Jan 2012 hastuINTERESSE Nr. 40 0

Erinnerungskulturen

Jeder Mensch, jede Gruppe und jede Kultur hat es: ein Gedächtnis. Man unterscheidet es in drei Dimensionen. Diese wandeln sich stetig vor allem auch durch die Einführung immer neuerer Medien und Techniken.

Medien, wie etwa das Internet und das Buch, haben nicht nur die Informationsverbreitung beschleunigt, sondern ebenso den Gebrauch des Gedächtnisses verändert. Wissen muss nun nicht mehr nur mündlich weitergegeben werden, sondern kann in schriftlicher wie digitaler Form über den Kulturkreis hinaus verbreitet werden. So entwickelten sich aus einst oralen Stämmen Schriftkulturen mit einem starken Hang zur Aufzeichnung wichtiger Informationen. Mythen, Sagen und Gesänge sind folglich nicht mehr nur an die Anwesenheit eines Schamanen oder einer anderen ranghohen Person gebunden, so dass auch anderen Mitgliedern der Gemeinschaft ein Zugang dazu möglich ist. Damit aber nicht genug. Es können gerade auch in einer globalisierten Welt Personen anderer Kulturen auf dieses Wissen zugreifen. So wandelt sich das kulturelle Gedächtnis zu einem internationalisierten – zu finden in Bibliotheken, Archiven und Museen. Man kann es sich in Form einer Statue oder eines als Original angepriesenen Schriftstückes in das heimische Wohnzimmer holen. Dadurch wird die Identität einer Gruppe in ein ganz neues Umfeld gebracht, was Auswirkungen auf ihre persönliche Wahrnehmung hat. So können beispielsweise bestimmte rituelle Objekte von ihrem Ursprung zeitlich entkoppelt werden. Der eigentliche mythische Wert, der sich mit dem Akt der Entstehung herausbildet, wandelt sich. Das Objekt kann von einem Kult- zu einem reinen Gebrauchsgegenstand werden. In diesem Zusammenhang spricht man deshalb von Wandlungsprozessen des kulturellen Gedächtnisses. Diese sind bedingt durch mediale Neuerungen, aber auch durch die Anpassung des kollektiven Erinnerns an neue Gegebenheiten.

Dimensionen des Gedächtnisses

Es gibt verschiedene theoretische Ansätze, die gesellschaftlichen Formen des Erinnerns zu klassifizieren. Die wohl bekannteste Theorie stammt von den Soziologen Aleida und Jan Assmann, die das Gedächtnis in drei Dimensionen gliedern: die soziale oder kommunikative, die individuelle und die kulturelle Dimension. Alle drei interagieren miteinander, stellen aber auch Gegensätze dar. Als Grundlage jeder Kommunikation und jedweder Erinnerung steht das individuelle Gedächtnis. Mit dem Tod der jeweiligen Person geht dieses verloren. Stellt man sich vor, dass einst die Großeltern über die Vergangenheit im Dritten Reich gesprochen haben, so ist es eine sehr eigene und persönliche Darlegung der Ereignisse. Nur bestimmte Tatsachen werden erinnert und leben mit der Person weiter. Selbst eine Weitergabe des Wissens führt nicht dazu, dass das individuelle Gedächtnis in einer anderen Person weiterlebt. Ursächlich dafür ist, dass sich die entsprechenden Umstände des Wissenserwerbs geändert haben, so beispielsweise die politische Ordnung. Jedoch kann das individuelle Gedächtnis durch Informationen anderer erweitert werden, so dass sich die Erinnerungen mehrerer Personen überschneiden und zum kollektiven Erinnern werden. Dieses Phänomen findet sich bevorzugt in kleineren Gemeinschaften und Stämmen, wie etwa bei den Massai. Als Beispiel hierfür wäre die Eunoto-Feier zu nennen. Diese bildet den Abschluss des »Mann-Werdens«. Nach der Beschneidung des Jungen wird dieser bei den Massai mehrere Jahre getrennt von den Eltern mit einer Gruppe Gleichaltriger fortgeschickt, um sich als Krieger zu beweisen. Alle Personen der Gruppen machen gemeinsame Erfahrungen durch, die mit ähnlichen Erinnerungen verbunden sind. Wenn diese dann an die anderen Stammesmitglieder, aber auch untereinander kommuniziert werden, bildet sich ein kollektives Gedächtnis heraus. Dieses wird von Assmann und Assmann bevorzugt als soziales Gedächtnis bezeichnet. Ein Trugschluss wäre es, dieses nur bei »wilden« Gruppen zu suchen. So kann auch eine Gesellschaft oder eine Generation das gleiche Erinnerungsprofil aufweisen. Je nach Definition umfasst das soziale Gedächtnis dreißig Jahre bis drei Generationen. Aus dem Grund wird oft von einem Kurzzeitgedächtnis der Gesellschaft gesprochen. Doch ist diese Bezeichnung in sich falsch, da das soziale Gedächtnis sowohl lang- als auch kurzzeitliche Aspekte beinhaltet. Ersteres kann über mehrere Generationen von ausgewählten Personen tradiert und im Einklang mit neuen Erkenntnissen umgeformt werden. Demnach spielt die Manipulation gerade bei der mündlichen Überlieferung eine entscheidende Rolle. Der kurzzeitliche Aspekt bezieht sich auf die persönliche Vita beziehungsweise den Erfahrungshorizont einer Generation. Geht das Erinnern aber weit über ein Menschenleben hinaus, so spricht man von dem kulturellen Gedächtnis. Es existiert nicht nur in einer Person oder einer Gruppe, es ist vielmehr Bestandteil von Medien. Man findet es archiviert, in Form von Büchern, Dateien, Hörspielen und Filmen, als eine Art Langzeitspeicher einer Kultur. Sie stellen oft mythische Ereignisse einer fernen Vergangenheit dar. Als Beispiel kann man die Kultur der Aborigines anführen, die sich jährlich an ihren Gründungsursprung erinnern. Diesen bezeichnen sie auch als Traumzeit (Dreaming). Durch das ständige Wiederholen dieses Mythos in der gegenwärtigen Zeit entsteht eine Zweizeitigkeit, die gerade in oralen Kulturen prägend und bei der Identitätsbildung einer Kultur hilfreich ist. Ebenso können eine Flagge, eine gemeinsame Sprache und ein Nationalfeiertag als Symbole des kulturellen Gedächtnisses aufgefasst werden. Es verbindet eine Nation miteinander und gibt ihr einen einzigartigen Charakter, der zumeist durch Schriftstücke mehrere Jahrhunderte besteht. Doch ist dieser auch Wandlungsprozessen unterworfen. Besonders durch die Medien werden immer neue Stufen des Erinnerns geschaffen.

Evolution durch Medien

Bereits durch die Einführung der Schrift veränderte sich das Gedächtnis einer Gruppe. Die Weitergabe von Informationen war nicht mehr auf die Anwesenheit aller Mitglieder beschränkt. Man musste nicht mehr mit der Zeit leben, sondern konnte sich diese selbst frei gestalten. Anfänglich war dieses aber nur ein exklusives Recht weniger, die in der Lage waren, die Codes zu lesen. Mittlerweile scheint jedem Alphabeten der Zugang zu allen Kulturen und somit zu ihrem kulturellen Gedächtnis möglich. In Archiven und Bibliotheken finden sich die Erinnerungen verschiedenster Personen; aber auch Dokumentationen leisten einen großen Beitrag zur Erinnerungskultur. Neben all diesen medialen Neuerungen stellt das Internet aber eine »Sonderform« dar, da seine Fähigkeiten unbegrenzt scheinen. Gerade Suchmaschinen wie Google bestätigen diesen Eindruck. Jan Assmann bezeichnete sie aus diesem Grund als Archetypen des Gedächtnisses. Sie vergessen nie. Doch ist das das Problem oder auch der große Unterschied zwischen dem Individuum Mensch und der Maschine. Der Mensch muss vergessen, um sich neu zu erinnern. Die Maschine braucht nicht zu vergessen, sie merkt sich einfach immer mehr.

Über Maria Weickardt

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Erstellt: 27.01. 2012 | Bearbeitet: 17.04. 2012 21:05