Mai 2012 hastuUNI Nr. 42 0

(K)Eine normale Studentin …

Nicole studiert Lern- und Sprachbehindertenpädagogik mit dem Fach Mathematik an der MLU. Eigentlich führt sie ein ganz normales Studentenleben. Aber eben nur eigentlich.

Ein voller Hörsaal. Recht konzentriert folgen die meisten Studierenden der Vorlesung. Einige gucken gelangweilt. Andere schreiben fleißig mit. Aus dem Hintergrund kommt Getuschel. Eine ganz normale Vorlesung. Doch eine Studentin verhält sich anders. Obwohl sie in der vordersten Reihe sitzt, schaut sie die Folien durch ein kleines Fernrohr an. Ohne dieses spezielle Monokular könnte sie die Präsentation nicht lesen, denn Nicole ist seit der Geburt auf dem rechten Auge blind. Links bleibt ihr eine Sehkraft von 20 Prozent, verursacht durch die Augenkrankheiten Grüner Star, Grauer Star und Augenzittern.

»Zur Zeit gibt es vielleicht sechs bis acht sehbehinderte Studierende an der MLU«, sagt Christfried Rausch, Diplom-Pädagoge und Mitarbeiter der Schwerbehindertenvertretung (SBV). Genau lasse sich die Zahl nicht ermitteln, weil nicht alle Berechtigten das Angebot der SBV in Anspruch nehmen. Die Mitarbeiter betreuen Studierende mit einer Behinderung. Sie geben Auskunft über Fördermittel der Stadt bzw. Kommune, gleichzeitig informieren sie über technische Hilfsmittel und ihre Finanzierung. Darüber hinaus unterstützen sie Studierende auch im Unialltag. So vermittelte die SBV Nicole zum Studienbeginn einen Kommilitonen, der ihr unter anderem bei der Suche nach dem richtigen Seminarraum zur Seite stand.

Kooperative Unterstützung kommt aber auch von Seiten der Dozenten, die alle, sofern sie es nicht im Eifer der Vorlesung vergessen, ihre PowerPoint-Folien langsamer wechseln oder Texte von Kommilitonen vorlesen lassen. Sehbehinderte Studierende bekommen außerdem einen Nachteilsausgleich, deshalb stellen Dozenten ihnen bei Klausuren mehr Zeit zur Verfügung.

»Ist ja komisch. Wenn man mit dir unterwegs ist, fällt gar nicht auf, dass du sehbehindert bist«, meinte ein Kommilitone zu Nicole. Denn trotz Behinderung führt sie ihrer Meinung nach ein normales Studentenleben und hat viel Kontakt zu ihren Kommilitonen. »Es wäre auch echt langweilig, wenn ich an einer Sehbehindertenuni, wenn es die gäbe, studieren würde«, sagt Nicole lachend. Dass sie bis jetzt meist positive Erfahrungen gemacht hat, hängt auch mit diversen technischen Hilfsmitteln zusammen. Neben Brille und Monokular hat sie immer ihr Lesegerät parat, durch das Texte wie auch ihre Umgebung auf eine gewünschte Größe herangezoomt werden können. Zu Hause nutzt sie ein Zoomtext- und Sprachprogramm auf ihrem Laptop, das ihr unter anderem auch Word-Dateien vorlesen kann. So fällt ihr auch der Umgang mit StudIP und Löwenportal leicht.

»Manchmal frage ich mich, wie das gewesen wäre, wenn ich vor zwanzig, dreißig Jahren gelebt hätte«, meint sie nachdenklich. Damals wäre ein Studium und der Kontakt zu anderen Studierenden wesentlich schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich für sie gewesen. »Schade ist nur«, gibt sie zu bedenken, »dass nicht alle Hilfsmittel von der Krankenkasse bezahlt werden.« So musste sie die Kosten für das Lesegerät selbst tragen, obwohl dies ihren Alltag enorm vereinfacht.
Die Vorlesung neigt sich dem Ende zu. Die Studierenden packen ihre Sachen zusammen, Nicole tut es ihnen gleich. Wie die meisten von ihnen will sie später einmal als Lehrerin an einer Förderschule arbeiten. Was sie dann trotzdem von den anderen unterscheidet, ist einer der Gründe, der sie auf Förderlehramt brachte. Denn ihr liegt auch eine Vorbildfunktion am Herzen: »Man ist behindert, aber man kann trotzdem was draus machen.«

Über Hannah Stoll

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Erstellt: 23.05. 2012 | Bearbeitet: 07.12. 2012 17:09