Feb 2011 hastuINTERESSE Nr. 35 0

Wenn ICH ein anderer ist

Jean-Claude Kaufmann nimmt allen Selbstfindungsgetriebenen mit seinem neuen Buch die Illusion, jemals authentisch zu werden. Anschaulich und unterhaltsam erklärt der Soziologe, dass es so etwas wie eine Kernidentität nicht gibt.

In unserer modernen Gesellschaft besteht der Anspruch, dass der Mensch sich als Wesen mit Verstand begreift und für sich und sein Handeln die Verantwortung trägt. Wir haben die Vorstellung, uns selbst definieren und begreifen zu können. Selbstreflexion ist ein wichtiger Aspekt, der es ermöglichen soll, uns in ein Verhältnis zu unserer Umgebung zu setzen und folglich bewusst zu leben.

Mit seinem neuen Buch Wenn ICH ein anderer ist steuert Jean-Claude Kaufmann gegen diese Bewegung und betont, dass die Annahme eines bewussten »Ich« eine Illusion sei: Wir besitzen keine Kernidentität. Eine Einheit vom Individuum sei ein Wunschdenken, das nicht Wahrheit werden könne. Vielmehr bestehe der Mensch aus einer Vielzahl von »Selbsten«, die auf unterschiedliche Situationen unterschiedlich reagieren. Das Selbst sei nichts Konstantes, sondern ein Prozess, den es nicht zu fassen gebe.

Um diese These zu stützen, beschreibt der französische Soziologe anhand von typischen Alltagssituationen die Momente, wenn sich unser »Ich« plötzlich verändert und fremd wird. Am Beispiel eines Morgens nach einer Liebesnacht veranschaulicht er, wie sich das Individuum innerhalb kürzester Zeit wandeln kann. Neben dem Gefühl von Vertrautheit in der Situation (hervorgerufen durch feste Muster der Sozialisation) entstehen erste Zweifel an dem anderen Menschen oder der fremden Umgebung (Ursache der eigenen, individuellen Entscheidungen und Wünsche).

Diese beiden Pole, Sozialisation und Subjektivität, stellen für Jean-Claude Kaufmann die Ursache jeder Veränderung der Identität dar. Die einzelnen Pole beschreibt er als Helix, um die Drehbewegung und den Fortlauf des Lebens zu veranschaulichen. Das Zusammenspiel der beiden so unterschiedlichen Modalitäten nennt er Doppelhelix – es handelt sich also um untrennbare, stets wandelnde Pole, die stark voneinander abhängen und sich gegenseitig beeinflussen. Je nach Situation, in der sich das Individuum befindet, und je nach Entscheidung, die es (nicht) trifft, wird die eine oder die andere Helix stärker beansprucht, angeregt oder kurzzeitig sogar außer Gefecht gesetzt.

»Die Hölle, das sind die Anderen« (Jean-Paul Sartre)

Lässt man sich von der ersten Helix, also den Folgen der Sozialisation, passiv tragen und nimmt den Lauf der Dinge hin, ist die Chance am größten, ein relativ stabiles Selbstbild zu schaffen. Sie ist der Ort, in dem Vergangenes gespeichert ist und liefert tief verankerte Handlungsmuster. Die zweite Helix steuert dagegen, indem sie vom Bekannten abweicht und den Drang hat, das Individuum stets neu zu erfinden und zu verändern. Nimmt man nun die Bewegung der Sozialisations-Helix an und hinterfragt automatisierte Reaktionen und Verhaltensweisen nicht weiter, lebt es sich vermutlich ruhig und entspannt. Jedoch bleiben Wünsche und Träume unberücksichtigt. Gibt man sich der subjektiven und individuellen Helix hin, kommt man seinen eigenen Idealen wahrscheinlich näher, ein stabiles Selbst ist damit jedoch noch weniger gewährleistet, weil es stets gegen die alten Muster der Sozialisation kämpfen muss.

Doch welche Helix auch gerade dominanter ist, sie bleibt selbst in sich nicht konstant, da das Leben in ständiger Bewegung ist und uns im Sekundentakt verändert.

Alle Selbstfindungsbetroffenen, deren Bücherregal mit nützlichen Ratgebern gefüllt ist oder die sich selbst als »völlig authentisch« betrachten, mögen angesichts dieser These schockiert sein.
Die Tatsache, keine feste Identität zu besitzen, hat jedoch auch etwas Schönes. Am Ende des Buches fühlt man sich beruhigt, der Druck, stets wahrhaftig zu handeln und endlich ganz man selbst zu sein, entfällt angesichts der Tatsache, dass wir es einfach nicht können. Indem wir fest verankerte Angewohnheiten und Prinzipien hinterfragen und versuchen, herauszufiltern, welche Wünsche und Vorstellungen wir selbst eigentlich haben, können wir uns unserer eigenen Wahrheit zwar annähern, sie aber niemals erklären oder fassen:

»Denn Ich ist ein anderer. Wenn Kupfer als Trompete erwacht, ist es nicht seine Schuld.« Ein bereicherndes Werk, das nicht als leichte Abendlektüre geeignet, aber mit ein wenig Konzentration gut zu verstehen ist und neue Blickwinkel eröffnet.

Jean-Claude Kauffmann: Wenn ICH ein anderer ist


Jean-Claude Kauffmann: Wenn ICH ein anderer ist
240 Seiten, 24,90 Euro
Konstanz,UVK Verlag

Über Helena Werner

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Erstellt: 24.02. 2011 | Bearbeitet: 19.02. 2011 16:42