Jan 2012 hastuINTERESSE Nr. 40 0

Anterograde Amnesie – ein Leben ohne Zukunft

»Lebe den Moment« ist eine beliebte Weisheit. Doch was, wenn das Gedächtnis ausfällt und es nichts anderes mehr gibt als das Hier und Jetzt?

Herr Becker blickt auf das Schachbrett vor ihm. »Eine gute Partie für weiß«, denkt er und steht auf, um dem Spielenden Platz zu machen. Sein Gegenüber schaut ihn verwundert an. »Du bist dran«, sagt er. Herr Becker setzt sich wieder, obwohl er sich nicht mehr erinnern kann, ein Schachspiel angefangen zu haben. Nach zwei Zügen schaut er aus dem Fenster. Es hat angefangen zu regnen. Dann fällt sein Blick auf das Schachbrett vor ihm. »Eine gute Partie für weiß«, denkt er …

Der einsame Seemann

Herr Becker ist frei erfunden, aber es gibt Menschen, die mit den Folgen einer anterograden Amnesie zu kämpfen haben. Oliver Sacks, Professor für Neurologie und Psychiatrie und Bestsellerautor, schreibt in seinem Buch »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« über seinen Patienten Jimmie G., der sowohl unter retrograder als auch unter anterograder Amnesie leidet. Beide Amnesien waren die Folge eines schweren Korsakow-Syndroms, das wahrscheinlich durch extremen Alkoholmissbrauch ausgelöst wurde. Eine retrograde Amnesie löscht Erinnerungen an die Vergangenheit aus. Dabei kann sie ganz unterschiedliche Zeiträume umfassen: Sacks« 49-jähriger Patient, ein ehemaliger Seemann, hing so in seiner Vergangenheit fest, dass er sich an die letzten 30 Jahre nicht erinnern konnte. Jimmie G. war fest davon überzeugt, immer noch 19 Jahre »jung« zu sein. Einem Impuls folgend hielt Sacks ihm beim ersten Patientengespräch einen Spiegel vor das Gesicht und fragte ihn, was oder wen er im Spiegel erkenne. Sein Patient erschrak bei dem Anblick seines Spiegelbilds zutiefst und war komplett aufgelöst. Sacks bereut diese Tat immer noch, auch wenn sie folgenlos blieb: Nachdem Sacks ihn beruhigt hatte und im Hof spielende Kinder betrachten ließ, hatte Jimmie G. sein Spiegelbild schon wieder vergessen. Als Oliver Sacks wenige Momente später noch einmal zur Tür hereinkam, begrüßte er den Arzt, als hätte er ihn zuvor noch nie gesehen.

© Falko Gerlinghoff

Im Gegensatz zu einer retrograden Amnesie tritt eine anterograde Amnesie sehr selten auf. Betroffene können keine neuen Gedächtnisinhalte speichern. Sie erleben meist nur ein bis zwei Minuten der Gegenwart, die dann sofort wieder vergessen werden. »Eine solche Amnesie kann auf vielfältige Weise ausgelöst werden. Durch Schädel-Hirn-Traumata, Schlaganfälle, Mangelernährung, Läsionen des basalen Vorderhirns und Hirnhautentzündungen, « erklärt Prof. Dr. Bernd Leplow, Abteilungsleiter der klinischen Psychologie an der MLU. Die Amnesie werde durch einen Sauerstoffmangel oder mechanische Schäden der Neuronen verursacht. Besonders häufig tritt eine anterograde Amnesie in Zusammenhang mit dem Korsakow-Syndrom auf.

Keine Chance auf Heilung

Da es verschiedene Ausprägungen der Amnesie gibt, wird eine Fülle von computergestützten Tests durchgeführt, um genau zu bestimmen, welche Teile des Gedächtnis geschädigt sind. So kann beispielsweise das Musikgedächtnis noch intakt sein oder das Faktenwissen, also das deklarative Gedächtnis, noch funktionieren, auch wenn das autobiographische Gedächtnis verletzt wurde.

Aufgrund der Testergebnisse werden Verfahren angesetzt, um mit den verbliebenen Fähigkeiten des Patienten zu arbeiten. Auf diese Weise lassen sich retrograde Amnesien teilweise aufarbeiten. Zwar kann die Erinnerung nicht immer zurückgebracht werden, aber Patienten können lernen, mit ihrer fehlenden Vergangenheit umzugehen. Sie können durch Erzählungen oder Bilder eine gewisse Vertrautheit zu ihrer eigenen Vergangenheit aufbauen und so besser mit dem Verlust leben. »Eine anterograde Amnesie ist verheerend. Man lebt nur noch im Hier und Jetzt. Das ist furchtbar. Ich habe schon Opfer des Syndroms erlebt. Wenn man ohne Gedächtnis lebt, dann wird man zum Betreuungsfall«, berichtet Leplow. Die Möglichkeiten zur Therapie sind sehr begrenzt. Betroffene sind auf eine umfassende Betreuung angewiesen. »Es gibt Gedächtnisausfälle, die Erinnerungen nur zeitweise löschen. Diese amnestischen Symptome lassen sich meist durch gezielt eingesetzte Verfahren wie kompensatorische Übungen und Gedächtnistraining therapieren.« Die Folgen eines amnestischen Syndroms dagegen seien irreversibel.

Nicht alles verloren

Henry Molaison wurde 1953 zu einer medizinischen Berühmtheit. Um seine schwerwiegende Epilepsie zu heilen, wurden ihm Teile der Temporallappen auf beiden Seiten des Gehirns entfernt. Dabei verlor er zwei Drittel seines Hippocampus und die Fähigkeit, neue Bewusstseinsinhalte zu speichern. Sein Langzeitgedächtnis war unheilbar zerstört, und trotzdem konnte er noch motorische Fähigkeiten (zum Beispiel Golf spielen) erlernen, ohne sich daran zu erinnern. Er litt unter einer bitemporalen Amnesie, aber sein prozedurales Gedächtnis war noch vollkommen intakt. Man kann also mit Teilen des Gedächtnisses arbeiten, die nicht zerstört wurden. Die Patienten können dadurch einen gewissen Teil des Alltagslebens zurückbekommen. Für die Therapie werden Alltagsabläufe in immer gleicher Weise durchgeführt. So entwickeln sich Verhaltensketten, die dann automatisiert ausgeübt werden können. Diese Methode nennt sich Chaining oder Backwardchaining. Dabei wird ein Ablauf in seine Einzelteile zerlegt. Zum Beispiel wird nicht der Vorgang »Tisch decken« betrachtet, sondern den Teller hinzustellen, Messer und Gabel zu holen etc. Dabei kann man entweder vom ersten zum letzten Schritt gehen oder andersherum. Letzteres ist meist effektiver und wird deswegen häufiger angewendet. »Glücklicherweise ist die anterograde Amnesie ein sehr seltenes Syndrom, denn es gibt nicht viele Möglichkeiten, Betroffenen zu helfen.«

Über Ronja Schlemme

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Erstellt: 26.01. 2012 | Bearbeitet: 17.04. 2012 21:06