Nov 2011 hastuUNI Nr. 38 0

Sezieren geht über Studieren

Im Dienste der Wissenschaft wird auch an der MLU mit Tieren experimentiert.

© Susanne Wohlfahrt

Ein Affe bekommt unter Narkose Elektroden in seinen Schädel eingesetzt. An einen Stuhl gefesselt soll er geometrische Figuren beobachten und Rätsel lösen. Als Belohnung gibt es etwas zu trinken. Dies ist einer der jüngsten Fälle von Tierversuchen zu Forschungszwecken, der letztlich sogar vor Gericht endete. Jahrelang kämpften Tierschützer gegen die Universität Bremen, in deren Labor diese Versuche stattfanden. Die Tierschützer verloren, und die Versuche durften weitergehen.

In Deutschland sind Tierversuche generell erlaubt, aber das Tierschutzgesetz setzt Grenzen. Viele Naturwissenschaftler, wie auch im Falle der Affenversuche, werden von Tierschützern als emotions- und gewissenlose Menschen bezeichnet, denen der medizinische Fortschritt wichtiger sei als das Wohl der Tiere. Wer noch ganz am Anfang einer naturwissenschaftlichen Karriere steht, muss sich zwangsläufig mit den moralischen Fragen seines Faches auseinandersetzen. An der MLU sind in diesem Semester rund 7400 Studenten eingeschrieben, die ein naturwissenschaftliches Fach gewählt haben. Speziell in den Studiengängen Biologie und Biochemie müssen sie selbst Tierversuche durchführen.

Tierversuche an der MLU?

Der Tierschutzverband SATIS hat im September dieses Jahres sein »Ethik-Hochschulranking« veröffentlicht. Dort wird aufgezeigt, an welchen deutschen Universitäten Tierversuche besonders häufig vorkommen. Auch die Uni Halle wird im Ranking genannt. In der Biologie werden zum Beispiel Versuche an Fröschen durchgeführt. Dabei seziert der Dozent einen Frosch, um physiologische Merkmale aufzuzeigen. In Anatomiekursen werden unter anderem Regenwürmer, Schaben, Weinbergschnecken, Hamster oder Mäuse seziert. Die Tiere stammen aus eigener Zucht, aus Freilandsammlungen und von Anglern. Die Säugetiere werden zuvor mit einem Nervenpräparat getötet, damit für die Sektion die Organe erhalten bleiben. Die Weinbergschnecken werden in heißem Wasser ertränkt. Die Studenten sezieren in diesem Kurs die Tiere, um Organe zu untersuchen. In der Humanmedizin findet schon seit Jahren kein Tiereinsatz mehr statt. Das zoologische Praktikum im Studiengang Biochemie, welches obligatorisch ist, beinhaltet wiederum verschiedene Tierversuche. So gibt es solche, bei denen Insekten biochemische Stoffe gespritzt werden. Anhand ihres Flugverhaltens wird die Wirkung dieser Stoffe untersucht.

Versuche mit größeren Säugetieren, wie Affen, gibt es in Halle aktuell keine. Der hallische Tierschutzverein konnte betätigen: »Uns sind keine Versuche an der MLU bekannt, die gegen das deutsche Tierschutzgesetz verstoßen. Im Übrigen gibt es seit fast 20 Jahren eine Richtlinie für Tierversuche an der MLU sowie eine Tierschutzkommission, die sämtliche Versuche auf gesetzliche Verstöße hin überprüft.«

Wie Ethik zu Biologie passt

© Susanne Wohlfahrt

Um den Umgang mit moralischen Fragen in den Naturwissenschaften zu fördern, wurde die ASQ Bioethik ins Leben gerufen. »Die Initiative zur ASQ Bioethik ging von Studierenden der Biologie aus, die der Ansicht waren, dass ethische Fragen ihrer Fächer in ihrem Studiengang nicht ausreichend diskutiert würden«, erklärt Professor Dr. Matthias Kaufmann, der am Institut für Philosophie und Ethnologie arbeitet und mitverantwortlich für die ASQ ist. Die Biologiestudentinnen Kerstin Gößel und Julia Dieskau hatten die Idee zur ASQ und werden auch in diesem Semester wieder gemeinsam mit Kommilitonen und Dozenten in Seminaren und Sitzungen diskutieren. Die Organisatoren der ASQ sind Mitglieder der studentischen Förderinitiative SFI e. V.
»Wir wollen die Menschen in einer Welt der immer schneller fortschreitenden Technik und der sich daraus neu ergebenden Möglichkeiten dazu anregen, ihr Verhalten und das Verhalten ihrer Mitmenschen kritisch zu hinterfragen«, erläutert Julia. In ihrem Studium musste sie selbst feststellen, dass beispielsweise beim Sezieren von Tieren nicht gefragt wird, ob der Student ethische Bedenken hat. »Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, dass wir absolut gegen Tierversuche sind. Für uns steht an erster Stelle, dass sich die Leute selber Gedanken machen.« Zu der ASQ gehören neben den Vorlesungen und Seminaren auch Exkursionen, beispielsweise in ein Primatenforschungszentrum in Leipzig. Die Teilnehmer der ASQ sind hauptsächlich Studenten aus den Naturwissenschaften.

Alternativen müssen her

Das Thema Tierversuche wird viel diskutiert in der Politik, der Gesellschaft und nicht zuletzt an der Uni. Die moralische Grenze steht bei jedem an einer anderen Stelle. Wie bei den Versuchen mit den Affen an der Universität Bremen sträuben sich Gerichte und nicht zuletzt Politiker dagegen, Versuche gänzlich zu verbieten. Aber ohne Tierschutzrichtlinien und Gesetze geht es auch nicht. Die Weiterentwicklung von Alternativen muss gefördert und gefordert werden. Computersimulationen und bildhafte Darstellungen werden schon vielfältig in der Forschung und der Lehre eingesetzt. Wenn Naturwissenschaftler und Tierschützer gemeinsam mit der Politik in Zukunft noch intensiver zusammenarbeiten, sollten weitere Lösungsansätze sicher zu finden sein.

Ihr wollt mehr zum Thema wissen?
http://www.satis-tierrechte.de
http://www.tierrechte.de
http://umwelt.verwaltung.uni-halle.de/5105_97121/

Über Franziska Schmidt

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Erstellt: 14.11. 2011 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:56