Nov 2011 hastuINTERESSE Nr. 38 0

Wir träumen immer von schönen, reichen Ländern!

Nicaragua zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. In einer Bibliothek in Tipitapa können Deutsche einen Freiwilligendienst absolvieren. Dabei zeigen sich viele Gemeinsamkeiten, aber auch zahlreiche Unterschiede.

Tipitapa, eine Kleinstadt in Nicaragua. Die Luft ist noch nicht ganz schwül, trotzdem ist es warm, und der Ventilator in dem kleinen Zimmer läuft seit gestern Abend unentwegt. Das leicht zerrissene, orangefarbene Moskitonetz wird durch die Luftzufuhr leicht vor- und zurückgeschwenkt. Argentina brät zum Frühstück Ei auf Tortilla und Reis mit Bohnen. Ihre 23-jährige Tochter Claudia ist schon zur Zona Franca aufgebrochen. In der Textilfabrik arbeitet sie für einen Monatslohn von umgerechnet 50 Euro und kontrolliert die Verarbeitung der Nähte von Jeanshosen, die für den Export hergestellt werden. Die Brüder gehen vor das Haus auf die Straße und treffen sich mit Freunden. Alle zwei Monate werden sie im Bus nach Honduras oder Costa Rica reisen, um als billige, illegale Arbeitskräfte auf Baustellen zu arbeiten. Manuel, auch ein Bruder von Claudia, bleibt liegen und schläft bis zum Nachmittag seinen Rausch aus. Die älteste Schwester und vierfache Mutter Leira fängt an, Kleidung im Waschbecken über einem geriffelten Steinbrett zu waschen. Argentina beginnt, den Erdboden in der Küche und vor dem Haus zu kehren. Ihre fünf Kinder haben verschiedene Väter. Zwölf Personen leben hier auf 30 Quadratmetern: ein Holzhaus mit Wellblechdach und eingesetzten, dünnen Holzwänden. Auf dem 15-minütigen Weg zur Bibliothek rufen die Männer den europäischen Frauen hinterher: »Hey Chelita, gib mir einen deutschen Kuss, meine Liebe, nimm mich mit in dein Land.« Ein Vater hält seinen Sohn auf dem Arm und flüstert ihm liebevoll etwas zu. Daraufhin schreit der vierjährige Junge »Gringa«, das in Lateinamerika für US-Amerikanerinnen gebraucht wird. Die Straßen zum Markt hin riechen leicht nach organischem Abfall. Auf den Bürgersteigen liegt seit Wochen derselbe Müll. Aus den farbenfrohen, vergilbten Häusern, auf deren Verandas meist eine Stoffhängematte schaukelt, schallt Reggaeton oder mexikanischer Mariachi. Es wird heiß, und die Haut beginnt, einen Schweißfilm zu bilden, so dass sich der Staub aus der Luft festsetzt.

Ein Pro-Kopf-Einkommen von 1127 Dollar

Nicaragua ist nach Haiti das zweitärmste Land in Lateinamerika. Im Jahr 2010 lebten 9 Prozent der Bevölkerung von weniger als einem Dollar pro Tag. 44,5 Prozent müssen mit weniger als zwei Dollar auskommen. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt im größten Land Mittelamerikas 1127 US-Dollar. In Deutschland sind es 42710. Jeder fünfte Nicaraguaner lebt im Ausland. Allein in den USA leben eine Viertelmillion, die ihre Familien in der Heimat finanziell unterstützen.

Der Blick nach Deutschland

Martin, 23, ist einer der nicaraguanischen Freiwilligen der Bibliothek. Er studiert Geografie an der Universidad Nacional Autonoma de Nicaragua in Managua. Nachdem er sein Diplom beendet hat, möchte er nach Europa kommen, um hier einen Master an einer deutschen oder italienischen Universität zu absolvieren. »Die Bildung dort ist besser. Sie haben dort mehr Spezialisten und sind weiter entwickelt. Ich kann die Ideen dort nehmen und sie nach Nicaragua zurückbringen und schauen, was ich damit machen kann.« Martin würde zum Beispiel gerne eine ökologische NGO gründen. »Es scheint, als ob hier niemand wirklich weiß, was es hier eigentlich alles gibt.« Nicaragua hat als »Land der tausend Vulkane« einiges zu bieten: Die vielseitige Natur des tropischen Landes zeichnet sich durch Seen und Lagunen aus. Die Gebirge im Zentrum und im Norden des Landes, die Regenwaldregion im Osten und die Karibik entlang der Atlantikküste und den Inseln sprechen für die Vielfalt der Natur. Juan Carlos, 24, ist ebenfalls ehrenamtlicher Mitarbeiter in dem Projekt und plant, ab Januar 2012 als Au-pair ein Jahr in einer deutschen Familie in Koblenz zu leben. »Wir sprechen in Lateinamerika immer über schöne Länder, über reiche Länder, und ich möchte sehen, ob Deutschland das wirklich ist.« Der Psychologiestudent glaubt, dass die Kommunikation in der deutschen Familie besser sein wird als in seiner eigenen, und freut sich darauf, Deutsch perfekt lernen zu können. Die Politik unter Daniel Ortega in seinem Land gefalle ihm nicht. Außerdem erwähnt er die Probleme im Bildungssystem, die Armut und die hohe Kriminalität.

Wir sind nicht alle so

Dass Nicaragua ein Entwicklungsland sein soll, junge Menschen, die sich eine bessere Zukunft in Deutschland erhoffen, die Stereotypen in den Medien – all das sieht Mayde, 26, in einem kritischen Kontext. Sie studiert an der gleichen Universität wie Martin Kommunikationswissenschaften und Philologie. Als Au-pair in Hamburg hat sie bereits die deutsche Kultur erleben können. Den im Alltag viel genutzten Begriff Dritte Welt mag sie überhaupt nicht: »Es gibt nur eine Welt, aber unterschiedliche soziale und ökonomische Bedingungen.« Ebenso wenig gefalle ihr das Wort Entwicklungsland: »Ehrlich gesagt muss man akzeptieren, dass Nicaragua nie das Niveau von Deutschland oder anderen europäischen Staaten erreichen wird.« Deswegen sei es Unsinn, irgendein Adjektiv vor Nicaragua setzen zu wollen. Mayde liest oft im Internet Erfahrungsberichte von Deutschen und fühlt sich manchmal in ihrer Würde als Nicaraguanerin gekränkt. Wenn Erlebtes auf Blogs oder nach der Rückkehr der Freiwilligen wiedergeben wird, dann können die Leser und Zuhörer durch einseitige, negative Schilderungen ein verzerrtes Bild der nicaraguanischen Kultur bekommen. »Wenn sie über Partys und die Fröhlichkeit hier reden, dann ist alles gut, aber auf der anderen Seite kritisieren Deutsche die Menschen hier für ihre Art, gelassen und unbesorgt zu leben.« Die junge Frau mag nicht, dass viele Ausländer Stereotypen über ihre Landsleute entwickeln. »Es gibt einige, die denken, dass Nicaraguaner nur faul wären und wollten, dass man ihnen alles schenkt. Natürlich gibt es solche, aber wir sind nicht alle so.«
Dass die Familie von Argentina auf kleinem Raum lebt, sieht sie nicht als etwas Schlechtes an, da sie von Anfang an in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem fast alles geteilt worden ist. Immerhin kommt Claudia jeden Tag erschöpft, aber strahlend um halb sechs abends nach Hause und schließt ihre aufgedrehte dreijährige Tochter Arianna in die Arme. Der sieht man übrigens gar nicht an, dass ihre Mutter nicht viel verdient: die hochgesteckten Haare, ein langes weißes Folklorekleid, saubere Füße, die in zierlichen Sandalen stecken, und der Duft eines Kinderparfums. Sie plauschen während des Abendbrots. Die Brüder gehen nach dem Essen wieder auf die Straße. Uriel raucht eine Zigarette, am Wochenende trinkt er auch mal ein Bier. Amilka hat Alkohol und Nikotin noch nie gemocht.

Über Charlotte Klimas

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Erstellt: 15.11. 2011 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:51