Dez 2012 hastuPAUSE Nr. 44 0

Im Mutterland des Fußballs

Erasmus hat unsere Redakteurin Caro nach Newcastle gebracht. Dort an der Uni, so bemerkte sie schnell, hat der Sport einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland.

Dass ich auch in England Fußball spielen wollen würde, stand schon vor meiner Abreise fest; am letzten Septemberwochenende waren dann endlich die Sichtungstrainings für neue Studenten. Spätestens da war mir dann definitiv bewusst, wie ernst der Unisport hier genommen wird. Außerdem merkte ich, dass ich zwar im Alltag prima kommunizieren konnte, dass mir aber einfach das »Auf-dem-Platz«-Vokabular fehlte. Entsprechend lief dann auch nicht viel zusammen, und ich befürchtete schon, aussortiert zu werden. Die Club-Verantwortlichen wollten im Laufe des folgenden Montags E-Mails mit ihren Einschätzungen verschicken. Um 23.38 Uhr kam dann auch endlich die Mail: Ich durfte zum Training am Dienstag wiederkommen. Da folgte dann die Einteilung in erste und zweite Mannschaft. Keine Überraschung: Ich war in der zweiten Mannschaft gelandet. Also weniger Druck, dachte ich mir. Aber falsch gedacht: Mir wurde dann schnell eröffnet, dass ich als eine der Führungsspielerinnen für diese Saison betrachtet wurde. Na super, eine Führungsspielerin, die auf dem Platz kein Wort sagt. Also war meine Hauptaufgabe nun zuerst, diese Hemmschwelle zu überwinden und auch mal herumzubrüllen.

Die Organisation des Unisports in Großbritannien

Es gibt in verschiedenen Sportarten Uni-Ligen, die sogenannten BUCS-Ligen (British University and College Sports). Am Ende eines Jahres werden die Punkte, die alle Teams jeder Uni in ihren jeweiligen Ligen und in Pokalrunden gesammelt haben, zusammengerechnet, und es wird ein Ranking erstellt. Letztes Jahr war die Uni Newcastle landesweit auf Platz 10 – und eine Top-Ten-Platzierung wird auch immer angestrebt. Die Mannschaften, die für die Uni Newcastle in diesen Ligen starten, sind Teil des Team Newcastle. Darüber hinaus gibt es auch noch intramuras, also Uni-interne Ligen, in denen Mannschaften verschiedener Wohnheime oder Fachbereiche gegeneinander antreten.

Sport gehört in Newcastle zum Stadtbild: Hier fiebert Caro (als Zuschauerin) bei den »Great North Games« mit.
Foto: Caroline Bünning

Die unterschiedlichen Sport-Clubs der Uni Newcastle sind innerhalb der Students‘ Union organisiert. Das ist gewissermaßen das Äquivalent zum Stura, allerdings deutlich einflussreicher. Die Union Officers sind Studenten, die ein Studienjahr frei bekommen, in welchem sie sich ausschließlich um ihr Amt kümmern. An der Uni Newcastle ist die Students‘ Union seit den 1920ern in einem Backsteingebäude mitten auf dem Campus untergebracht, das nur den Studenten gehört. Neben Bar und Club findet man darin Starbucks, Subway, Lounge, Computer, den Union-Shop, das Redaktionsbüro der wöchentlich erscheinenden Unizeitung und natürlich die Büros der verschiedenen Officers. Diese werden jährlich von den Studierenden gewählt.

Mein erstes Spiel

Die BUCS-Liga-Spiele finden immer mittwochs nachmittags statt; deshalb enden auch mittwochs alle Uni-Veranstaltungen spätestens um 13.00 Uhr. Natürlich bin ich just einer dieser Glückspilze, die bis 13.00 Uhr in einer Pflichtveranstaltung hocken und sich dann extrem beeilen müssen, um pünktlich zum Anpfiff um 14.00 Uhr auf dem Platz zu stehen. Bei Heimspielen klappt das ja gerade noch. Mit Auswärtsspielen wird das schon deutlich schwieriger; da muss man dann mit Dozenten verhandeln, um doch spielen zu können. Seminare schieben, Ersatzleistungen arrangieren, etc.

Mein erstes Spiel sollte eigentlich am 17. Oktober stattfinden, es wurde dann aber abgesagt. So konnte ich mein Debüt erst in der Folgewoche feiern, bei einem Auswärtsspiel im zwei Stunden entfernten Leeds. Um neun trafen wir uns an der Uni, um dann mit dem Bus nach Leeds zu fahren. Diesen teilten wir uns mit der Lacrosse-Damen-Mannschaft und einigen Tennisspielerinnen, die ebenfalls Spiele in Leeds hatten. Die meisten von uns waren zumindest etwas aufgeregt. Mit Disney-Musik und anderen Liedern haben wir uns motiviert und auf das Spiel eingestimmt.

Im dichten Nebel haben wir dann auch zum Saisonauftakt 2:0 gewonnen. Besonders schön war das Spiel an sich nicht, aber einfach das Gefühl, das Team Newcastle zu repräsentieren, war für mich fantastisch. Nach dem Abpfiff waren wir dann alle sehr froh über den geglückten Saisonstart. Von den Spielerinnen, die schon letzte Saison dabei waren, meinen einige, dass wir durchaus reelle Aufstiegschancen haben. Ich kann das noch nicht so einschätzen, aber es würde mein Erlebnis hier natürlich noch besser machen, am Ende zu einer so erfolgreichen Mannschaft gehört zu haben. Aber na ja, abwarten.

Warten mussten wir dann auch auf die Tennisspielerinnen und in der Folge zwei Stunden in einer Leedser Uni-Mensa verbringen, bis der Bus zurück Richtung Newcastle startete. Entgegen aller Planungen hatten wir aber keinen Party-Bus, sondern eher einen Müde-Sieger-Bus. Unterwegs stimmten wir noch per SMS über die Spielerin des Spiels ab.

Außerhalb der BUCS-Fußball-Ligen geht ein Team, das sich aus Spielerinnen der ersten und zweiten Mannschaft zusammensetzt, in der Northumberland County League, einer Verbandsliga, an den Start. Wenn die FA meine Internationale Freigabe bewilligt hat, darf ich da auch mitspielen. Zudem findet aktuell BUCS-Futsal statt; auch da bin ich mit am Start. Unser erstes Spiel haben wir überraschend mit 7:0 gewonnen.

Abseits des Platzes

Innerhalb der Sport-Clubs – in jedem Fall ist das beim Frauenfußball so – spielen soziale Aspekte eine große Rolle. Jeden Mittwochabend finden Pub Crawls, also Touren durch verschiedene Bars und Diskos statt. Jeder Mittwoch steht dabei unter einem anderen Motto, entsprechend dem sich dann die Club-Mitglieder kleiden, beispielsweise Alice im Wunderland, Superhelden oder Nichtschwimmer. So sieht man jeden Mittwoch viele kreative Kostüme – aber keine Jacken; die könnte man sowieso irgendwo abgeben, also läuft halb Newcastle dann mitten in der Nacht bei etwa 4°C ärmellos von einem Klub zum nächsten. Darüber hinaus finden Filmabende und ähnliches im Rahmen der Mannschaft statt. Und zum Saisonabschluss steht dann eine fünftägige Italien-Tour an, zu der die Teilnahme an einem intereuropäischen Turnier gehört. Obwohl meine Erasmus-Zeit dann eigentlich schon vorbei sein wird, werde ich daran teilnehmen.

Fazit

Aus meinem Plan, in Newcastle ein bisschen Fußball zu spielen, ist die feste Zugehörigkeit zu einem wundervollen Klub geworden, die mir den immer näher rückenden Abschied aus England zusätzlich erschweren wird.

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

, , , , ,

Erstellt: 14.12. 2012 | Bearbeitet: 02.02. 2013 00:42