Dez 2012 hastuPAUSE Nr. 44 0

»Was gesagt werden muss«

Die AG Antifaschismus lud den Journalisten Henryk M. Broder ein, bekannt beispielsweise aus der satirischen Fernsehsendung »Entweder Broder«.

Den aus allen Nähten platzenden Hörsaal hat Henryk M. Broder schnell auf seiner Seite. Während zwei Techniker noch an der Soundanlage verzweifeln, wandert Broder mit spitzbübischen Schritten über die kleine Empore und greift zur Kreide. Etwas unbeholfen kritzelt er an die Tafel: »Willkommen in der High-Tech-Stadt Halle«. Im Saal brandet Gelächter auf, noch bevor der Vortrag überhaupt begann. Zu dem Vortrag und der Buchvorstellung am 7. November hatte die AG Antifaschismus des Studierendenrates eingeladen. Der provokative Titel des vorgestellten Buchs lautet: »Vergesst Auschwitz! Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage«.

Doch statt aus diesem Buch vorzulesen, präsentierte der Journalist dem Publikum ein Kapitel aus einem noch nicht erschienenen Buch. Die Kapitelüberschrift »Was gesagt werden muss«, bezieht sich gleichsam auf das von Günter Grass veröffentlichte Gedicht zum Israel-Iran-Konflikt sowie sein eigenes Schaffen. Denn der mehrfache Buchautor hat einiges zu sagen. Sein Vortrag strotzte vor Anspielungen auf Politiker sowie Personen des öffentlichen Lebens und schwarzem Humor. Darf man über Auschwitz lachen? So lautete eine Frage, die Broder sich und seinem Publikum stellte. Die Antwort des gebürtigen Polen, dessen Eltern verschiedene Konzentrationslager der Nationalsozialisten überlebten, lautet »Ja«. Dies sollte nicht der einzig umstrittene Punkt an diesem Abend bleiben.

Sein Hauptanliegen, so macht er deutlich, ist der Schutz der Lebenden, seien es nun Juden oder die gefährdete Religionsgemeinschaft der Bahai im Iran. Er kritisiert offen die seiner Meinung nach falsche Erinnerungskultur in Deutschland, die zu sehr eine Liebe zu den Toten und eine Nachlässigkeit mit den Lebenden sei. Wenn er Günter Grass als den »Prototypen eines Antisemiten« bezeichnet, dann nicht wegen dessen SS-Vergangenheit, sondern aufgrund seiner Äußerungen über das Verhältnis zwischen Israel und dem Iran. Das Urteil über Günther Grass im Allgemeinen fällt vernichtend aus, er sei der für ihn am weitesten überschätzte deutsche Schriftsteller der Gegenwart: Er schreibe Schrott. Viel lieber zitiere er Dieter Bohlen, den er trotz des Gelächters aus dem Publikum für einen großen Denker der Gegenwart hält: »Wie willst du einem Bekloppten erklären, dass er bekloppt ist?« So sei es eben auch mit einem Antisemiten.

Auch wenn es am Anfang des Vortrags noch lange um das Gedicht geht, so spricht Broder auch aktuelle Themen an. Er fragt sich, warum »drei Personen jahrelang unentdeckt Morde begehen konnten und ein Jahr nach Entdeckung des NSU immer noch keine Anklage erhoben wurde.« (Dies geschah einen Tag nach dem Vortrag.) Für ihn seien jedoch weniger die dumpfen »Nazis in Springerstiefeln« das Problem, er frage sich vielmehr, wie moderne, gebildete Menschen zu Antisemiten werden könnten. Dabei sieht er einen Zusammenhang zwischen dem »Erinnerungswahn und Antisemitismus«. Als Beispiel dafür nennt er das Holocaustmahnmal in Berlin, das die Opferhierarchie der Nazis wiederhole. Andere Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes erhielten kleinere oder gar keine Gedenkstätten.

Auf die Nachfrage aus dem Publikum, wie denn ein anderes, neues Opfergedenken aussehe, antwortete Broder, er sei kein Pädagoge. Nach einer kurzen Pause fügte er noch nonchalant hinzu: »Ich glaube, wenn es um die Hälfte weniger Pädagogen und Sozialarbeiter gäbe, würden wir uns viele Probleme ersparen«.

Die nächste Veranstaltung der AG Antifaschismus findet am 28. November um 19 Uhr statt, dann zum Thema »Nationalsozialistischer Untergrund«.

Über Tobias Schulz

Erstellt: 14.12. 2012 | Bearbeitet: 17.12. 2012 10:25