Apr 2011 hastuINTERESSE Nr. 36 0

Wirtschaftspolitiker denken anders

In Sachsen-Anhalt gibt es seit April ein neues Ministerium. In ihm sind die Ressorts für Wissenschaft und Wirtschaft vereint. Die neue Ministerin will das als Chance begreifen. Kritiker warnen vor einer Ökonomisierung der Wissenschaft.

Stephan Dorger­loh, Bir­git­ta Wolff, Ar­min Wil­ling­mann und Udo Strä­ter (v. l. n. r.) vor der Dis­kus­sion im Ge­spräch (Foto: En­ri­co Sep­pelt, halleforum.de)

Am Morgen des 13. April war es dann klar. In den Koa­li­tions­ver­hand­lun­gen zwi­schen CDU und SPD wur­de auch das Kul­tus­mi­nis­te­rium neu zu­ge­schnit­ten und hat den Be­reich „Wis­sen­schaft» an das Wirt­schafts­mi­nis­te­rium ab­ge­geben. Die Podiums­dis­kus­sion am sel­ben Abend, zu der das Spre­cher­kol­le­gium des Stu­die­ren­den­ra­tes der Martin-Luther-Uni­ver­si­tät Halle-Wit­ten­berg (MLU) und der Ar­beits­kreis Bil­dungs­poli­tik des Stu­die­ren­den­ra­tes der MLU ein­ge­la­den hat­ten, kam al­so ge­nau rich­tig. Doch auf dem Po­dium wuss­te auch nie­mand wirk­lich ge­nau, wie es zu dieser Ent­schei­dung kam, da­bei wa­ren wich­ti­ge Ak­teu­re an­we­send.

© Max Hansen

Allen voran die Noch-Kul­tus­mi­nis­te­rin Bir­git­ta Wolff (CDU), die letz­tes Jahr von ei­ner Pro­fes­sur in Mag­de­burg in die Po­li­tik wech­sel­te und nun das neue „Wirt­schafts­mi­nis­te­rium» lei­ten soll. Als sol­ches will Wolff, die sich nach ei­ge­ner Aus­sa­ge noch im­mer als Hoch­schul­leh­re­rin ver­steht, ih­re zu­künf­ti­ge Be­hör­de je­doch nicht ver­stan­den wis­sen. „Das Mi­nis­te­ri­um soll Wis­sen­schafts- und Wirt­schafts­mi­nis­te­rium hei­ßen», be­ton­te sie mehr­mals in der ers­ten, sehr zä­hen hal­ben Stun­de der Dis­kus­sion.

Während der Podiumsdiskussion (Foto: Enrico Seppelt, halleforum.de)

Diese gewann erst an Fahrt, als ein Zu­hö­rer ein­dring­lich „Jetzt mal But­ter bei die Fi­sche» for­der­te und die Po­di­ums­gäs­te er­mun­ter­te, doch mal ge­nau zu sa­gen, wie und wa­rum es zu die­ser Ent­schei­dung kam. Stephan Dorger­loh, der für die SPD die Koa­li­tions­ver­hand­lun­gen mit­lei­te­te, ver­deut­lich­te da­rauf­hin die Zwän­ge ei­ner Koa­li­tions­ver­hand­lung. Im­mer­hin muss sei­ne Par­tei das Res­sort nun der CDU über­las­sen: „Die Fra­ge ist nicht: Wa­rum ha­ben wir die Hoch­schu­len ab­ge­ge­ben? Sondern: Wa­rum konn­ten wir sie nicht be­hal­ten?» Laut Dorger­loh war es ei­ne Prä­mis­se der Christ­de­mo­kra­ten, die Hoch­schu­len zu be­haupten.

„Warum?» wollte neben ei­ni­gen Zu­hö­rern auch Pro­fes­sor Ar­min Wil­ling­mann (SPD), der eben­falls auf dem Podium saß, wis­sen. Der Rek­tor der Hoch­schu­le Harz frag­te nach dem Kon­zept, das hin­ter die­ser neu­en Zu­sam­men­le­gung steckt. Wa­rum sie zu­min­dest nicht ver­hee­rend ist, be­ant­wor­te­te sein Kol­le­ge Pro­fes­sor Udo Strä­ter, Rek­tor der MLU. Als Kir­chen­his­to­ri­ker ver­wies er da­rauf, dass die Hoch­schu­len ge­schicht­lich nicht im­mer zum Kul­tus­mi­nis­te­rium, das ei­gent­lich Schu­le und Kir­che als Kern­res­sorts ha­be, ge­hör­ten. Außer­dem pro­bier­te er, im Sin­ne von Bir­git­ta Wolff, den Blick­win­kel zu än­dern, so dass das Wirt­schafts- durch das Wis­sen­schafts­res­sort auf­ge­nom­men wer­de. Un­klar blieb die Fra­ge, was pas­sie­ren wird, wenn Wolff ir­gend­wann an ih­ren Lehr­stuhl in Mag­de­burg zu­rück­geht.

Etwas expliziter pro­bier­te Noch-Kul­tus­mi­nis­te­rin Bir­git­ta Wolff dann doch die Fra­ge von Ar­min Wil­ling­mann und meh­re­ren Zu­hö­rern zu beantworten. „Es gab im­mer den Vor­wurf, wir bil­den zu we­ni­ge In­ge­nieu­re aus. Auf dem Pa­pier ist das aber nicht so», be­schrieb sie das Prob­lem der Ab­wan­de­rung von Fach­kräf­ten, das in ei­nem ge­mein­sa­men Mi­nis­te­rium viel bes­ser an­ge­gan­gen wer­den kön­ne. Auch die Schwer­punkt­bil­dung in Ab­stim­mung mit den Uni­ver­si­tä­ten sei so bes­ser mög­lich, wo­rauf­hin aus dem Pub­li­kum auch auf die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten ver­wie­sen wur­de, die oft kei­nen di­rek­ten Be­zug zur Wirt­schaft haben.

Die Befürchtung, dass in ei­nem Wis­sen­schafts- und Wirt­schafts­mi­nis­te­rium nur noch ge­för­dert wird, was den Un­ter­neh­men nutzt, sah auch Udo Strä­ter. Der Rek­tor der MLU ver­wies aber da­rauf, dass es Ziel­ver­ein­ba­run­gen gibt, die nicht ohne wei­te­res ge­bro­chen wer­den kön­nen. Zu­dem sprach er von einem sehr gu­ten Ver­hält­nis zu Bir­git­ta Wolff, die den Hoch­schu­len kei­ne „Bar­ri­ka­den» in den Weg bau­en wol­le. Die­sen Be­schwich­ti­gun­gen woll­ten wei­te Tei­le des Pub­li­kums je­doch nicht fol­gen – ein an­we­sen­des Mit­glied der SPD pro­phe­zei­te, dass der Ko­ali­tions­ver­trag, der noch durch die ver­han­deln­den Par­tei­en ab­ge­seg­net wer­den muss, we­gen der Ver­schie­bung des Hoch­schul­res­sorts noch ei­nen schwe­ren Weg habe.

© Max Hansen

Mit dem Verlauf der Dis­kus­sion wur­den dann zu­neh­mend be­kann­te Ar­gu­men­te aus­ge­tauscht. Der For­de­rung ei­ner be­darfs­ge­rech­ten Aus­stat­tung der Hoch­schu­len folgt der Ver­weis auf die Fi­nanz­lage des Lan­des und die Kon­kur­renz zu an­de­ren In­ter­es­sen, wie dem Stra­ßen­bau oder Kita-Plät­zen. Bir­git­ta Wolff rief da­zu auf, auch in der Ge­sell­schaft deut­li­cher zu ma­chen, wel­chen Wert die Hoch­schu­len ha­ben, und der Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Hen­drik Lange (Die Lin­ke), der im Pub­li­kum saß, be­kräf­tig­te noch ein­mal die ver­meint­li­che Ge­fahr, die in der Zu­sam­men­le­gung von Wirt­schaft und Wis­sen­schaft steckt: „Wirt­schafts­po­li­ti­ker den­ken ein­fach an­ders. Und das hat nicht viel mit Hoch­schul­poli­tik zu tun.»

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Erstellt: 13.04. 2011 | Bearbeitet: 22.07. 2011 17:24