Jul 2011 hastuPAUSE Nr. 37 0

Zwischen zwei Welten

Florian Lang hat für sechs Monate in Delhi bei einer NGO gearbeitet. Die dabei entstandenen Fotos wurden in den Franckeschen Stiftungen ausgestellt.

Foto: Florian Lang

Angenehme Kühle begrüßt einen an einem sommerlichen Junitag beim Betreten der Franckeschen Stiftungen. Die Empfangsdame schaut etwas verwundert, wenn man die Fotoausstellung über Indien sehen möchte. Sie erklärt, es handle sich lediglich um einen Flur, in dem einige Bilder hängen. Über knarzende Holzstufen geht es hinauf, nur zwei Besucher kommen entgegen. Dann, kurz vorm Erreichen des Dachgeschosses, das Plakat zur Ausstellung. Modern Times steht in weißer Schrift auf einem sehr dunklen Foto. Zu erkennen ist ein kleiner Junge, der in einem Raum auf dem schmuddeligen Boden sitzt. Er schaut auf einen Fernseher, die einzige Lichtquelle. Die Wände sind unverputzt, Kabel hängen umher, einige Tüten an der Wand und ein Brett als Regal vervollständigen die Einrichtung.

Noch ein Treppenabsatz, und der Flur ist erreicht. Die ausgestellten Fotografien sind an einer Wand entlang angebracht und werden leicht angestrahlt. Je zwei sind in einem Rahmen übereinander angeordnet, alle Fotos sind schwarz-weiß gehalten. Hier hängen Aufnahmen ähnlich der vom Plakat, darunter ärmliche Jungen vor einer Schultafel oder junge, schlecht gekleidete Männer auf einer Mauer. Daneben gibt es jedoch auch Fotos von hochmodernen Shopping-Malls und der Arbeit in High-Tech-Firmen. Der Schwerpunkt liegt aber eindeutig auf den ärmeren Indern und ihrer Lebensweise. Ein Bild ist besonders eindrucksvoll. Zu sehen ist ein düsteres Treppenhaus, auf einem Treppenabsatz steht ein kleiner Junge. Eine Hand hat er am Geländer, mit der anderen hält er einen Stock und schlägt auf das Metall. Vom Geländer hängen alte Seile herab, die wie Algen aussehen. Aus den Stufen und Wänden bröckelt der Putz, Einrichtung gibt es keine. Nur eine Gittertür ist zu sehen.

Foto: Florian Lang

Über der Betrachtung der Bilder vergisst man leicht die Zeit. Auch der Fotograf der Bilder, Florian Lang, ein etwa 30-jähriger Student mit Zehn-Tage-Bart und schwarzumrahmter Brille, besucht an diesem Tag noch einmal die Ausstellung. Schon in einer Woche wird er wieder in Indien sein wird. Dort will der Student der Kultur- und Medienpädagogik der Hochschule Merseburg seine Bachelorarbeit schreiben. Er wird in Delhi wohnen, wie schon bei seinem sechsmonatigen Aufenthalt von Herbst 2010 bis zum Frühjahr 2011, wo die Fotos der Ausstellung entstanden sind.

Florian war ein paar Jahre zuvor als Tourist in Indien. »Nach den drei Monaten hatte ich das Gefühl, dass ich ganz viel gesehen, aber keinerlei Antworten bekommen habe, sondern nur Fragen. Es war ganz oberflächlich, alles schön und exotisch und interessant, aber ich hatte das Gefühl, dass ich nichts weiter gelernt hatte.«

Hilfe für die Ärmsten

Bei einer kleinen indischen NGO hat Florian deshalb sein Praxissemester absolviert. Ausgewählt hat er sie ganz bewusst, da sie sich mit den Themen Arbeit bzw. Rechten von Arbeitern beschäftigt. Genau zu diesem Thema wollte er von Anfang an auch fotografieren. Seine Organisation war vor allem in Arbeitersiedlungen tätig, am meisten in denen der Stadt Gurgaon. Gurgaon ist ein Vorort Delhis und gilt als eine der Vorzeigestädte Indiens. »Es ist einer der fortschrittlichsten Orte mit Kinos, Shopping-Malls und sogar einer Metro nach Delhi. Alles ist modern, aber nur zehn Minuten Rikschafahrt entfernt hat man Arbeitersiedlungen, wo die Leute in Baracken wohnen, wie es bei uns für die Gastarbeiter der 60er Jahre war.« Er und die anderen Organisationsmitarbeiter waren die meiste Zeit in Gurgaon unterwegs, um mit den Arbeitern zu sprechen und bei rechtlichen Problemen zu helfen. Es ging auch darum, Kulturveranstaltungen für die Bewohner der Arbeitersiedlungen zu organisieren. Bei solchen Gelegenheiten hat Florian immer fotografiert. Meist war er aber für Fotos allein unterwegs, um sich genügend Zeit nehmen zu können. »Die Kommunikation, die dort stattfand, war auf Hindi. Es hat dann leider nur für ein paar Floskeln gereicht.« Florian war es dabei wichtig, keine gestellten Fotos zu schießen. Seine kleine point-and-shoot Kamera hatte er immer dabei, sodass er spontan Fotos schießen konnte. Mit seiner alten Leica unternahm er dagegen geplante Ausflüge.

Das Bild mit dem Jungen im Treppenhaus wurde analog fotografiert. Florian erklärt, dass es sich um einen Häuserblock mit drei oder vier Stockwerken handelt. Von jeder Etage gehen Gänge mit ungefähr 20 Zimmern ab, in denen Familien wohnen. Dies seien die typischen Arbeiterwohnungen, meist ohne Fenster. Der Junge auf dem Foto, erzählt Florian, stand minutenlang da, schlug auf das Geländer und beachtete ihn nicht.

Arbeitersiedlungen mit Bezug zu Charles Chaplin

Insgesamt hat Florian, wie er überschlägt, 1100 Fotos geschossen. In der Ausstellung Modern Times hängen 34. Sein Lieblingsfoto war lange Zeit jenes, das auch auf dem Ausstellungsplakat zu sehen ist: Das ärmliche Kind vor einem Fernseher. Jetzt sind es andere, darunter eine Shopping-Mall, in der ein anderer kleiner Junge mit einem Luftballon steht. »Das ist das andere Ende der Kette«, meint Florian nachdenklich. Was letztendlich auf seinen Fotos zu sehen ist? Florian muss nachdenken. »Ein modernes Indien, kein klischeehaftes hoffentlich. Natürlich ist es ist immer etwas klischeehaft, aber jenseits der Klischees von Yoga und Meditation. Also spannungsgeladenes Indien mit Gegensätzen.«

Der Titel der Ausstellung stand für Florian schon früh fest. Sonntags wurden von seiner Organisation aus Filme für die Arbeiter und ihre Familien gezeigt. Bei einer Vorführung lief Modern Times von Charles Chaplin. »Der Film kam wahnsinnig gut an. Er wurde sogar zwei Mal gezeigt, weil die Leute ihn noch mal sehen wollten. Ich kannte den Film schon, aber das hat wie die Faust aufs Auge gepasst. Die Themen, die im Film behandelt werden, spiegeln genau das wider, was die Leute dort betroffen hat, aber auf eine witzige Weise.« Im Film geht es, wie bei den Arbeitern in Indien, um Klassenkampf, Modernisierung und den Gegensatz von Arm und Reich.

Seine Fotos in Deutschland auszustellen hatte Florian geplant; dass der Ausstellungsort die Franckeschen Stiftungen sein würden, war großes Glück. Wie er die Ausstellung und den Ort findet? »Grandios. Ich bin total begeistert. Ich habe seit Beginn des Studiums diesen Gedanken mit mir herumgetragen. Jetzt mit dieser Ausstellung kann ich es abschließen und das ist total erleichternd.«

Alle Fotos der Ausstellung unter: www.bit.ly/indienfoto

Über Luise Kotulla

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Erstellt: 29.07. 2011 | Bearbeitet: 12.10. 2011 11:10