Jun 2012 hastuPAUSE 0

Das Neue Testament des Kicking and Dribbling

Religion Fußball entfaltet wieder eindrucksvoll ihre Macht der Begeisterungsfähigkeit

(Foto: Gip Gipukan CC-BY-NC)

Es gleicht einem Evangelium, einer Frohbotschaft, was am 26. Oktober 1863 in der Londoner »Freemason’s Tavern« begann und im Advent des gleichen Jahres in einem Codex mit 13 Paragraphen verabschiedet wurde, denn besonders § 10 war zuvor lange und hitzig diskutiert worden: »Sowohl Fußstellen wie auf die Beine stoßen, desgleichen jeder Gebrauch der Hände, um damit einen Gegner zu halten oder umzustoßen, ist verboten.« Damit ist die Entscheidung auf Gewaltverzicht gefallen. Zuvor, in der alttestamentlichen Zeit des Derby, wäre das undenkbar gewesen. Ging es doch darum, den Ball mit allen Mitteln quasi als Beute für den eigenen Pfarrbezirk zu erobern – koste es, was es wolle. Ähnlich brutale Ballspiele sind seit dem 12. Jahrhundert aus Frankreich und seit dem 15. Jahrhundert aus Italien bekannt: Soule und Calcio. Mit dieser Entscheidung, dem kategorischen Verbot direkter Körperattacken, waren die Chancen nun tatsächlich weitgehend gleich verteilt zwischen Hänfling und Hüne, Fliegengewicht und Schwergewicht. Geschicklichkeit im Umgang mit dem Ball stand fortan im Mittelpunkt.

Eine Botschaft des Gewaltverzichts, die in nun fast 150 Jahren Fußballgeschichte eine ähnlich rasante Entwicklung und Ausbreitung über unseren Planeten vollzogen hat wie die des frühen Christentums vor 2000 Jahren.

Was ist es, was Menschen daran so begeistert? Was Christentum und Fußball zur Religion werden lässt?

Dieser Frage ist auch Jana Conrad nachgegangen, die an der MLU Sport und Ethnologie studiert und zum Thema »Die Bedeutung des christlichen Glaubens für Leistungssportlerinnen und Leistungssportler« promoviert hat. Sie meint: »Religion und Sport, das sind zwei Grundpfeiler unserer Gesellschaft, die einiges gemein haben. Man denke nur an die Olympischen Spiele, einst ein religiöses Fest, oder die modernen Fußballgötter.« Ihr erscheint die Religionsdefinition Sundermeiers (2007) am »praktikabelsten«, weil er nach der Bedeutung dieser für die Menschen fragt. So sieht er Religion als »gemeinschaftliche Antwort des Menschen auf Transzendenzerfahrung, die sich in Ritus und Ethik Gestalt gibt«. Nach Kant sind damit jene Erfahrungen gemeint, die jenseits jedes menschlichen Erkenntnisvermögens liegen, damit nicht Gegenstand des Wissens, sondern eine Frage des Glaubens, sprich des Vertrauens sind. Vertrauen ist hochgradig emotionsbeladen, da immer ein Vorschuss. Erwartungen werden erst über die Zeit erfüllt oder aber auch enttäuscht. Sie entziehen sich dem eigenen Vermögen. Ein Spannungsbogen entsteht.

»Das Fußballspiel ist ein zeitlich begrenztes offenes Ereignis, dessen Verlauf durch die nicht planbaren Aktionen der Spielgegner gestaltet wird und das mit einem nicht vorhersehbaren Ergebnis endet … Das Prinzip der Unwägbarkeit weist über das Spiel hinaus auf die Offenheit der menschlichen Existenz.«
1994, Heinrich Väth, Sportsoziologe, bei Untersuchungen zum Profifußball

Diese Erfahrung von Unwägbarkeit und Offenheit über die ganze Spanne des Fußballspiels, noch mehr über die des menschlichen Lebens, gilt es auszuhalten, da beide erst an ihrem Abschluss eine Auflösung der in ihr liegenden Spannung erfahren, erst hier die Vertrauensfrage beantwortet werden kann, ob das zuvor geschenkte Vertrauen Erfüllung gefunden hat.

Gemeinschaftlich wird dieser Erfahrung des Vertrauenschenkens in Ritus und Ethik Gestalt gegeben.

Ein Beispiel dafür ist dieser Fangesang:

»Niemals allein, wir gehen Hand in Hand,
zusammen sind wir groß und stark wie eine Wand! 
Wir danken dir, du hast uns viel gegeben,
du bist der Mittelpunkt in unserem Leben! 
96, alte Liebe! Rot steht dir sehr viel besser als Gelb-Blau!
Lass die andern alle reden
von Bayern oder Bremen,
wir sind immer bei dir, 96, HSV! 
Schon lange Zeit bist du uns so vertraut,
mit dir haben wir nie nur auf Sand gebaut! 
Wir sind dabei, egal, ob’s regnet oder schneit!
Nicht nur an guten Tagen, wenn die Sonne scheint.
Manchmal geht es nicht so, wie man will,
aber unsre Liebe steht deswegen noch nicht still!
Tränen können fließen: Doch in der größten Not
rudern wir gemeinsam im roten Fußballboot!«

Ein anderes dieses Bibelwort:

»Es ist aber der Glaube (sprich: das Vertrauen) eine gewisse Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« Hebräer 11,1

Hoffnung haben und Gewissheit bekommen schafft Begeisterung. Besonders da, wo es über das menschliche Erkenntnisvermögen hinausgeht und rückgebunden ist an Vertrauen in etwas Größeres, was unser Menschsein halten kann.

So ist Verzicht auf Gewalt eine starke Rückbindung an die Macht der Liebe, welche in der Lage ist, Vergeltung zu stoppen und die Tür für Vergebung und Versöhnung zu öffnen, Mauern zu Fall zu bringen und Brücken zu bauen.

Die virtuose Kunst des Kicking and Dribbling ist daher im Advent 1863 auch der des Handling vorgezogen worden. Sie hat mit ihrer Begeisterungsfähigkeit Menschen weltweit miteinander verbunden und bis auf den heutigen Tag immer wieder neu diese Kraft entfalten können.

Über Jörg Anschütz

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Erstellt: 21.06. 2012 | Bearbeitet: 21.06. 2012 12:40