Jan 2012 hastuINTERESSE Nr. 40 0

Das Gedächtnis als Fotoalbum

Einmal klicken und die Erinnerung ist festgehalten. So funktioniert das beim Fotografieren. Inzwischen sogar digital, mit nahezu unbegrenztem Speicher – und was die Technik kann, kann der Mensch doch auch.

Als Dr. Sven Blankenberger in seiner Vorlesung zur Allgemeinen Psychologie I nach dem fotografischen Gedächtnis gefragt wurde, war seine Antwort eindeutig. »Mumpitz« nannte er das Phänomen und zweifelte die Existenz stark an. Zwar gebe es enorme Gedächtnisleistungen, aber kein Mensch könne seine Umgebung tatsächlich abfotografieren, sagte er noch, und damit war das Thema dann auch beendet.

Dennoch gibt es Gegenbeispiele, wie den russischen Journalisten und Gedächtniskünstler Solomon Shereshevsky. Sein Chefredakteur entdeckte als erster dessen ungewöhnliche Gedächtnisleistung. In der morgendlichen Redaktionsbesprechung nannte er seinen Mitarbeitern eine lange Liste von Namen, Adressen und Aufträgen. Als er bemerkte, dass Shereshevsky sich überhaupt keine Notizen machte, forderte er ihn auf, alle Instruktionen zu wiederholen. Die Überraschung war groß, als der Journalist genau dies tat. Aber auch Shereshevsky war sehr erstaunt – über die Verwunderung der anderen. Er hatte angenommen, sein Gedächtnis sei wie jedes andere auch. So aber ließ er es von dem Neuropsychologen Alexander Lurija untersuchen. Dieser überprüfte ihn in vielen Sitzungen und stellte eine überdurchschnittlich gute Gedächtnisleistung fest. Der Psychologe begleitete Shere-shevsky 30 Jahre lang und schrieb die Ergebnisse seiner Untersuchungen in dem Aufsatz »Kleines Porträt eines großen Gedächtnisses« nieder. Einmal bat er Shereshevsky, eine lange sinnlose mathematische Zeichenkette auswendig zu lernen. Dieser brauchte dafür nur wenige Minuten, und auch nach 15 Jahren noch konnte er die Zeichenkette fehlerfrei wiedergeben.

Zu jeder Zahl und jedem Zeichen sah Shereshevsky ein Bild. Ein Wurzelzeichen wurde die Wurzel eines Baumes, ein Minuszeichen eine Gehhilfe, die auf etwas zeigte. Er stellte die Bilder in einer Straße auf, die er »abgehen« konnte. Was uns als relativ umständlich erscheint, kostete Shereshevsky überhaupt keine Mühe und nahm nur wenig Zeit in Anspruch. Zudem war der Gedächtniskünstler Synästhetiker, er sah zu jedem Ton eine Art Farbschleier. Diese Eindrücke konnten seine Erinnerungsleistungen noch verbessern.

Die Entdeckung von Shereshevskys fantastischer Gedächtnisleistung fand in den 20er Jahren statt, und perfekt war sie auch nicht. So konnte er sich beispielsweise schlecht Gesichter oder Stimmen einprägen. Außerdem fotografierte er die Formeln oder Gedichte, die er lernen sollte, ja nicht ab, sondern stellte sie sich stattdessen bildlich vor.

Wenn sich Gedächtnisleistungen beobachten lassen, die einem fotografischen Gedächtnis nahekommen, dann meist bei Kindern oder Autisten. Wissenschaftler sprechen dann lieber von einem eidetischen Gedächtnis. Diplom-Psychologe Andreas Melzer, Dozent für Allgemeine Psychologie an der MLU, berichtet von einer Möglichkeit, ein tatsächlich fotografisches Gedächtnis zu beweisen: Nacheinander werden zwei Punktmuster gezeigt, die übereinandergelegt ein Wort ergeben. Schafft man es, die Punktmuster mental übereinanderzulegen und das Wort zu erkennen, dann kann man sich zu einem fotografischen Gedächtnis gratulieren lassen. Allerdings kann ein großes Erinnerungsvermögen auch negative Seiten mit sich bringen. Shereshevskys Erinnerungen belasteten ihn nach einigen Jahren so sehr, dass er sich beibringen musste, wieder zu vergessen. Das mag kurios klingen, aber wer will schon 15 Jahre lang eine sinnlose Zeichenkette mit sich rumschleppen?

Über Ronja Schlemme

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Erstellt: 27.01. 2012 | Bearbeitet: 17.04. 2012 21:04