Apr 2012 hastuINTERESSE Nr. 41 0

In stabiler Seitenlage

Der Wunsch nach einem Stück Sicherheit und Stabilität

Der tausendste Rettungsschirm wird gespannt, Banken gehen pleite und nicht zu vergessen die Klimaerwärmung – die Nachrichtenagenturen halten uns das Bild einer unsicheren und gefährlichen Welt vor Augen. Zwar geht es uns in unserer kleinen Welt eigentlich ganz gut, aber vielleicht liegt das nur daran, dass wir gerade im Auge des Tornados stehen. Jeden Moment könnte uns der Sturm mit sich reißen und uns an einen anderen Ort zu neuen, noch viel schlimmeren Problemen wirbeln. Der wirtschaftspolitische Sturm lässt den Einzelnen innerlich verkrampfen, macht ihn unzugänglich für neue Menschen. Freundschaften werden nicht mehr persönlich geknüpft, das Geschäft mit den Online-Kontaktbörsen boomt. Etwa 2,7 Millionen Menschen in Deutschland nutzen dieses Werkzeug, um einen Partner kennenzulernen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, wünscht sich Sicherheit und Vorhersehbares. Trotzdem wird er nicht müde, in seinem Xing-Profil zu erwähnen, wie flexibel er sei. Der Deutsche zieht in seinem Leben durchschnittlich acht- bis neunmal um. Eine Herausforderung. Denn es muss ja auch einen Grund geben, warum man etwas Neues beginnt und Altes beendet – Flucht und die Hoffnung, dass alles besser wird. Mit zunehmender Unsicherheit wächst auch der Wunsch nach Stabilität und Sicherheit. Nicht nur der Einzelne sehnt sich danach, es scheint ein Wunsch der Masse zu sein. 1967 trat das Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft in Kraft, das neben Preisniveaustabilität, einem hohen Beschäftigungsstand und außerwirtschaftlichem Gleichgewicht auch ein angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum forderte. Diese vier Ziele werden auch als magisches Viereck der Wirtschaftspolitik bezeichnet. Magisch ist es vor allem dadurch, dass sich die Ziele teilweise gegenseitig ausschließen; stabile Preise sind zum Beispiel nicht mit der Forderung nach Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung vereinbar. Es entsteht daher ein fortwährendes Wechselspiel des Mitteleinsatzes. Die Einführung eines solchen Gesetzes wirft natürlich die Frage auf, ob die Politik des Markteingreifens überhaupt einen positiven Effekt hat. Ist es nicht selbstverständlicher, die Wirtschaft sich selbst zu überlassen, so dass sich ein natürliches Gleichgewicht einpendelt? Der Markt als Masse handelt ja viel intelligenter als Einzelne, die glauben, ein Wirtschaftswachstum auf die eine oder andere Weise stimulieren zu können. Der Chicagoer Professor Milton Friedman vertrat in seinem berühmten Werk Capitalism and Freedom genau diesen Standpunkt. Er behauptete, dass staatliches Eingreifen langfristig keine Vorteile bringen würde, und plädierte etwa für die Privatisierung der gesetzlichen Sozialversicherung und gegen gesetzliche Mindestlöhne. Der britische Ökonom John Maynard Keynes antwortete auf diese Laissez-faire-Politik mit dem berühmten Satz: »In the long run we are all dead.« Langfristig könne man zwar keinen Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen nehmen, aber wenigstens versuchen, kurzfristig Stabilität zu schaffen. Nach diesem Modell ist dann auch bereits erwähntes Stabilitätsgesetz entstanden. Der Weg ist das Ziel. Am Ende gleichen sich zwar alle Störfaktoren aus, so dass irgendwie immer Stabilität entsteht. Kurzfristig sollte man aber schon mal in Panik ausbrechen, wenn das Wirtschaftswachstum nicht bei mindestens 2%+ prognostiziert wird. Diese Erkenntnis kann man auch auf seine kleine Welt herunterbrechen. Wenn es stürmt, lang genug gegen den Wind halten, irgendwann hört«s ja doch wieder auf.

Über Yvette Hennig

Ehemaliger Mitarbeiter

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Erstellt: 26.04. 2012 | Bearbeitet: 19.05. 2012 16:34