Apr 2012 hastuUNI Nr. 41 0

Für den Frieden forschen

Forschen fürs Militär? Nicht an der MLU. Im Leitbild der Uni Halle steht, dass diese sich dem Frieden verpflichtet hat.

Die Uni Bremen gilt als Paradebeispiel für pazifistische Forschung. Seit 1986 hat sie eine sogenannte Zivilklausel in ihrer Grundordnung. Mit der Zivilklausel verpflichtet die Uni sich und ihre Angehörigen, ausschließlich für friedliche Zwecke zu forschen. Militärforschung ist damit eigentlich verboten. 2011 machte der Bremer Raumfahrtkonzern OHB der Uni jedoch ein sehr verlockendes Angebot: Der Konzern wollte eine Stiftungsprofessur für Raumfahrttechnologie mit einem Jahresbudget von 165 000 Euro einrichten. Bis 2021 würde der Konzern die Professur finanzieren. Die einzige Bedingung: Der akademische Senat sollte die Zivilklausel abschaffen. Das Aufsehen im Senat und dem AStA (Stura) der Uni war groß: »OHB ist unserer Meinung nach ein Rüstungskonzern«, erklärt Sören Böhrnsen vom AStA der Uni Bremen. Die Firma arbeite nämlich auch gezielt mit der Bundeswehr zusammen und rüste die Truppen für den Einsatz aus. Nach längerem Hin und Her entschloss sich der Senat dazu, die Zivilklausel zu bestätigen und an der Uni Bremen sogar noch zu verfestigen. Zuvor hatte OHB aber bereits angekündigt, die Professur mit oder ohne Zivilklausel zu stiften. »Das ist einerseits positiv, andererseits negativ«, so Sören. Denn es ginge bei der Zivilklausel nicht nur darum, Forschung im Militärkontext zu unterbinden: »Die Frage ist doch: Woher kommt das Geld, und wer hat Interesse daran?«

Aktuell ist die MLU »nicht gefährdet«

Bedeutend entspannter ist die Lage derzeit in Halle: Aktuell gebe es keine »Gefährdung« an der MLU, so Uni-Rektor Udo Sträter. Deshalb sei man anfangs etwas überrascht über den Vorschlag der studentischen Senatoren gewesen, eine Zivilklausel für die Uni Halle einzurichten. Trotzdem, so Sträter, habe es im Senat eine große Mehrheit dafür gegeben. Bisher steht die Zivilklausel der MLU aber noch nicht in der Grundordnung, sondern lediglich im Leitbild der Uni. Damit hat sie noch keinen verpflichtenden Charakter. »Prinzipiell« sei es aber möglich, dass die Klausel auch noch in die Grundordnung der Uni aufgenommen werde. Man wolle derzeit erst einmal weiter beobachten, wie sich die Diskussion entwickelt.

»Sie [die Universität] setzt sich für die friedliche Nutzung ihrer Forschungsergebnisse ein.«

Dieser Satz steht so im Leitbild der Uni. Für Sträter stellt die Formulierung mehr als nur eine Absage an militärische Forschung dar: »Der Satz sagt auch, dass wir uns für die friedliche Nutzung von Forschungsergebnissen einsetzen.« Damit spielt Sträter auf die sogenannte »Dual Use«-Problematik an. Jura-Studentin Anne Geschonneck sieht genau darin einen sehr wichtigen Punkt: »Forschungsergebnisse können immer für beide Seiten genutzt werden – für den Zivilbereich, aber auch für das Militärische. Und da ist das Problem, dass man bei vielen Sachen, die man erforscht, nicht abschätzen kann, wofür sie später genutzt werden.« Ein weitaus größerer und tendenziell problematischerer Teil ist deshalb die Grundlagenforschung, also Forschung ohne konkreten Anwendungsbezug. So können Mediziner beispielsweise nach neuen Verbandsmaterialien oder Wundversorgungsverfahren suchen, um künftig besser in Ländern zu arbeiten, die keine besonders hohen medizinischen Standards haben. Diese Ergebnisse könnten dann aber nicht nur im humanitären Bereich Einsatz finden, sondern auch in Kriegsgebieten.

Eine Entdeckung des niederländischen Virologen Ron Fouchier ist auch ein Beispiel für den verantwortungsvollen Umgang mit Forschungsergebnissen. Gemeinsam mit seinen Kollegen wollte er den Vogelgrippevirus analysieren und verstehen, wie aus dem mehr oder weniger harmlosen Virus ein »Killer« werden kann. Ursprünglich ist das H5N1-Virus nicht so einfach von Mensch zu Mensch bzw. Organismus zu Organismus übertragbar. Den Forschern gelang es, eine höchst infektiöse Unterart des Virus zu erstellen. Jetzt konnte das Virus auch über die Luft übertragen werden und einen gesunden Körper befallen. Die Virologen wollten ihre Ergebnisse in den berühmten Wissenschaftsmagazinen Science und Nature veröffentlichen. Dann schaltete sich ein US-amerikanisches Expertengremium ein und untersagte die Veröffentlichung. Die Folgen einer solchen potentiellen Biowaffe seien nicht vorhersehbar. Dabei hatten die Forscher nie versucht, eine Waffe zu entwickeln.

Rechtlich unbedenklich?

Mit einer Zivilklausel verbietet die Uni ihren Wissenschaftlern, fürs Militär zu arbeiten. Das stellt nach der Meinung von Zivilklausel-Gegnern häufig einen Eingriff in die Freiheit von Forschung und Lehre dar. Genau mit diesem Argument hat sich auch der Senat der MLU beschäftigt – das Ergebnis: Die Uni kann militärische Forschung untersagen. »Das entspricht dem Auftrag der Verfassung: Weil wir ein Staat sind, von dessen Boden nur Frieden ausgeht«, erklärt Sträter.

Die Klausel ist übrigens nicht nur für Naturwissenschaftler relevant: So analysieren zum Beispiel auch Politikwissenschaftler oder sogenannte »Friedensforscher« Militäreinsätze bzw. Interventionsstrategien in Krisengebieten. Ein Beispiel dafür ist der Masterstudiengang »Military Studies« in Potsdam. Hier bearbeiten Studierende und Wissenschaftler gemeinsam mit dem Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr militärhistorische und -soziologische Fragestellungen. Deren Forschungsergebnisse könnten, obwohl sie dafür vielleicht gar nicht gedacht waren, dann auch vom Militär zu Kriegszwecken genutzt werden. Außerdem, erinnert Sträter, können viele Fächer auch missbraucht werden: Mit Hilfe der Kunstgeschichte wurde im Dritten Reich festgelegt, was unter »entarteter Kunst« zu verstehen ist. Anthropologen stellten Theorien und Lehren darüber auf, welche »Menschen-Rassen« es angeblich geben sollte. Deshalb sei es wichtig, bei allen Ergebnissen immer kritisch zu reflektieren, welche Folgen die Forschung haben könnte. Trotz aller Bemühungen lässt sich eine militärische Nutzung aber nicht hundertprozentig ausschließen. Das sieht auch Anne so: »Weil man einfach nie abschätzen kann, wofür es sich alles noch verwenden lässt.« Gerade deshalb sollten Wissenschaftler die Verantwortung für ihre Forschungsergebnisse übernehmen und »soweit man die Möglichkeit dazu hat, das Militär oder Rüstungsfirmen von seinen Ergebnissen ausschließen«.

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
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Erstellt: 25.04. 2012 | Bearbeitet: 19.05. 2012 16:34