Dez 2012 hastuPAUSE Nr. 44 0

Die fünf Säulen des I,Slams

Beim Poetry-Slam treten Poeten mit ihren selbst geschriebenen Texten im Wettkampf gegeneinander an. Nun hat eine Gruppe muslimischer Dichter die neue Kategorie des I,Slams entwickelt.

Foto: Arne List

In wenigen Details, wer seid ihr, und was macht ihr?

Adlah: Ich bin Youssef Adlah, 24 Jahre alt, und studiere Luft- und Raumfahrttechnik an der Technischen Universität Berlin. Ich bin I,Slam-Mitbegründer.
Al-Amayra: Ich bin Younes Al-Amayra und auch irgendwie I,Slam-Mitbegründer. Ich bin studierter Islamwissenschaftler und zurzeit Grundschullehrer.
Bahardeen: Mein Name ist Mohamed Miftha Bahardeen, ich bin 21 Jahre alt und komme aus Hamburg. Ich bin derzeitig Schüler.
Younes El-Amayra: Mein Name ist Leila Younes El-Amayra, ich bin 21 Jahre alt und studiere Rechtswissenschaften. Ich habe an der Martin-Luther-Universität studiert, bin aber wieder zurück in meine Heimatstadt Berlin.

Wie wird man I,Slammer, und wie seid ihr zu der Idee gekommen?

Adlah: Ich würde jetzt sagen, da muss viel Alkohol im Spiel gewesen sein, aber den dürfen wir ja nicht trinken, also fällt das schon mal raus.
Al-Amayra: Die Idee kam vom exzessiven Ayrantrinken.
Adlah: I,Slam ist … nee, du kannst das so gut!
Al-Amayra: Also, I,Slam ist im Prinzip auf einem Poetry-Slam in Kreuzberg entstanden. Youssef hatte dort einen Auftritt, und ich war als Videojournalist für Muslime-TV unterwegs. Er hatte einen Text zu Männerrechten und Freiheit der Frauen vorgetragen. In diesem Text prangerte er gesellschaftliche Umstände an, vor allem in Bezug auf die Unterdrückung der Frau. Das Ganze hat er satirisch aufgerollt, und dies vor einem Publikum, wo man dachte, es wird schwierig. Doch die Message kam an. Und da haben wir festgestellt, dass es darauf ankommt, wie man eine Kritik übt – auf die Wortwahl. Und bei dem Interview, das ich mit ihm gemacht habe, kam so die Frage auf: hey, sollten wir das nicht auch für Muslime machen, denn Muslime benutzen diese Bühne nicht. Und das war so der Anfang, wo wir im Nachhinein zusammensaßen und das ganze zusammengesponnen haben. Diese Spinnerei hat sich dann immer mehr zu einem Konzept entwickelt. Wir haben dann im Internet gesucht, gibt es denn muslimische Slammer, und wenn ja, wo sind sie zu finden? Dann sind wir bei »Zahnräder« mit unserem Konzept angetreten und haben gewonnen. Wir haben festgestellt, dass diese Nische gebraucht wird, und dann ging es los.

Habt ihr irgendwelche Vorbilder oder Menschen, die euch in eurem
Schaffen beeinflussen?

Adlah: Ich habe in der deutschen Slam-Szene keine Vorbilder, nur Leute, die ich gut finde, zum Beispiel Felix Römer. Ich würde jetzt nicht sagen, dass Römer mein Vorbild ist, nicht weil ich arrogant bin, sondern weil ich versuche, nicht in die Fußstapfen von jemand anderem zu treten, sondern meine eigenen zu formen. Wer für mich aber von größter Bedeutung ist, ist Nizar Qabbani, ein arabischer Dichter. Er hat Liebesgedichte geschrieben, und derartiges habe ich noch nie in meinem Leben gehört, egal in welcher Sprache.

Wie kann ich bei euch mitmachen als interessierter Slammer?

Adlah: Wir bieten in erste Linie eine Plattform für muslimische Dichter und Autoren an, weil wir eben diese Szene fördern möchten. Wenn man zugucken möchte, ist jeder herzlich eingeladen, wenn man mitmachen möchte, sollte man Moslem und mindestens 14 Jahre alt sein. Außerdem muss man Texte schreiben, die I,Slam-Säulen-konform sind.

Was sind die Säulen des I,Slams?

Adlah: Ja, wir haben uns gedacht, damit wir das irgendwie für Muslime erst mal zugänglich machen können, müssen wir das für sie auch etwas modifizieren, dass sich da die Leute wohler fühlen. Sie sollen einen ersten Bezug dazu haben. Dafür haben wir uns die fünf Säulen des I,Slams überlegt. Die ersten vier unterscheiden sich gar nicht von den eigentlichen Regeln des Poetry-Slams:
1. Respect the Poet, 2. Own Construction, 3. No Aids (Keine Hilfsmittel), 4. Time Limit.
Die fünfte Regel, No Verbalism, haben wir hinzugefügt, und das ist auch die entscheidende Regel bei uns. Wir möchten unsere Texte möglichst sauber halten, sprich: inhaltlich können die I,Slammer alle Themen ansprechen, nur die Art und Weise, wie man darüber redet, ist entscheidend. Wir möchten zum Beispiel nicht, dass irgendwelche Menschen diskriminiert werden, dass einzelne Personen niedergemacht werden, und wir möchten nicht, das etwas verherrlicht wird, was in unserem Bild verboten ist, wie Alkohol und Drogen. Und natürlich keine Blasphemie. Wir denken einfach, dass es für alle anderen Texte genug Plattformen gibt, und wir möchten unsere Plattform für Leute nutzen, die mit der Sprache nicht so umgehen möchten wie andere.

Foto: Arne List

In welcher Sprache darf geslammt werden? Viele Moslems haben ja sicherlich nicht Deutsch als Muttersprache!

Al-Amayra: Wir wollen das definitiv auf Deutsch halten. Wir haben von Anfang an gesagt, dass das ein deutscher Poetry-Slam ist, mit deutschen Muslimen, und dementsprechend bleiben wir auch dabei.

Wie entstehen eigentlich eure Slam-Texte?

Bahardeen: Ich mache das in den dead moments in der Bahn, in der Schule. Ich setze mich nicht aktiv hin, ich könnte das auch nicht. Das ist zu viel Druck.

Wie ist es, wenn man sich immer wieder der Bewertung des Publikums aussetzt?

Adlah: Nico Semsrott, auch jemand aus der Slam-Szene, hat das gut zusammengefasst: Poetry-Slams sind die modernen Gladiatorenkämpfe unserer Zeit. Und so fühlt es sich auch an, denn jeder möchte ja gewinnen, wenn er daran teilnimmt. Natürlich steht die Message und die Verbreitung der Gedanken im Vordergrund.

Ihr wart ja jetzt für eine Veranstaltung in Halle … Wart ihr zuvor schon mal in Halle?

Adlah: Ich war schon öfter in Halle. Ähm, Halle ist ’ne wunderschöne Stadt (lacht). Ich kann mit der Stadt an sich nicht so viel anfangen, aber dort habe ich meine ersten Schritte in der Poetry-Slam-Szene gemacht. Deswegen verbinde ich immer noch sehr viel mit Halle und dem Schlagwort-Poetry-Slam im Turm. Dennoch, wäre Halle in Berlin, wäre es mir lieber.

Leila, wie war denn die Stimmung bei der Veranstaltung in Halle?

Younes El-Amayra: Sehr gut. Die Leute waren emotional total dabei. Sie haben immer mitgemacht, wenn man sie zur Interaktion aufgefordert hat, und man hat gemerkt, dass sie viel Freude hatten. Es hat mir als Mitorganisatorin echt Spaß gemacht, das zu erleben.

Wenn es euch gefallen hat, drängt sich die Frage auf, ob ihr wiederkommen werdet …

Younes El-Amayra: Das wissen wir noch nicht. Wir haben den I,Slam in Halle vorerst als einmaliges Event geplant.

Was meinst du, ist die Message des I,Slams in Halle angekommen?

Younes El-Amayra: Wir hoffen natürlich, dass unsere Message beim Publikum angekommen ist. Von dem, was wir als Rückmeldung bekamen, scheint dies jedenfalls der Fall gewesen zu sein.

Wie findet ihr das, wenn Nicht-Muslime auf euch aufmerksam werden?

Al-Amayra: Wir wünschen uns sogar mehr Nicht-Muslime im Publikum. Die Poeten reden über Themen, die sie bewegen, die andere Muslime teilen. Da bringt es nichts, vor Muslimen zu reden, denn sie kennen die Probleme, nicken sie ab. Es geht darum, Nicht-Muslime auf Probleme aufmerksam zu machen, und das auf eine andere Art und Weise. Wir wollen Dinge wie Diskriminierung nicht totschweigen, sondern thematisieren.

Über Alisha Führer

Erstellt: 14.12. 2012 | Bearbeitet: 13.12. 2012 23:34