei greift es auf Gewohnheiten und Schemata zurück, so dass die Erinnerung echt scheint. Erinnerungen lassen sich leicht manipulieren, schon die Wortwahl kann sie beeinflussen. In einem anderen Experiment von Loftus zeigte sie Probanden Videos von Autos und fragte anschließend, wie schnell die Autos gefahren seien. Dabei benutzte sie in der Frage verschiedene Formulierungen: Wie schnell waren die Autos, als sie zusammencrashten? Oder: Wie schnell waren die Autos, als sie sich berührten? Die Wortwahl wirkte sich stark auf die Einschätzung der Geschwindigkeit aus. Erinnerungen können also durch Suggestivfragen manipuliert werden. Das kann drastische Auswirkungen bei Zeugenbefragungen haben.

Vergessen

Vergessen wird unterteilt in zufälliges und motiviertes Vergessen. Zufälliges oder inzidentelles Vergessen passiert vermutlich dadurch, dass eine Erinnerung überschrieben wird. Diese Überschreibungen oder Interferenzen können sowohl retroaktiv als auch proaktiv sein. Ein Beispiel für proaktive Interferenz begegnet uns beim Vokabellernen. Je mehr Listen wir schon auswendig gelernt haben, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns an die neue Liste korrekt erinnern. Die retroaktive Interferenz funktioniert genau andersherum, hier überschreiben neue Lerninhalte alte Erinnerungen.

Doch nicht alle Menschen vergessen. Die Amerikanerin Jill Price schreibt in ihrem autobiografischen Buch The Woman Who Can»t Forget darüber, wie es ist, wenn man nicht mehr vergisst. Sie kann sich seit ihrem elften Lebensjahr an jeden Tag detailliert erinnern. Das heißt, sie durchlebt in jedem Moment der Gegenwart ihre komplette Vergangenheit. Sie kann sich an jeden Streit, an jeden Fehler und jeden traurigen Moment erinnern. Ihre Erinnerungen sind klar und deutlich und vor allem allgegenwärtig. Für sie ist ihr überdurchschnittlich gutes Gedächtnis eine Last. Vergessen ist also nicht nur ein Fluch, sondern zu einem gewissen Grad wichtig. »Vergessen ist eine Arbeitserleichterung. Einerseits werden unschöne Dinge vergessen oder in ihrer Präsenz abgeschwächt, andererseits passiert so eine Vereinfachung. Es werden nur Kernpunkte gespeichert«, erklärt Melzer. Es werden Informationen gefiltert oder unangenehme Erinnerungen verdrängt. Motiviertes Vergessen dagegen bezeichnet die unbewusste Verdrängung traumatischer Erfahrungen. »Bewusst kann man nicht verdrängen, denn wenn ich mich dafür entscheide, an etwas nicht mehr zu denken, rufe ich es mir dabei automatisch in Erinnerung.« Wir können uns also nicht immer auf unser Gedächtnis verlassen. Manchmal lässt es sich manipulieren oder füllt Lücken mit falschen Erinnerungen. Aber meistens leistet es gute Arbeit, auf die wir nicht nur in der Prüfungszeit angewiesen sind.

Über Ronja Schlemme

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Erstellt: 25.01. 2012 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:22