Nov 2011 hastuINTERESSE Nr. 38 0

Starthilfe Buddy

Ein Auslandsaufenthalt ist nicht nur für die Erasmus-Studenten eine aufregende Zeit, sondern auch für ihre Buddies.

»Was kostet es, wenn man in Deutschland geblitzt wird?« Pawels Antwort auf meine Frage, wie seine Fahrt nach Halle war, verblüfft mich etwas. »Meine Schwester ist gefahren«, grinst er. Auch seine Schwester grinst. Und ich auch. Das Eis ist gebrochen, bevor es entstanden ist. Pawel kommt aus Czeladz/Polen und studiert im fünften Semester »Business English«. Bis Ende März wird er an der MLU ein Auslandssemester absolvieren und an den Instituten für Wirtschaftswissenschaften sowie für Anglistik und Amerikanistik Leistungspunkte sammeln.

Wir fuhren erst gemeinsam zum Studentenwerk und dann weiter zum Wohnheim. Der Einzug verlief problemlos und war innerhalb von zehn Minuten vollzogen. Danach ließ ich Pawel erst einmal in seinem neuen Heim ankommen. Später zeigte ich ihm die Umgebung, den nächsten Supermarkt, die nächste Tramhaltestelle. Am folgenden Morgen lernte er die Innenstadt kennen; bei strahlendem Sonnenschein präsentierte sich Halle von seiner besten Seite. »Ich fühle mich schon sehr wohl hier«, stellte er fest.
Abends kam Pablo an. Er studiert seit vier Jahren Medienwissenschaften in Madrid und wird ein ganzes Jahr an der MLU bleiben. Ich holte ihn am Flughafen ab und brachte ihn zu seinem Wohnheim. Auch er kam an seinem ersten Tag in Halle in den Genuss einer sonnigen Stadttour.

Dann begann ein Leben nach Zeitplan. Davon blieben auch Pablo und Pawel nicht verschont, aber sie ertrugen es tapfer: »Wir richten uns danach, wann du Zeit hast, wir sind sehr dankbar für deine Hilfe.« Und ich war dankbar dafür, dass sie so mitzogen. Wenn ich sagte: »Wir treffen uns um zehn am Händel«, konnte ich mich darauf verlassen, dass sie um zehn am Händel waren.
Dennoch waren die ersten Tage ziemlich stressig. Bis zu zehn Stunden am Tag war ich im Buddy-Einsatz. Noch mal zum Studentenwerk und zu den Hausverwaltern laufen, die zuständigen Fachbereichs-Koordinatoren treffen, die Institute zeigen, E-Mail-Adressen und sonstige wichtige Informationen beschaffen, bei Gesprächen übersetzen, zu IKEA fahren, Uni-Service-Card validieren, Stud.IP erklären und bei Kursanmeldungen helfen, bei der Stadt anmelden, Fahrrad kaufen, Konto eröffnen, deutsche Handynummern einrichten, noch mal zum Studentenwerk, …

»I don«t have Mommy here – but I have my buddy!«, beschrieb Pablo meine Rolle einmal. »Ohne dich wäre ich hier bei fast allem total verloren gewesen«, fügt er dann noch hinzu. Pawel nickt bekräftigend: »Ich auch!« Dabei erfüllte ich doch nur die Buddy-Aufgaben. Und es war positiver Stress für mich. Dennoch muss ich zugeben: Ich war gewissermaßen rund um die Uhr in Alarmbereitschaft. Mein Handy war plötzlich immer aufgeladen, eingeschaltet, griffbereit und meistens auch noch auf laut. Ich wollte schließlich erreichbar sein. In diesen Tagen bekam ich eine Postkarte aus New York, der »Stadt, die niemals schläft«, wie die Grüße auf der Rückseite betonten. Ich fand, dass auch ich da ganz gut hinpassen würde.

Ich habe diese Zeit sehr genossen. Und Pablo und Pawel offensichtlich auch. »Allein hätte ich das alles nicht geschafft«, sagt Pablo. Dafür sei in seinem Fall die Sprachbarriere noch zu groß. Die deutsche Mentalität hat er auch schon etwas angenommen: »Die Pünktlichkeit – da hat mich mein Buddy geprägt.« Klischees über die Deutschen hatte er vor seiner Ankunft sonst keine, sagt er. Pawel berichtet, dass in Polen ein Deutschen-Stereotyp noch weit verbreitet ist: pünktlich, verträgt wenig Alkohol, trinkt wenig Alkohol, hält sich für etwas Besseres. Aber: »Nur die positiven Klischees haben sich für mich bewahrheitet!«

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

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Erstellt: 15.11. 2011 | Bearbeitet: 24.11. 2011 13:44