Mai 2011 hastuUNI Nr. 36 2

Warten auf Frau König

Studentenausweis kaputt, und nur eine Frau kann helfen … doch die ist nicht da.

Ein kurzes Flackern auf dem kleinen Display, dann schnellt mein Studentenausweis wieder nach draußen. Der Aufdruck ist noch immer der alte: »gültig bis: 31.03.2011«. Vielleicht habe ich die Karte nur falsch in den Validierungsautomaten geschoben. Ich probiere alle möglichen Positionen aus. Kurzes Flackern. Karte raus. Nichts passiert.

Das Studierenden-Service-Center ist zum Glück nicht voll. »Haben Sie auch den Semesterbeitrag bezahlt?« Ich überlege kurz. »Ja, hab ich.« Die Frau am Schalter reicht mir einen Zettel. »Na, dann setzen Sie sich mal.« Vier weitere Studenten warten mit mir. Der erste wird aufgerufen, und wenig später bekommt die Frau am Schalter einen Anruf. »Ja, hier sitzen noch mehr mit dem Problem.« Sie legt auf. »Es scheint ein Problem mit den Karten oder dem Automaten zu geben. Das können wir aber jetzt nicht überprüfen, weil Frau König heute nicht da ist.«

Frau König – da war der Name zum ersten Mal. Es gibt im Immatrikulationsamt nur ein Gerät, mit dem man die Funktion von Studentenausweisen überprüfen kann. Frau König besitzt es und hat die Macht darüber.

Gleich am nächsten Tag bin ich wieder da. Es ist 13 Uhr. »Die Kollegin Frau König hat schon Feierabend.« Der nächste Versuch: »Frau König ist gerade raus zum Mittag. Können Sie in einer halben Stunde wiederkommen?« Ich kann nicht, muss arbeiten, hab Termine und will doch nur diesen Ausweis bedrucken.

Ich probiere es in der Früh. Vierter Versuch. Neun Uhr. Da kann Frau König doch nicht schon Feierabend haben oder Mittag machen. Höchstens frühstücken, aber ich würde ihr die Semmel aus der Hand reißen. Ich stehe also entschlossen im Foyer des Löwengebäudes, gehe zum Service-Center, doch die Tür geht nicht auf. Öffnungszeiten: 10 bis 14 Uhr. Mir kommt ein Verdacht. Gibt es Frau König überhaupt? Oder ist sie nur der imaginierte Prügelknabe der Uni-Verwaltung? Erdacht, um alles Unangenehme abzuwälzen, wie in Lars von Triers »Der Boss vom Ganzen«? Literarische Vorlagen für mein Dilemma schießen mir in den Kopf. Bin ich Teil von »Warten auf Frau König«, einer Adaption von Becketts Parabel auf das menschliche Streben nach Lösung und Erlösung aus der Sinnlosigkeit? Ich schweife ab, doch Erlösung brauche ich auch. Am nächsten Tag bin ich wieder da und muss die Häme eines Verwaltungsbeamten über mich ergehen lassen, der gerade mit der Schalterdame flirtet: »Zum fünften Mal sind Sie da? Na, Sie haben aber Geduld!« Nein, hab ich nicht, und die Frau am Schalter merkt das. Ich bekomme eine Nummer und darf in den nächsten Raum. Die Frau dort nimmt meine Karte und verschwindet damit. Es dauert fünf Minuten, dann kommt sie mit einem neuen Studentenausweis wieder. »Der Chip war kaputt«, sagt sie, und ich habe mein Ziel erreicht. Frau König habe ich nie zu Gesicht bekommen.

Foto: Tom Leonhardt

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Tom Leonhardt
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Erstellt: 12.05. 2011 | Bearbeitet: 22.07. 2011 17:24