Dez 2011 hastuINTERESSE Nr. 39 0

Visitenkartenspiel

Die Senator-Lounge eines deutschen Flughafens. Wer hier sitzt, ist – mit Verlaub – Mensch von Welt. Schließlich legt nicht jeder langfristig über 150 000 Meilen im Jahr als Fluggast zurück. Wer das schafft, darf sich entsprechend wichtig fühlen. Und hat Zugang zu den Senator-Lounges. Hier gibt es bequeme Sessel, Fernsehen, WLAN, Zeitungen, Kaffeespezialitäten, andere alkoholische und nichtalkoholische Getränke, Müsli, Joghurt, Backwaren, Nüsse etc. Alles gratis, versteht sich. VIP-Bonus gewissermaßen.

Klemens Timotheus von Lackmeier, Juniorchef eines international agierenden Unternehmens, sitzt in einem der Sessel, auf dem Glastisch daneben findet sich ein Querschnitt des Büffets. Er will sich hier mit einem chinesischen Geschäftspartner, Herrn Xiu, treffen, mit dem bislang nur sein Vater, der Seniorchef, zu tun hatte; die Location untermalt die Fülle des Terminplanes, ergo die persönliche Wichtigkeit. Er poliert seine Visitenkartenetuis aus gebürstetem Edelstahl auf Hochglanz. Er hat mehrere, weil er – ganz Mensch von Welt – Visitenkarten in verschiedenen Sprachen besitzt, um immer die »richtige« zücken zu können: Auf der einen Seite sind sie standardmäßig in Englisch bedruckt, auf der anderen Seite in Chinesisch, Indisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Indonesisch, Japanisch. Er streicht sich über das gegelte Haar: Er ist auf alles vorbereitet.

Herr Xiu betritt die Lounge, gemeinsam mit einem indisch aussehenden Herrn. Von Lackmeier springt auf. Der Chinese stellt den Inder als Herrn Singh, einen weiteren Geschäftspartner seines Unternehmens, vor. Man begrüßt sich in schlechtem, aber lautem Englisch, und bekundet die gegenseitige Freude, sich endlich einmal kennenzulernen. Hoffentlich hat auch jeder in der Umgebung mitbekommen, wie familiär es hier trotz aller Seriosität und Wichtigkeit zugeht. Die Neuankömmlinge wildern nun auch erst einmal am Büffet, von Lackmeier wittert unterdessen seine Chance, heute sogar mehrere Visitenkarten loszuwerden.

Als sie sich wieder setzen, gewinnt die Konversation an Fahrt. Galant beginnt man mit privaten Themen und erkundigt sich zunächst nach dem Befinden der Familienmitglieder, bevor es von Lackmeier gelingt, endlich einen Bogen zum Beruflichen zu schlagen. Herr Xius Frage, wann er denn das Unternehmen von seinem Vater übernehme, ist für ihn das Signal, endlich seine erste Visitenkarte – Chinesisch-Englisch – überreichen zu können. Man befinde sich in einem fließenden Wechsel, erklärt er mit einem Lächeln. Es könne also nicht verkehrt sein, wenn Herr Xiu auch schon mal seine Kontaktdaten wisse. Er kramt das Etui Urdu-Englisch hervor, um auch Herrn Singh mit einem gewinnenden Strahlen gleich eine Karte geben zu können. Der Inder hat seinerseits inzwischen ein Lederetui gezückt, die Karten werden ausgetauscht. Von Lackmeier überfliegt die englische Seite und wendet die Karte: die Rückseite ist leer. Er blickt Herrn Singh an, der seine Karte ebenfalls umgedreht hat und nun auf die englische Seite blickt: »I speak Punjabi, no Urdu«, erklärt er.

Die Tür zur Lounge geht auf, man hört Stimmen, die in schlechtem, aber lautem Englisch über das deutsche Wetter reden. Herr Singh dreht sich um: »Salvatore, what you doing here? Sit down with us!« Die beiden Männer setzen sich und stellen sich als die Herren Centano und Lopez vor. Hastig kramt von Lackmeier nach den Etuis Spanisch-Englisch und Italienisch-Englisch, um gleich beim Vorstellen seinerseits weitere Visitenkarten überreichen zu können. Er erhält zwei zurück.

Seine Bilanz nach einer halben Stunde: vier Visitenkarten gleich vier neue Kontakte gleich vier neue Knoten in seinem beruflichen Netzwerk. Er kann wahrlich stolz auf sich sein.

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

, ,

Erstellt: 28.12. 2011 | Bearbeitet: 02.01. 2012 14:35