Dez 2012 hastuINTERESSE Nr. 45 0

Freundschaft, Kulturschock und Kühe

Markus, 25, studiert International Area Studies an der MLU und ist seit 2008 Mitglied bei AIESEC. Im Sommer 2011 hat er für anderthalb Monate in Ahmedabad, der viertgrößten Stadt Indiens, ein Praktikum absolviert.

Wie bist du darauf gekommen, in Indien ein Praktikum zu machen?

Mit AIESEC haben wir einige Praktikanten aus Ahmedabad betreut. Mit zwei von ihnen habe ich mich sehr gut verstanden. Wir sind zusammen durch Europa gereist, und sie haben mir sehr viel über Indien, ihre Kultur und Religion erzählt. Das hat mich neugierig gemacht. Da hat es sich angeboten, nach Indien zu gehen.

Hat sich dein Bild von Indien während des Aufenthalts verändert?

Mein Bild hat sich vor allem aus dem zusammengesetzt, was mir meine Freunde berichtet haben. Ich erwartete eine reiche Kultur, in der der Hinduismus eine große Rolle spielt und in der viele Feste gefeiert werden. Auch auf viel Armut und dreckige Städte machte ich mich gefasst.

Vieles hat sich bestätigt: ich kam zur Monsunzeit an. Ganz stereotypisch herrschte total viel Verkehr, und überall waren Kühe auf den Straßen.

Wie hast du dort gelebt?

Ich habe bei meinem Chef in einem seiner Gästezimmer gewohnt. Da es ein unbezahltes Entwicklungspraktikum war, hat er auch für mein Essen gesorgt.

Wie sah deine Aufgabe dort aus?

Mein Praktikum habe ich bei der NGO »Society for Promoting Rationality« (SPRAT) gemacht. Diese wurde 2002 gegründet, als Unruhen zwischen Muslimen und Hindi in einem Anschlag und angezündeten Häusern endeten.

SPRAT setzt sich für rationales Denken ein, indem sie Bildung und Wissen fördert. Ihr Ziel ist es, dass die Menschen nicht »blind der Religion folgen«, sondern friedlich zusammenleben. Verschiedene Projekte sollen dies fördern. So baute die NGO zum Beispiel einen riesengroßen Spielplatz zwischen muslimischen und hinduistischen Slums, auf dem sie sich friedlich begegnen können.

Meine Aufgabe im Praktikum war, mich um die Website der NGO zu kümmern. Ich habe am PC gearbeitet, Netzwerke geknüpft und dafür gesorgt, dass die Website leicht über Suchmaschinen zu finden ist.

Hast du schnell Anschluss gefunden?

Ich hatte ja schon ein paar Freunde dort, aber auch sonst habe ich schnell Leute kennengelernt. Inder sind im Allgemeinen sehr offen und gastfreundlich. Auch untereinander reden sie viel öfter als Europäer. Anschluss zu finden ist somit sehr leicht, weil man ganz oft von neugierigen Menschen auf der Straße angesprochen wird. Auch die Kinder winken einem immer interessiert zu.

Hattest du den berüchtigten »Kulturschock«?

Ja, ich würde sagen, am Anfang war es schwierig, und ich hatte schon einen Kulturschock. Meine Unterkunft war nämlich sehr indisch. Ich hatte eine indische Toilette, also eine Toilette, wo man hocken muss und ohne Toilettenpapier. Es existieren eben andere Hygienevorstellungen. Es hat etwas gedauert, bis ich mich getraut habe, nach Toilettenpapier zu fragen.

Wie hat dir Indien gefallen?

Markus mittendrin beim Fest der Farben (Holi). Foto: privat

Großartig. Zu der Zeit wurden viele Feste gefeiert, wie zum Beispiel das Ende des Ramadan oder der Geburtstag von Krishna. Bei Festen wird viel getanzt, und das Essen spielt eine große Rolle in der Kultur. In der Region um Ahmedabad ist das Essen streng vegetarisch, und es schmeckt sehr gut. Ich habe fünf Kilo zugenommen … (lacht)

Es ist auch sehr viel Leben in den Straßen. In Deutschland stagniert alles, aber in Indien merkt man, dass die Leute sehr motiviert sind und viel erreichen wollen. Sie haben alle einen Plan, was sie mit ihrem Leben machen wollen, und verfolgen ihn fleißig. Das hat mich begeistert.

Hast du auch negative Erfahrungen gemacht?

Am Anfang war es schwierig einzuschätzen, inwiefern sich die Höflichkeit im Vergleich zu der deutschen unterscheidet. Ich denke, mein Chef fand mein Verhalten etwas flegelhaft, weil ich beispielsweise seine Tasche nicht reingetragen habe. Man muss dort viel höflicher und zuvorkommender sein.

Inder sind generell sehr hilfsbereit, aber es kommt leider nicht immer etwas Gutes dabei heraus. Einmal musste meine Kamera repariert werden, und Kollegen haben ihre Hilfe angeboten. Nach zwei Wochen, in denen sie kaputt im Büro herumlag, hat sie dann mal jemand zur Reparatur gebracht. Dort wurde dann auch festgestellt, dass sie wirklich beschädigt war. Das war nicht ganz so hilfreich.

Gab es auch Missverständnisse?

Ja, wenn Inder etwas nicht verstehen, fangen sie an zu lachen. Ich habe eher verwirrt geguckt, was sie als unfreundliches Gesicht gedeutet haben. Auch Rikschas haben mich permanent an die falschen Orte gebracht, weil sie nicht verstanden haben, wo ich hinwollte.

Hat sich seit dem Praktikum viel für dich verändert?

Ich hatte einen Kulturschock, als ich wieder nach Hause kam. Meine Freunde in Deutschland hatten nur wenig Zeit, weil sie für die Uni lernen mussten. In Indien versuchten meine Freunde sich immer Zeit zu nehmen, obwohl sie den ganzen Tag arbeiten müssen oder eine Familie haben.

Ich wurde auch oft zu den Familien eingeladen. Seitdem ich wieder hier bin, besuche ich meine Familie zuhause öfter. Das ist mir wichtiger geworden. Außerdem habe ich viel gelernt von Indien. Inder lächeln viel mehr. Das versuche ich in meinen Alltag einzubauen, aber es klappt noch nicht immer so. (lacht)

Wie bist du mit der Betreuung durch AIESEC zurechtgekommen?

Die Kommunikation mit AIESEC in Deutschland hat sehr geholfen. Mit dem indischen AIESEC-Team hat es leider nicht so gut funktioniert. Sie waren zwar sehr hilfsbereit, aber es gibt dort sehr viel Bürokratie, und sie hatten viel zu tun. Ich hätte gerne beim lokalen AIESEC-Team mitgearbeitet, aber ich hatte kaum Kontakt zu ihnen. Ich möchte aber sehr gern noch einmal ein Praktikum mit AIESEC machen. Dann auch ein längeres, professionelleres und bezahltes. Ich weiß noch nicht, wo und was, aber definitiv ja!

Über Hannah Stoll

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Erstellt: 23.12. 2012 | Bearbeitet: 25.04. 2013 18:07