Jan 2012 hastuUNI Nr. 40 0

Der virtuelle Kampf gegen die Angst

Computersimulation als Therapie? An der MLU wollen Psychiater Angstpatienten mithilfe von »virtual reality« therapieren.

hastuzeit-Autor Tom im virtuellen Angstlabor. (Foto: Maria Preußmann)

»Ich bin selbst sehr gespannt, wie die Patienten darauf reagieren«, sagt die Psychiaterin Julia Friedemann, als sie das virtuelle Angstlabor der Psychiatrischen Universitätsklinik vorstellt. Bald sollen hier die ersten Angstpatienten mithilfe von »virtual reality« therapiert werden. Vorher muss aber noch ein TÜV-Zertifikat her. »Nicht nur wegen der elektrischen Geräte, die wir hier benutzen«, erklärt der Informatiker Frank Demel, der beim Projekt für die technische Umsetzung und Programmierung zuständig ist. Auch ein inhaltliches Gutachten muss ausgestellt werden. Schließlich könne man nicht einfach machen, was man denkt, und das dann am Patienten ausprobieren. Eine Standardlösung für die virtuelle Therapie gibt es bisher noch nicht. Deshalb musste das Team unter Leitung von Klinikdirektor Prof. Andreas Marneros, das neben der Psychiaterin und dem Informatiker noch aus zwei Hilfskräften besteht, alles von Anfang an selbst entwickeln. »Wir haben hier richtige Pionierarbeit geleistet.« Technikfreaks wären allerdings beim ersten Anblick des »virtuellen Angstlabors« wahrscheinlich ein wenig enttäuscht: Statt einer futuristischen Einrichtung erwartet den Besucher ein kleines Zimmer im Keller. Hinten in der linken Ecke steht ein PC mit großem Bildschirm. Auf dem Schreibtisch liegen Kopfhörer, Tastatur, Maus und – endlich – eine futuristisch aussehende Brille. Die Brille setzen sich die künftigen Patienten während der Therapie auf und schauen so in eine virtuelle Welt, in der sie mit ihren Ängsten konfrontiert werden sollen.

Angst ist unser Freund

»Angst ist an sich ein Gefühl, das angeboren ist«, erklärt Friedemann, »jeder Mensch hat Angst, jeder Mensch kennt Angst.« Und das ist auch gut so. Hätten sich Urmenschen nicht vor Raubtieren gefürchtet, wären sie mit Sicherheit ausgestorben, und wir würden heute wahrscheinlich gar nicht leben. Angst signalisiert uns Gefahr. Dabei schüttet unser Körper Adrenalin aus und bewirkt typische körperliche Veränderungen: Unser Herz schlägt schneller, unsere Muskeln sind angespannt, der Blutdruck steigt, und häufig fangen wir an zu schwitzen. Angst ist im Alltag aber kein ausschließlich negatives Gefühl, häufig spielen wir sogar mit der Angst: in Horrorfilmen, bei der Achterbahnfahrt oder im Extremsport. In all diesen Fällen sprechen Psychiater von »physiologischer Angst«, also von einem normalen Gefühl wie jedem anderen auch.

Wenn Angst krank macht

Allerdings kann Angst auch zur Krankheit werden, Therapeuten sprechen hier von pathologischer Angst. Die Angstsymptome treten dann auch in Situationen oder bei Gegenständen auf, die für uns keine unmittelbare Gefahr darstellen müssen: Bei Hunden oder Spinnen, in Kaufhäusern, Tunneln oder Straßenbahnen. Patienten mit der klinisch häufigen »Agoraphobie«, also der Angst vor beispielsweise Menschenmengen oder weiten Plätzen, beschreiben häufig Angst vor einem Kontrollverlust: Wenn sie in eine volle Straßenbahn einsteigen wollen, verspüren sie Panik, und es schießen ihnen Gedanken in den Kopf – sie könnten jetzt in diesem Moment einen Herzinfarkt erleiden oder umfallen, und keiner würde ihnen helfen. Die Angstsymptome werden von den Patienten oft nicht richtig erkannt: Sie glauben, sie hätten Herzprobleme, weil ihr Herz so schnell schlägt. So kann es vorkommen, dass eine Angsterkrankung über mehrere Monate bis Jahre unerkannt bleibt. Während dieser Zeit kommt es zu immer stärkeren Einschränkungen: Die Betroffenen vermeiden zunehmend alle Situationen, in denen sie das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren. Statt durch einen Tunnel zu gehen, würden sie lieber einen kilometerweiten Umweg auf sich nehmen. Häufig wird eine Angststörung von weiteren psychischen Erkrankungen, wie beispielsweise einer Depression, begleitet.

Im Kopf falsch verschaltet

© epSos.de (via Creative Commons)

Nervenkitzel statt Höhenangst: Manche Fotografen suchen in schwindelerregenden Höhen nach einzigartigen Motiven.

Pathologische Ängste entstehen, wenn unser Gehirn »falsch programmiert« ist: »Man nennt das dysfunktionale Kognition. Das heißt, es gibt da eine Verknüpfung, die eine Situation in irgendeiner Form als Gefahr bewertet.« Im Kopf von Patienten mit Höhenangst gibt es zum Beispiel die Verknüpfung »Höhe bedeutet Gefahr«, und deshalb wird eine Angstreaktion ausgelöst. Daraus resultiert dann häufig das Vermeidungsverhalten, zum Beispiel eben nicht mehr auf hohe Türme zu gehen. Dazu kommt häufig eine Erwartungsangst, also die Angst vor der Angst, wenn man sich in die vermeintlich gefährliche Situation begibt. Wie es zu diesen falschen Verknüpfungen kommt, ist nicht komplett geklärt – die eine Ursache für Angst gibt es nicht. Es existieren verschiedene lerntheoretische, psychodynamische, neurobiologische und neurochemische Ansätze: »Man geht von einem multifaktoriellen Modell aus.« Mögliche Einflüsse können in Lernerfahrungen oder in der Erziehung liegen: »Wie wurde mir beigebracht, mit Ängsten oder mit solchen Situationen umzugehen?« Aber auch genetische Faktoren können eine Rolle spielen. »Es ist oft so, dass psychische Erkrankungen gehäuft in der Familie auftreten.« Das Klischee-Bild, dass ein traumatisches Ereignis häufig der Auslöser einer speziellen Phobie ist, kann die Psychiaterin aus der eigenen klinischen Erfahrung nicht bestätigen.

Angst auf allen Ebenen bekämpfen

Psychische Symptome können auch Ausdruck einer organischen Erkrankung sein. Deshalb sei es, so Friedemann, sehr wichtig, dass an erster Stelle eine gründliche Patientenuntersuchung mit umfassender Organdiagnostik stehe: »Eine Schilddrüsenüberfunktion kann typischerweise auch mit verschiedenen Symptomen wie vermehrtem Schwitzen, Unruhe und erhöhtem Puls einhergehen.« – und als Angststörung fehlgedeutet werden. Wenn man die organische Störung behandelt, kann es passieren, dass »sich dadurch auch die Symptome bessern oder sogar völlig weggehen.« Wenn eine körperliche Ursache ausgeschlossen werden kann, beginnt man mit einer Therapie. Die Behandlung von Phobien kann durch Medikamente, zum Beispiel Antidepressiva, unterstützt werden. »Der größere Komplex ist die Psychotherapie.« Am Anfang einer Therapie steht die »Psychoedukation«, das heißt die Aufklärung des Patienten über seine Krankheit. Zusätzlich werden dem Patienten Werkzeuge zur Entspannung gegeben, wie autogenes Training oder Progressive Muskelrelaxation, die er auch nach der Therapie weiterhin anwenden kann. Ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung ist die Reizkonfrontation. »Dabei gibt es zum einen die so genannte In-sensu-Konfrontation.« Der Therapeut leitet den Patienten dazu an, sich in seiner Vorstellung dem angstauslösenden Reiz auszusetzen. »Der zweite große Weg ist die In-vivo-Exposition, das heißt, dass der Patient real in der Umwelt übt und sich mit der angstauslösenden Situation auseinandersetzt.« Patienten mit Höhenangst gehen also zum Beispiel auf einen Turm.

Therapie am Computer

Die virtuelle Therapie soll einen Mittelweg der beiden anderen Verfahren darstellen. Anstelle der Vorstellung oder Realität tritt die virtuelle Welt. »Ein Vorteil ist die geringere Hemmschwelle für die Patienten.« So könne ein Angstpatient, der sich noch nicht traut, auf die Hausmanns-Türme auf dem Markt zu steigen, erst mal am Computer üben und sich langsam an die Realität herantasten. Dafür gibt es bereits ein fertiges virtuelles Szenario. Die Simulation beginnt vor dem Hochhaus, damit der Patient sich selbst dafür entscheiden muss, hinaufzugehen. Das Gebäude hat einen Fahrstuhl mit durchsichtigem Boden. Je höher man fährt, desto tiefer wird der Blick nach unten. Auf zwei Etagen kann der Patient dann aussteigen und sich der Höhe stellen. Die erste Etage ist ungefähr in der Mitte des Gebäudes. Die zweite Etage führt aufs Dach. Hier kann man nicht nur frei herumlaufen und tief nach unten schauen, sondern auch in einen Bereich gehen, der nicht durch ein Geländer beschränkt ist – herunterfallen kann man aber nicht. Auf dem Dach liegen aber einige Gegenstände, die man vom Haus herunterwerfen kann. Außerdem gibt es noch ein kleines Treppenelement, mit dem man noch höher gehen kann. Um die Wirkung noch zu verstärken, bekommt der Patient eine Datenbrille aufgesetzt, mit der das Bild direkt vor die Augen projiziert wird. Die Brille reagiert dann auf die Kopfbewegungen des Patienten, er kann sich also wirklich in der Welt »umschauen«. Durch realistische Töne soll der Eindruck zusätzlich verstärkt werden.

Immersion statt Perfektion

Der Erfolg der virtuellen Therapie, so Friedemann, hängt natürlich davon ab, wie gut sich der Patient in die Situation hineinversetzen kann. »Wenn sich der Patient die ganze Zeit nur vorstellt: Ich sitze hier an einen Computer, und das ist alles nicht real, und hier ist überhaupt keine Spinne – dann wird das nicht funktionieren.« Wenn der Patient sich auf die Situation einlässt, wird er auch in der virtuellen Welt Angstsymptome erleben. Dafür muss die Grafik nicht einmal perfekt sein. Es kommt viel mehr auf die spezifischen Reize an, die die Angst auslösen: »Wenn in einem spannenden Film mit aufregender Musik der Mörder um die Ecke kommt, zuckt jeder zusammen. Und der Mörder ist auch nicht real. Aber trotzdem passiert da was.« Außerdem ist es häufig schwierig oder teuer, immer nur real zu üben: Für Patienten mit Flugangst könnten mehrere In-vivo-Sitzungen ziemlich kostspielig werden. Ein weiterer Vorteil der virtuellen Therapie ist, dass man theoretisch so viele Szenarien entwickeln kann, wie man will. Und das Szenario ist besser kontrollierbar als das Üben in der Realität. Dadurch erhoffen sich die Therapeuten, dass mehr Patienten schneller und besser wieder ins normale Leben zurückkommen. Wichtig seien am Ende aber natürlich der Schritt in die Wirklichkeit und das weiterführende selbständige Üben auch nach Abschluss der Therapie.

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
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