Nov 2011 hastuUNI Nr. 38 0

Wissenschaft scheitert nie

Warum immer nur über wissenschaftliche Erfolge reden? Das »Journal of Unsolved Questions« (JUnQ) nimmt vermeintliche Fehlschläge in den Blick. hastuzeit sprach mit einem der Gründer, Thomas Jagau, der an der Uni Mainz promoviert.

JUnQ veröffentlicht ausschließlich Fälle von erfolgloser Forschung. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

Am Anfang der ganzen Sache steht die Beobachtung, dass Wissenschaft in der Praxis, wie man sie als naturwissenschaftlicher Student erlebt, zum Großteil aus Dingen besteht, die nicht funktionieren. In der Öffentlichkeit wird es aber so kommuniziert, als gebe es nur große Durchbrüche. Um diesen Widerspruch ein bisschen aufzulösen, haben wir das »Journal of Unsolved Questions« gegründet. Wir denken, dass auch negative Resultate wertvoll sind.

Auf eurer Website steht, eines eurer Ziele ist es, die Ehrlichkeit in der Forschung zu fördern. Gibt es da einen Bezug zu den bekanntgewordenen Plagiatsfällen in Deutschland?

Wir hatten das Journal schon im Sommer 2010 gegründet, insofern ist die Idee schon älter. Allerdings haben diese Plagiatsaffären sicher dazu geführt, dass viele Leute auf unsere Zeitschrift aufmerksam geworden sind. Insofern hat uns das geholfen. Der Unterschied ist aber, dass bei diesen Fällen häufig der persönliche Titelerwerb im Vordergrund steht und nicht die Wissenschaft. Was uns damit verbindet, ist wahrscheinlich die Tatsache, dass es auch in der Wissenschaft manchmal mehr Schein als Sein gibt. Also, dass weniger nach dem Inhalt einer Arbeit gefragt wird, sondern nach dem Glanz.

Und mit dem Heft könnt ihr darauf Einfluss nehmen?

Wir denken zumindest, dass mit der Publikation von Negativresultaten den Forschern der Druck genommen wird, ihre Ergebnisse aufzuhübschen. Wenn man nur große Durchbrüche veröffentlichen kann, ist natürlich die Verführung da, seine Ergebnisse so zu präsentieren, dass sie besonders gut aussehen. Und das muss nicht immer besonders ehrlich sein.

Müsst ihr viel Überzeugungsarbeit bei den Wissenschaftlern leisten, damit sie bei euch publizieren?

Viele Leute denken, das Scheitern fällt auf sie persönlich zurück. Sie glauben, dass sie dann als gescheiterte Wissenschaftler wahrgenommen werden. Natürlich ist die Gefahr immer da, dass die Ursache für das Scheitern irgendwie trivial ist – also dass es an den schlechten Methoden liegt, die man ausgewählt hat. Wir sind aber der Meinung, dass man auch im Falle eines fehlgeschlagenen Experiments trotzdem genügend Selbstvertrauen haben sollte.

Gerade Geistes- und Sozialwissenschaftler sind gut darin, erfolglose Forschung so hinzubiegen, dass man sie als erfolgreich publizieren kann. Gab es schon Veröffentlichungen aus dem Bereich?

Wir hatten Bereiche an der Grenze zwischen Natur- und Sozialwissenschaften. Zum Beispiel hat sich eine »Open Question« in der aktuellen Ausgabe mit der Wirkung von Epidemien auf die Monogamie beschäftigt. Die Autoren vertreten die Idee, dass durch Syphilis-Epidemien und andere Krankheiten monogames Verhalten vorteilhaft wurde. Das ist kein rein naturwissenschaftliches Thema mehr.

Was bringt die Zukunft für eure Zeitschrift?

Wir planen zwei Ausgaben pro Jahr und haben das bisher auch eingehalten. Die nächste Ausgabe ist für Januar 2012 geplant. Wir hoffen, dass wir das Ganze bis dahin ein bisschen mehr professionalisieren können. Wir wollen das Heft ein wenig mehr aus dem Rahmen der Universität herausheben. Es gibt auch Leute, die Interesse daran haben, unser Heft kommerziell zu vertreiben. Aber das ist noch nicht in trockenen Tüchern.

Über Angela Unger

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Erstellt: 15.11. 2011 | Bearbeitet: 24.11. 2011 13:43