Feb 2011 hastuINTERESSE Nr. 35 0

Wir alle spielen Theater

Durch die Etablierung der neuen Medien wie Internet und Fernsehen sind Millionen Menschen weltweit miteinander verbunden. Durch die Vernetzung bietet sich uns ein weiter Raum zur Selbstinszenierung.

Foto: Bruno Cordioli (Creative Commons)

Foto: Bruno Cordioli (Creative Commons)

Niemand besitzt eine einheitliche Identität, denn jeder von uns nimmt täglich die verschiedensten Rollen ein. Man ist Student, Freund, Pauschalkraft, um das Studium zu finanzieren, Fan von etwas. Die Rollen wählen wir uns zum Teil selbst, zum Teil werden sie uns zugeschrieben. »In diesen Rollen erkennen wir einander; in diesen Rollen erkennen wir uns selbst«, schrieb der amerikanische Soziologe Erving Goffman 1959 in seinem Werk Wir alle spielen Theater. Nach Goffman wird die Vorstellung von unserer Rolle zu einer Art zweiter Natur und einem wesentlichen Bestandteil unserer Persönlichkeit.

An jede Rolle sind bestimmte Erwartungen geknüpft, und wir versuchen, sie stets so zu arrangieren, dass sie nicht in Konflikt miteinander geraten. Gelegentlich muss dabei die eine oder andere in den Hintergrund treten, da sie im Umfeld, in dem man sich befindet, nicht akzeptiert, gewünscht oder unpassend sind.

»Durch das Internet ist es möglich, eine Rolle auszuleben, die man im realen Leben vielleicht nicht besonders stark ausdehnen kann. Es besteht die Möglichkeit, bestimmte Teilidentitäten zu verstärken oder vollkommen auszublenden«, erklärt Dr. Florian Hartling, der in diesem Wintersemester ein Seminar zur Identität in den audiovisuellen Medien an der MLU Halle angeboten hat. So ist es beispielsweise dem dicken, informatikbegabten Außenseiter möglich, im Internet die Rolle des Außenseiters auszublenden und lediglich die Rolle des Fachmanns für Informatik in den Mittelpunkt zu stellen.

»Außerdem besteht die Möglichkeit, mit der eigenen Identität zu experimentieren, sich beispielsweise probehalber Identitäten anzunehmen«, erzählt Hartling weiter und verweist dabei auf die amerikanische Soziologin Sherry Turkle. In ihrem Buch Leben im Netz – Identität in Zeiten des Internet stellte sie in Gesprächen mit verschiedenen Personen fest, dass diese im Internet aus sich selbst heraustreten konnten und durch viele Identitäten »vagabundieren«.

»Man kann so Vorschritte zum realen Leben ausprobieren«, erklärt Hartling. So bestehe beispielsweise für Männer, die im realen Leben als heterosexuell auftreten, die Möglichkeit, im Internet ihre Homosexualität auszuleben, zu testen und ihr Coming Out zu erproben.

Illustration: Nathan Huisman (Creative Commons)

Illustration: Nathan Huisman (Creative Commons)

Vor allem auf sozialen Plattformen wie Facebook, StudiVz und Twitter ist das Verstärken und Ausblenden von »Teilidentitäten« sowie das Kreieren der eigenen Identität besonders leicht möglich. Hartling sagt dazu: »Alles, was man dort über sich postet, präsentiert unsere Identität oder einen Teil von ihr. Man kann sich dabei als besonders seriös inszenieren, aber auch als extremer Fan von etwas oder durch das Hochladen von Fotos als extremer Partygänger, der reich an sozialen Kontakten ist.« Untersuchungen haben allerdings ergeben, dass eine Selbstinszenierung, die stark von der Realität abweicht, eher selten ist. Die meisten präsentieren sich auf solchen Portalen als stabile Persönlichkeit.

Ein noch seltenes, aber gerade aufkommendes Phänomen solcher Plattformen sind sogenannte Identitätsfakes, bei denen man ein Profil einer real existierenden Person erstellt, unter deren Namen postet und mit anderen Leuten in Kontakt tritt. »Man findet beispielsweise bei Twitter mehrere Profile von Angela Merkel oder Guido Westerwelle, die das aktuelle Tagesgeschehen kommentieren.«

Weltwissen vermittelt durch die Medien

Die Medien bieten neben der Möglichkeit der Selbstdarstellung auch ein vielfältiges Identitätsangebot. »Unser Weltwissen erlangen wir erst durch die Medien. So lernt man zum Beispiel das Phänomen Hip Hop mit dem dazugehörigen Kleidungsstil, dem Slang und Begriffe wie Ghetto kennen«, meint Hartling. Man orientiert sich an diesem Medienwissen und nimmt dieses in seine täglichen Verhaltensweisen auf. »Ein gutes Beispiel dafür ist auch, dass man sich bestimmte Sprüche oder die Gestik eines Lieblingscharakters aus Serien oder Filmen als Vorbild nimmt.«

»The medium is the massage« (Marshall McLuhan)

Vor allem Jugendliche werden durch die zahlreichen Identitätsangebote beeinflusst, da sie sich inmitten ihrer Sozialisation befinden und somit noch keine stabile Identität besitzen und die Gestaltung ihrer Rollen flexibel ist. Die Rollenverteilung der Erwachsenen hingegen ist starrer, da sie durch bestimmte Verpflichtungen wie Beruf und Kinder eingeschränkt und zeitlich begrenzter ist. Trotzdem identifizieren auch sie sich mit bestimmten Vorbildern und gehen zu Konzerten oder Fanconventions. »Die neuen Medien spielen dabei eine kleinere Rolle als bei Jugendlichen«, so Hartling. Das Phänomen der Selbstinszenierung, die Rollenübernahme und die Orientierung an und Identifizierung durch Vorbildern ist also keines, das erst seit der Etablierung der neuen Medien vorherrscht. »Nehmen wir Goethes Die Leiden des jungen Werthers und die so genannte »Werthermanie« – viele junge Männer zogen sich wie Werther an und verhielten sich wie er«, verdeutlicht Hartling.

Die Neuen Medien haben folglich lediglich eine Verstärkung und Ausdehnung der Phänomene wie Selbstinszenierung und Identitätsübernahme des »Theaters des Alltags« herbei geführt.

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
Ehemaliger Mitarbeiter
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Erstellt: 24.02. 2011 | Bearbeitet: 12.05. 2011 15:46