Apr 2012 hastuINTERESSE Nr. 41 0

Die vergebliche Suche nach dem Gleichgewicht

»Finde dein Gleichgewicht!« So oder ähnlich lauten die Titel von Ratgebern für alle möglichen Lebenslagen. Wie praktisch, dass der Mensch eigentlich von Natur aus mit einem Gleichgewichtssystem ausgestattet ist.

Die Straße scheint plötzlich leicht bergauf zu gehen, oder doch bergab? Herr B. macht einen Schritt ins Leere, stolpert leicht und beginnt zu schwanken. Noch ein Schritt, noch mehr Schwanken. Erst als er am rettenden Laternenpfahl etwas zum Festhalten gefunden hat und kurz ausruht, kehrt sein Gleichgewichtsgefühl langsam zurück.

Das Gleichgewichtsorgan setzt sich zusammen aus zwei Vestibularisorganen, die sich paarig angeordnet jeweils im Innenohr befinden und je fünf Gleichgewichtsrezeptoren umfassen: zwei Otolithen-Organe und drei Bogengänge. In den Otolithen-Organen werden Informationen über Linearbeschleunigungen (nach vorn, hinten, links, rechts, oben oder unten) verarbeitet, in den Bogengängen Informationen über Drehbewegungen. Diese werden an die Gleichgewichtsnerven weitergeleitet und laufen schließlich im Kleinhirnbrückenwinkel zusammen. Das komplexe Gleichgewichtssystem verarbeitet »neben den Informationen aus den Hörnerven auch die Informationen der Augen«, erklärt Dr. Torsten Rahne, Audiologe und Neurootologe an der Uniklinik Halle.

Fast versteht es sich bei dieser Komplexität von selbst, dass es zu verschiedensten Störungen des Systems kommen kann. Die meistbeschriebene Symptomatik ist Schwindel, der jedoch weiter differenziert werden muss: »Stets muss überprüft werden, ob das angegebene Schwindelgefühl vestibulär bedingt ist, also einer Funktionsstörung der Gleichgewichtsorgane folgt, oder ob diese Störung zentral, also durch das Gehirn bedingt, ausgelöst ist. Schwindel entsteht, wenn die ›Auskünfte‹ der verschiedenen Sinnesorgane einander widersprechen«, erläutert Rahne, »Der vestibuläre Schwindel wird vom Patienten als Dreh-, Lift- oder Schwankschwindel, ziehend nach einer Seite oder Taumeligkeit geschildert.« Schwindel tritt aber auch als Nebensymptom bei Schlaganfällen oder Alkoholmissbrauch auf. Darüber hinaus gibt es auch Arten von Schwindel mit ganz anderen Ursachen, wie herz- bzw. kreislaufbedingter Schwindel oder auch Reizschwindel, zum Beispiel Höhenschwindel. Manch einer kennt sicher auch den »Drehschwindel« nach ausgiebigem Alkoholgenuss.

Aber wie entsteht dieser Schwindel? Die häufigsten Auslöser sind knöcherne Schädelverletzungen oder Infekte, aber auch ein eingeengter Gleichgewichtsnerv (zum Beispiel durch einen seltenen Tumor), Gefäßveränderungen nahe des Hirnstamms oder sich ablösende Kristalle in den Otolithen-Organen, was zu Funktionsstörungen in den Otolithen-Organen und den Bogengängen führt. »Ist das Gleichgewicht der Informationen zwischen dem rechten und linken Gleichgewichtsnerv, die im Hirnstamm zusammenlaufen, gestört, oder gibt es zusätzlich widersprüchliche Informationen von den Augen, entsteht die Wahrnehmung einer Scheinbewegung – das Schwindelgefühl. Das Gehirn reagiert mit motorischen Impulsen zum Ausgleich dieses vermeintlichen Ungleichgewichts, was oft zum Verlust des Gleichgewichts oder den für bestimmte Schwindelformen typischen Zuckungen der Pupillen führt«, erklärt Rahne.

Ebenso vielfältig wie die Arten sind die Behandlungsmethoden: Neben der Einnahme von Medikamenten bei entzündlichen Veränderungen und möglicherweise nötigen Operationen bei Tumoren oder Gefäßproblemen kommen auch »taktische Maßnahmen« zum Einsatz: So helfen bei Schwindel, der durch die Ablösung von Otolithen verursacht wurde, »Lagerungsmanöver«. Durch gezielte Kopfbewegungen werden die Otolithen wieder in Position gebracht. Bei chronischem Schwindel hilft ein Gleichgewichtstraining. Dies kann koordinative Selbstübungen, Tai-Chi als Training der Wahrnehmung des eigenen Körpers, apparatives Training im Wasser oder auf beweglichem Untergrund und Neurofeedback umfassen. Bei letzterem trägt der Betroffene einen Gürtel an der Hüfte, der bei Überschreiten einer bestimmten Schwelle (Körperschwankung) einen Reiz auslöst.

Dennoch bleiben meist Einschränkungen im Alltag: Fahrradfahren oder die Arbeit an rotierenden Maschinen sind unmöglich. Sogar Gehen kann zur Qual werden: Betroffene schwanken, stolpern und stürzen auch auf ebener Strecke und suchen oft Gegenstände, an denen sie sich festhalten können.

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

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Erstellt: 27.04. 2012 | Bearbeitet: 26.04. 2012 16:58