Apr 2012 hastuINTERESSE Nr. 41 0

Die nächste Gesellschaft

Das Schlagwort der modernen Gesellschaft ist Krise. Sie scheint allgegenwärtig zu sein und die Vorteile einer medial verknüpften Welt zu überstrahlen. Doch wie stabil ist die moderne Gesellschaft überhaupt noch?

»Wir können keine Sprache erfinden, wir sind immerhin Sprache.« Diese Meinung vertritt der Soziologieprofessor Dr. Reinhold Sackmann, denn für ihn ist die Gesellschaft mehr als nur ein Haufen zahlreicher Menschen. Die Gesellschaft sei vielmehr eine Ansammlung gemeinsamer Werte, Kommunikation und Kooperation. Diese geht so weit, dass man letztlich aufeinander angewiesen ist. Der Mensch ist schließlich nur ein zoon politicon – gemeinsam agierendes Wesen –, das den Austausch wie die Luft zum Atmen braucht, egal in welcher Form. Die nächste Gesellschaft macht es möglich: die sogenannte Computergesellschaft. Denn in ihr kann der User via Internet weltweit kommunizieren und agieren. So bildete sich bereits vor fünfzig Jahren eine Weltgesellschaft heraus, die als Endstation der Evolution angesehen wurde. Doch weisen gerade die letzten Jahre zunehmend krisenhafte Symptome auf. So gab es neben der Weltwirtschaftskrise auch andere, vor allem politisch orientierte Konfliktherde. Der »Arabische Frühling« ist nur eines von zahlreichen nennenswerten Beispielen. Das Internet diente hierbei als Plattform des Geschehens. Man konnte beinahe live die Umwälzung der islamischen Herrschaft miterleben. Die arabische Welt wurde letztlich zur Bühne, die übrige Welt wurde zum Zuschauer deklariert. Doch gehören gerade solche Krisen immer zu einer Gesellschaft dazu und sind sogar Teil einer solchen. Die Ursache dafür sieht Sackmann in der hohen Dynamik der modernen Gesellschaft. Für ihn ist das »ein Strukturmuster, das seit dem 19. Jahrhundert immer weiter perfektioniert wird und auf dessen Grundbahnen wir uns nach wie vor bewegen. Zu dieser Gesellschaft gehört bewusst in Kauf genommene Instabilität, die die Dynamik des Systems erhält.« Wahlen stellen einen solchen Impuls dar. Durch die begrenzte Legislaturperiode verkrustet die Gesellschaft nicht und schafft sich selbst eine Option zur Bestätigung.

Demontage oder Demokratie?

Die Demokratie wird als die momentan beste Herrschaftsform betrachtet. Ihr Vorteil liegt darin, dass man verschiedenste Gruppen in den politischen Entscheidungsprozess mit einbindet. Konflikte innerhalb der Gesellschaft sollen so geschmälert werden. Eine friedliche Innenpolitik bewirkt schließlich auch ein friedliches Auftreten nach außen. Doch birgt gerade die Demokratie zahlreiche destabilisierende Elemente. Etwa Wahlen können bei einer extremen Meinungsuneinigkeit der Bevölkerung Unzufriedenheit hervorrufen. Ebenso können Manipulation oder extremistische Parteien im Parlament zu einer Instabilität beitragen. »Insofern ist jede Demokratie natürlich wie jedes Herrschaftssystem auch gefährdet zu degenerieren, durch unsinnige Aktionen wie Kriege, Krisen, Korruption«, so die Ansicht von Prof. Sackmann. Dennoch sind zur Zeit weltweit circa zwei Drittel der Länder demokratisch, wobei eine steigende Tendenz zu betrachten ist.

Der Weltgesellschaft liegt also ein demokratischer Gedanke zugrunde, der schon im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen im 18. Jahrhundert aufkam. Zu jener Zeit bildeten sich bereits Werte und Normen wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aus. Auch der Begriff der Gesellschaft wurde erstmals verwendet, wenn auch nur für die Bevölkerung innerhalb eines Staates. Doch hat sich das Bild der Gesellschaft und der Demokratie an sich stark gewandelt. Dynamik und Wandel prägen immer mehr die Herrschaftsordnung. Dies zieht eine schnelllebige Gesellschaft nach sich, die nicht immer krisenfest ist. Oft betreffen diese Krisen aber nicht das gesamte System. Vielmehr sind es nur kleine Strohfeuer, die gelöscht werden können. Doch sorgen einige schlecht organisierte Elemente in der Gesellschaft dafür, dass die kleinen Feuer auch zu Bränden werden können. So wurden aus kleineren Krisen in den letzten Jahren bereits Kriege wie beispielsweise auf dem Balkan in den 1990er Jahren.

Trotzdem stellt Europa eine relativ friedliche und politisch stabile Region dar. Nicht zuletzt liegt das daran, dass die meisten Länder auf dem Kontinent demokratisch sind. Prof. Sackmann unterstreicht diese Ansicht. Denn für ihn ist eine »demokratische Führung einer Gesellschaft sicher normativ die stabilste und die auch dem modernen Menschenverständnis entsprechendste Form.«

Lieber nicht liberal?

Das Gespenst der liberalen Wirtschaftsordnung wird oftmals als Hauptsymptom für eine instabile Weltgesellschaft betrachtet. Denn es belegen zahlreiche Beispiele, dass die ökonomische Situation in den letzten Jahren nicht immer stabil war. Nicht nur die Finanzkrise, sondern ebenso die Staatspleite Argentiniens zeigen, wie Spekulation und Kalkulation zu Problemen führen können. »Wir haben seit der Öffnung der Kapitalmärkte, dem Aufkündigen von Bretton-Woods 1973, eine zunehmende Zahl von spezifischen Finanzmarktkrisen, die in dieser Form nicht notwendigerweise zum System gehören«, so die Meinung von Prof. Sackmann, der dem gängigen Tenor von Finanzmarktexperten widerspricht. Die Weltgesellschaft wurde finanziell und politisch an ihre Grenzen gedrängt, konnte sich aber noch selbst erretten. Es blieben aber Folgeschäden, wie die Euro-Krise. Das ist verzichtbare Instabilität, die durch stärkere wirtschaftliche Kontrollinstanzen vermeidbar gewesen wäre.

Der Soziologe Niklas Luhmann geht sogar so weit, nicht nur die Wirtschaft, sondern die gesamte Gesellschaft generell als instabil und utopisch zu betrachten. Für ihn ist die gesellschaftliche Evolution eine Steigerung des Unwahrscheinlichen. Es gibt keine Garantie für irgendetwas. Deshalb versucht man gerade in der modernen Weltgesellschaft mit Hilfe von Institutionen eine gewisse Sicherheit zu schaffen. Wichtige Werte und Normen werden mit ihrer Hilfe getragen und der Bevölkerung zugänglich gemacht. So halfen beispielsweise die Weltbank und der IWF in den vergangenen Jahrzehnten zahlreichen Ländern bei Zahlungsschwierigkeiten und gewährten Kredite. Doch nicht immer sind solche Aktionen erfolgreich. Ebenso kann die Demokratie nicht immer als Garant für Stabilität angesehen werden. Vielmehr zeigt sich in letzter Zeit ein Umbruch in der Weltgesellschaft. In welche Richtung dieser verläuft, ist unklar, denn letztlich bleiben für die Gesellschaft nur zwei Optionen bestehen: Man möchte eine dynamische, weltweit verknüpfte, aber instabile oder eine stabile, statische, autarke Gesellschaft. Prof. Sackmann selbst sieht in einer dynamischen Demokratie die Zukunft. Denn »es gibt zwar keine Garantie in diesem System. Aber es gibt etwas mehr Korrekturmöglichkeiten als in anderen.«

Über Maria Weickardt

, ,

Erstellt: 27.04. 2012 | Bearbeitet: 26.04. 2012 14:44