Dez 2012 hastuINTERESSE Nr. 45 0

Baked Beans und Doppeldeckerbusse

Passend zum Heftthema prüft unsere Außenreporterin Caro an der Erasmus-Partneruni in Newcastle diesmal kontinentaleuropäische Vorstellungen von »den Engländern« auf ihren Wahrheitsgehalt.

Hier steht Caro im englischen Regen.
Foto: Caroline Bünning

Bedankt man sich in Deutschland beim Busfahrer für die Fahrt, wird man bestenfalls angegrummelt und vielleicht noch angeguckt, als käme man vom Mars. Ganz so weit muss man allerdings tatsächlich nicht reisen, um dies als gängige Alltagspraxis zu erleben. Was gilt sonst noch als typisch englisch? Und was ist es wirklich?

Klischee 1: Engländer sind sehr höflich.

Stimmt. Drei Floskeln der Entschuldigung oder der Bitte innerhalb eines Satzes sind quasi Standard. Und das oft und gern. So entschuldigen sich die Engländer auch dann, wenn sie angerempelt werden. An den Dank an die Kunden hängen Kassiererinnen gern noch eine Floskel der Liebkosung wie »Darling« oder »Love«.

Darüber hinaus neigen sie zum exzessiven Relativieren, was für deutsche Ohren durchaus verwirrend sein kann. So schrieb mir meine Fußballmannschaftskapitänin am Sonntag vor unserem ersten Auswärtsspiel: »Kannst du Mittwoch in Leeds spielen? Ist nicht schlimm, wenn nicht.« Auf meine Antwort, dass ich noch mit einer Dozentin sprechen müsste und ihr das dann Montag definitiv sagen könnte, schrieb sie zurück: »Lass dir alle Zeit, die du brauchst. Ich will unbedingt, dass du spielst!« Ja, was denn nun?

Apropos Fußball: Die Höflichkeit kennt auch Ausnahmen. Auf dem Platz hört man durchaus einmal wüste Beschimpfungen, die in Deutschland garantiert mit einem Platzverweis geahndet würden. Fußballplätze sind aber nicht die einzige Ausnahme der Höflichkeit: Sogar in der Uni kommt es vor, dass Dozenten ihre Studenten – wenn auch im Scherz – als »brutale Schlampen« bezeichnen. Und die Höflichkeit im Nachtleben – na ja, die ist wohl ein Kapitel für sich.

Klischee 2: Engländer stehen gern Schlange.

Teilweise. Eigentlich vor allem an der Bushaltestelle. Ganz geordnet betritt einer nach dem anderen den Bus und zeigt seine Fahrkarte oder kauft diese beim Fahrer. Dass viele der Busse hier tatsächlich Doppeldeckerbusse sind, macht einem zusätzlich deutlich, dass man in England ist. Da man die Busse auch nur durch die eine Tür vorn verlassen kann, erfolgt auch der Ausstieg aus dem Bus im Gänsemarsch. Und das bereits erwähnte Bedanken beim Busfahrer gehört auch dazu.

Das Schlangensystem an Supermarktkassen hingegen habe ich noch überhaupt nicht durchstiegen. Das wirkt eher baumkronenartig mit vielen Verästelungen. Oder so ähnlich. Man stellt sich irgendwo an und ist dann irgendwann dran.

Klischee 3: Die Einrichtung englischer Häuser ist ziemlich bunt zusammengewürfelt.

Teilweise. In studentischen Haushalten ist die Einrichtung auch manchmal eher gar nicht vorhanden. Dafür liegt im Durchschnitt ziemlich viel Zeug auf Fußböden herum. Vielleicht ist das dann ja die englisch-studentische Definition von Einrichtung.

Was die Ausstattung angeht, ist Einfachverglasung noch weit verbreitet. So sind die Backsteinbauten zwar hübsch anzuschauen, aber im Winter nicht unbedingt übermäßig komfortabel.

Klischee 4: Engländer lieben ihren Regen.

Falsch. Zu meinem großen Entsetzen fielen mehrere Fußballspiele und -trainings dem Regen zum Opfer. Als Nicht-Engländer sollte man zwar nichts gegen das englische Wetter sagen, aber die Einheimischen tun das doch durchaus gern. Wenn das Wetter mal wieder so richtig schön »englisch« ist, bin ich mit meiner Begeisterung meist in der Minderheit.

Klischee 5: Engländer sind trinkfest.

Schön anzusehen, aber im Winter eher kalt: Backsteinhäuser in Newcastle. Foto: Caroline Bünning

Na ja. Fakt ist: Newcastle ist Party-Hochburg. Fakt ist auch: Es wird viel getrunken, erschreckend viel. So richtig gut klar kommen damit aber nicht alle. Dass Leute wegen fragwürdigen Benehmens aus den Klubs geschickt werden, von Freunden nicht nur gestützt, sondern vielmehr getragen werden müssen oder gar im Gefängnis landen, ist leider auch unter der Woche keine Seltenheit.

Das Nachtleben setzt, wie bereits erwähnt, die sonst allgegenwärtige Höflichkeit außer Kraft: Es wird gedrängelt, geschubst, gewürgt, geprügelt.

Klischee 6: Engländer haben einen schwarzen Humor.

Tendenziell schon. In meinem Umfeld haben sie zumindest einen sehr trockenen Humor. Und sie nehmen sich, auch in Büchern, gern selbst aufs Korn. So wird in »100 englische Dinge, die man getan haben sollte« auch aufgeführt, dass man die Kleidung eines Verstorbenen tragen soll. Etwas morbid ist der Humor also schon.
So fragten meine Mitbewohnerin und ich uns dann auch, ob es sich nur um einen »englischen« Scherz handelte, als in der ersten Woche im Wohnheim eine Leiche vor unserem Fenster lag. Das war es zwar nicht, aber inzwischen ist es zu unserem eigenen morbiden Scherz geworden; wir haben uns gut angepasst.

Klischee 7: Engländer sind kulinarisch nicht besonders bewandert.

Ansichtssache. Das typisch englische Essen ist in jedem Fall durchaus deftig und fettig. In den Supermärkten sind Obst und Gemüse eigentlich nie im Angebot, Süß- und Knabberkram dafür immer. Fish’n’Chips finde ich persönlich ab und zu lecker – aber eben auch mächtig und somit nicht für den täglichen Verzehr zu empfehlen.

Das stereotypische Frühstück mit Bohnen, Würstchen, Tomaten, Speck, Spiegeleiern, Kartoffeln und Champignons nehmen im Alltag die wenigsten zu sich. Viel verbreiteter, vor allem unter Studenten, ist ein Coffee-to-go und ein Muffin. Apropos Kaffee: Diesen im Supermarkt frisch selbst zu mahlen, ist absolut nicht verbreitet, und überhaupt die Möglichkeit, guten Kaffee zu halbwegs akzeptablen Preisen zu bekommen, ist gering. Notgedrungen habe ich mich hier zum Teetrinker entwickelt.

Klischee 8: Engländer messen Ampeln nicht übermäßig viel Bedeutung bei.

Stimmt. Eine Ampel macht auf eine Straße aufmerksam. Der durchschnittliche Engländer guckt zuerst, ob ein Auto kommt, betritt dann die Straße und guckt dann (vielleicht), welche Farbe an der Ampel gerade leuchtet. Die Autos werden gegebenenfalls schon hupen.

Darüber hinaus gibt es, zumindest in Newcastle, fast nirgendwo Radwege, so dass die Radler dann irgendwo mit auf der Straße fahren.

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

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Erstellt: 19.12. 2012 | Bearbeitet: 02.02. 2013 00:37