Nov 2011 hastuUNI Nr. 38 0

(Spiel-)Kulturen entdecken

Im Studium »Grenzen« überwinden. Das haben drei Burgstudentinnen wörtlich genommen und sind für ein Projekt nach Mosambik gereist.

Gemeinsames Arbeiten in entspannter Atmosphäre

»Ich bin eigentlich kein Reisetyp, war es nie und werde es auch nie sein«, stellt Steffi lachend fest. Gemeinsam mit ihren Kommilitoninnen Julia und Johanna ist sie im vergangenen Sommer für ein Studienprojekt nach Mosambik gereist. Die drei angehenden Industriedesignerinnen hatten vor, die mosambikanische Kultur kennenzulernen. Ganz besonders ging es ihnen darum, von ihren Projektpartnern vor Ort traditionelle Spiele zu erlernen und sich mit ihnen darüber auszutauschen. Aus diesen Recherchen wollten die drei Studentinnen neue Ideen für ihre Projekte im Fach »Spiel- und Lerndesign« gewinnen. Ziel des Studiengangs ist es nicht nur, einfaches Spielzeug für Kinder zu entwickeln. Spielen ist hier mehr, als mit Blöcken und Würfeln zu bauen. Vielmehr wird hier Spielen als kreativer Prozess verstanden, bei dem man sich selbst Wissen aneignet. Für ihre Produktentwürfe arbeiten die Studenten an der Burg Giebichenstein deshalb häufig direkt mit Kindern zusammen. So können sie gleich ausprobieren, was bei den Kindern gut ankommt. Für ihr Projekt in Mosambik haben die drei Studentinnen personelle Unterstützung von einer berufsbildenden Schule aus Hamburg bekommen. Außerdem half ihnen vor Ort die Kunstschule aus Maputo, der Hauptstadt Mosambiks. Die Reisekosten mussten sie aber zum Großteil selbst übernehmen – Unterstützung dafür gab es von dem Hamburger Hilfsverein »Forum zum Austausch zwischen den Kulturen«.

Mission Spielplatz

Während der Bauarbeiten für die neue Seilbahn auf dem Spielplatz

Bevor die Gruppe an ihrem eigentlichen Ziel ankam, der Stadt Inhambane, gab es einen kleinen Zwischenstopp in Maputo. »Maputo ist eine sehr laute und volle Stadt. Das war schon sehr anstrengend für uns«, erzählt Johanna. Nach fünf Tagen in der Hauptstadt ging die Reise dann ins 480 Kilometer entfernte Inhambane. Dort sollte dann auch das eigentliche Projekt stattfinden. »Für die Fahrt haben wir mehr als zehn Stunden gebraucht, weil wir einen sehr, sehr alten Bus hatten«, erinnert sich die Burgstudentin. Nach der langen Fahrt wurden sie dann in Inhambane mit einer Überraschung belohnt: »Als wir zu der Schule gekommen sind, war alles ganz still, weil wir fast auf dem Land waren. Dann kamen plötzlich alle Schüler aus der Schule und haben angefangen, für uns zu singen.« Nach dem ersten Kennenlernen ging es direkt an die Arbeit: Neben den Recherchearbeiten gab es einige Projekte, die von der Gruppe im Vorfeld geplant worden waren. Die größte »Baustelle« war der städtische Spielplatz: »Der war eigentlich ganz gut in Schuss«, erzählt Johanna. Neben einer Rutsche und einer Wippe gab es noch einige leicht verrostete Schaukeln auf dem Platz. »Jede der Schaukeln hat höllisch gequietscht. Zusammen war das ein sehr schönes Orchester.« Deshalb war die erste Handlung der drei Studentinnen, Öl zu besorgen und die Schaukeln wieder auf Vordermann zu bringen. »Dann haben wir anschließend geschaut: Was kann dieser Spielplatz? Wie sieht er aus? Dann haben wir einfach überlegt, wie man den Spielplatz verbessern könnte und an welchen Ecken man etwas ausbessern oder neu gestalten muss.« Am Ende sind dabei fünf Projekte herausgekommen: Gemeinsam mit den Berufsschülern aus Hamburg und ihren mosambikanischen Partnern hat die Gruppe eine Seilbahn gebaut. Aus einer tristen Betonklotzlandschaft, auf der die Kinder spielen sollten, wurde ein dreidimensionales Twisterspiel. »Dann gab es da eine Brücke über ein Wasserbecken. Da haben wir ein Sprachlernspiel mit Symbolen und verschiedenen Sprachen drauf gebaut.« Zusätzlich hat die Gruppe ein Sonnendach errichtet. In Mosambik werden auch Brettspiele gespielt, auf dem Spielplatz hatte es aber zuvor keinen geeigneten Ort dafür gegeben. Außerdem hatte ein Lehrer aus Maputo den Plan, einen großen Elefanten aus Stahlbeton zu bauen. Sein Rüssel sollte den Kindern als Rutsche dienen. Den Elefanten konnte die Gruppe aus Zeit- und Geldgründen aber nicht mehr fertig bauen.

Warten auf …

Die „Blaupause» für den Elefanten

Mosambik zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Bevölkerung ist auf internationale Entwicklungshilfe stark angewiesen. 2008 betrug das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf 440 US-Dollar. In Deutschland waren es im gleichen Jahr 39 900 US-Dollar. »Ich würde nicht sagen, dass die Lage in Mosambik so schlimm ist«, kommentiert Julia, »wir mussten den Beton zwar auf der Straße von Hand mischen. Außerdem war ab und zu der Strom weg.« Dennoch waren die drei mit den Arbeitsbedingungen in Mosambik zufrieden. Was sie mehr gestört hat, war das ständige Warten: »Es gab nur einen Bus, der sämtliche Transporte für die Schule übernehmen musste. Wenn der gerade nicht da war, dann war er auch nicht da …« Um sich die Zeit ein wenig zu vertreiben, haben sich Julia, Johanna und Steffi von ihren mosambikanischen Partnern Klatschspiele zeigen lassen. Wie Julia erzählt, sind die aber nicht mit den Kinderspielen aus Deutschland zu vergleichen: »Die sind viel, viel schwieriger, mit komplexen Bewegungsabläufen – also nach links, rechts, oben und unten. Das Ganze wird dann immer schneller.« Dazu kam noch ein Text auf Portugiesisch – eine Sprache, die von den drei Frauen nur Johanna beherrscht. Die Bewegungsabläufe und auch die Texte hat sich Julia aufgeschrieben. Eigentlich, meint sie, war die Wartezeit durch die kleinen Interventionen keine verlorene Zeit: »Das waren so kleine Situationen, die ich persönlich als sehr schön und bereichernd empfunden habe, weil es noch mal ein Kontakt auf einer ganz anderen Ebene war.«

Die DDR im Mosambik

Etwa die Hälfte der mosambikanischen Bevölkerung ist christlich geprägt. Steffi und einige andere aus der Gruppe waren deshalb an einem Sonntag in die nahegelegene Kirche zum Gottesdienst gegangen. Die Kirche bestand aus einem großen Raum. Der Boden war mit Strohmatten ausgelegt. Auf einer kleinen Empore stand der Pastor. Als die Gruppe ankam, gab es noch einige freie Plätze. Anstatt sich aber unbemerkt an den Rand setzen zu können, bat der Pastor seine ungewohnten Gäste zu sich nach vorne: »Wir saßen dann auf weißen Plastikstühlen vor allen Leuten«, erinnert sich Steffi, »also voll im Rampenlicht.« Für die nächsten drei Stunden nahm die Gruppe dann an dem Gottesdienst teil, der zum Großteil aus portugiesischen Liedern bestand. Durch einen Zufall war an diesem Morgen auch einer der Dorfältesten anwesend, der einige Zeit in der DDR gelebt hatte. »Der hat uns dann beim Übersetzen geholfen, weil wir kein Portugiesisch verstanden haben.« Von der Qualität seiner Übersetzungsleistung war Steffi aber nur bedingt überzeugt: »Das war eigentlich ganz niedlich. Der Pastor hat ganz viel gesagt und unser Übersetzer dann nur Jesus liebt dich!«

Was am Ende bleibt

Der Elefant aus Stahlbeton soll den Kindern künftig als Rutsche dienen.

Die drei Studentinnen sind nach vier Wochen wieder nach Halle zurückgekehrt. Johanna war zuerst enttäuscht, dass die Gruppe den Stahlbetonelefanten nicht fertigstellen konnte. Wie sich später herausstellen sollte, war das eigentlich die richtige Entscheidung: Die Kaufleute und Stadtväter in Inhambane waren so begeistert von der Arbeit der deutsch-mosambikanischen Gruppe, dass sie die Arbeit fortsetzen und den Elefanten fertig bauen wollen. Julia hat in Mosambik gelernt, dass auch die beste Planung nicht immer mit der Realität vereinbar ist. Eigentlich hat sie für ihre Projekte eine relativ deutsche Herangehensweise. Das heißt, sie plant im Vorfeld alles genau, macht sich viele Notizen und Skizzen. Am Ende der Planung steht dann der fertige Entwurf, das Vormodell. Wenn es nach ihr ginge, müsste das fertige Produkt dann genauso aussehen wie ihr Vormodell. Da die Bedingungen vor Ort aber nicht immer die besten sind, mussten viele Pläne abgeändert oder ganz über den Haufen geworfen werden. Damit sei sie zwar nicht wirklich glücklich gewesen, »aber ich denke, ich habe ein bisschen gelernt, damit besser umzugehen.«

Zum Projekt der drei gibt es auch einen Radiobeitrag von unimono:

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
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Erstellt: 14.11. 2011 | Bearbeitet: 28.02. 2012 17:22