Jul 2011 hastuUNI Nr. 37 0

„Wir waren eine typische Turniermannschaft»

Fast ohne Medienrummel ist den hallischen Unifußballern eine Sensation gelungen: In Istanbul besiegten die MLU-Kicker die französische Studentenauswahl aus Lille. hastuzeit sprach mit BWL-Student und VfL-Spieler Martin Wehlert nach dem Spiel über EM, Sport und Studium.

Die hallischen Kicker nach ihrem wohlverdienten Sieg in Istanbul

Martin, wie würdest du die Europameisterschaft der Unis zusammenfassen?

In manchen Ländern ist das wirklich eine Staatsangelegenheit: In der Türkei wurde ein Jahr lang auf das Turnier hin trainiert. Wenn man das mit unserem Team vergleicht: Wir kommen alle aus unterschiedlichen Vereinen und hatten bis zuletzt noch Saison. Deshalb konnten wir vorher nur einmal zusammen trainieren und sind mit relativ geringen Erwartungen nach Istanbul geflogen. Als dann die Vorrunde gut lief, haben wir von Spiel zu Spiel weitergeschaut. Ich denke, wir waren eine typische Turniermannschaft: Bei uns stand immer das Team im Vordergrund. Umso schöner war es dann, dass wir es ins Finale geschafft haben. Als wir im Finalstadion angekommen waren, war das wie ein Traum für jeden Fußballer: Der Rasen war 1a geschnitten, die Kabinen waren super – es war wirklich alles wie im Profisport. Da die meisten von uns nur Amateurspieler sind, war das Feeling und das ganze Drumherum schon echt Wahnsinn. Und als dann auch noch das Spiel sehr gut für uns lief und wir mit zwei schönen Schüssen in Führung gehen konnten, war uns klar: Niemand kann uns den Titel mehr nehmen.

Ihr seid in der gleichen Nacht noch zurück nach Deutschland gekommen. Wenn die Nationalelf von einem Turnier zurückkommt, wird sie immer von einer Riesenhorde Menschen begrüßt und bejubelt …

Vor dem Turnier hat einer unserer Spieler eine Facebook-Seite eingerichtet. Da waren am Anfang nur wir selbst drin. Am Ende waren es dann über 200 Leute, die unsere Spiele verfolgten, sich die Bilder und die Videos angeschaut haben. Als wir dann um zwei Uhr nachts in Hannover gelandet sind, war eine Gruppe von etwa 30 Leuten am Flughafen, die uns mit Plakaten und Sekt begrüßt hat. Da hat man sich schon wie ein kleiner Star gefühlt.

„Für mich persönlich hat sich nicht viel geändert. Ich bin am nächsten Tag wieder in die Uni gegangen. Es ist halt trotzdem ’nur‘ Unifußball.»

Wirst Du jetzt in der Uni von Leuten angesprochen, die du vorher gar nicht kanntest?

Gerade in der Uni sind wirklich viele Leute auf mich zugekommen und haben mich beglückwünscht. Alle sind total begeistert, dass wir gewonnen haben, und viele haben mir auch gesagt, dass sie jedes Spiel von uns mitverfolgt haben. Bei dem Empfang in Hannover waren aber vor allem unsere Familien mit dabei. Das muss aber auch eine relativ kurzfristige Entscheidung gewesen sein: Damit hatte von uns wirklich niemand gerechnet.

Als Sieger habt ihr außer Ruhm und Ehre natürlich einen großen Pokal gewonnen. Gab es noch etwas, das ihr als Preis mit nach Halle gebracht habt?

Also an materiellen Dingen nicht unbedingt. Aber, da spreche ich jetzt erst mal nur für mich: Es war ein wirklich wunderbares Erlebnis! Ich habe neue Freunde kennengelernt – wir haben uns viel mit den Franzosen unterhalten. Es war auch sehr schön, das eigene Team besser kennenzulernen. Wir haben über den Tellerrand hinausgeblickt. Ich denke, diese Erfahrungen und der Pokal – das ist das, was sich jeder gewünscht hat.

Auf solchen Turnieren sind immer auch Talent-Scouts, die nach neuen Spielern Ausschau halten. Hat sich dein Leben nach dem Sieg in Istanbul verändert?

Für mich persönlich hat sich nicht viel geändert. Wir sind jetzt ganz normal wiedergekommen. Ich bin am nächsten Tag wieder in die Uni gegangen. Es ist halt trotzdem »nur« Unifußball. Es ist schade, dass so ein Turnier in Deutschland so wenig Wertschätzung hat. In anderen Ländern, wie den USA, ist Unifußball sehr bekannt und hat auch einen viel höheren Status. Aber insgesamt, mal abgesehen von dem Selbstvertrauen, was ich bekommen habe, hat sich nicht viel verändert.

Unifußball heißt, dass ihr alle noch studiert. Du selbst studierst in Halle BWL. Wie lässt sich so ein Leistungssport mit dem Studium vereinbaren?

Das ist manchmal ganz schön schwierig. Ich als BWL-Student habe noch das Glück, dass bei relativ wenigen Veranstaltungen Anwesenheitspflicht besteht. Das heißt, ich kann selber frei entscheiden, zu welchen Veranstaltungen ich gehe. Und ich muss auch zugeben, dass ich die eine oder andere Veranstaltung wegen dem Fußball »verschiebe«. Ansonsten denke ich, dass es eigentlich beides sehr gut zusammen passt.

Wirst Du an der nächsten EM wieder teilnehmen?

Das hängt ganz davon ab, ob die Uni Halle an der nächsten EM wieder teilnimmt. Wenn ja, hoffe ich natürlich, dass ich noch im Team bin.

Was wünschst Du deinem Team für die Zukunft?

Dass wir als Mannschaft weiterhin den Kontakt halten, weil ich denke, das war unsere größte Stärke: Wir sind wirklich als Team aufgetreten. Da hat einer für den anderen gekämpft, ist für den anderen gelaufen. Das war gerade im Finale besonders wichtig. Wir alle hatten schon fünf Spiele »in den Beinen« – und keiner war sich zu schade, die 10 Meter mehr für den anderen zu rennen, zu laufen und zu kämpfen. Ich hoffe persönlich, dass wir als Mannschaft weiter in Kontakt bleiben – sowohl fußballerisch als auch auf der persönlichen Ebene.

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
Ehemaliger Mitarbeiter
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Erstellt: 25.07. 2011 | Bearbeitet: 26.12. 2013 18:21