Feb 2011 hastuINTERESSE Nr. 35 0

Selbstverstellung statt Selbstvorstellung

Beim Schreiben von Bewerbungen wird die eigene Identität zur Konstruktion. Ein Selbstversuch.

Illustration: Falko Gerlinghoff

Illustration: Falko Gerlinghoff

Anschreiben Anfang: »Hiermit möchte ich mich bei Ihnen bewerben.« Oder besser: »Hiermit bewerbe ich mich.« – klingt direkter, aktiver. Aber eigentlich wissen die das doch schon. Immerhin steht groß BEWERBUNG darüber. Also nicht so anfangen? Lieber mit etwas Ausgefallenem: »Postpubertärer Zwangsvulgarismus – wer solche Wörter kennt, ist bei Ihnen genau richtig!« Das macht Eindruck, ist aber wenig seriös. Dann doch lieber die »Bewerbungsfloskel« – schön standardisiert.

Und danach? Motivation zeigen. Interesse am Unternehmen. Begeisterung für die Tätigkeit. Das weiß ich. Das kann ich. Das will ich. Und ein bisschen: Da bin ich nicht so gut. Über allem die Frage: Wer bin ich?

Eine Bewerbung soll eine Selbstvorstellung sein. Sie ist jedoch eher eine Selbstverstellung. Englisch spreche ich wahnsinnig gut, und weil ich mir »Volver« von Pedro Al-modóvar zehn Mal auf Spanisch mit deutschem Untertitel angesehen habe, sind meine Spanisch-Kenntnisse zumindest gut. Ich habe sogar schon das Harvard-Abschlusszeugnis mit Photoshop gebastelt. Ob ich es in meine Unterlagen lege, weiß ich noch nicht. Könnte ein bisschen dick aufgetragen sein. Aber es würde immerhin beweisen, dass ich mit Adobes Fotowundermaschine gut umgehen kann.

Das Erstellen meiner Bewerbung wird schnell zum Kreativwettbewerb, dessen Anspruch es ist, dem Unternehmen, den Personalern und Human-Resources-Managern gerecht zu werden. Stipendien, Preise, Projekte, Titel und Positionen. All das sollte man haben, überall muss man schon gewesen sein. Vor allem aber in einem fernen Land. Nichts ist so wichtig wie ein Auslandsaufenthalt, weil nur dieser zeigt, dass man sich mit dem Fremden, dem Unbekannten auseinandersetzt und abenteuerlustig ist. Länger als drei Wochen war ich noch nie außerhalb Deutschlands unterwegs, dafür entdecke ich in der Stadt, in der ich seit 21 Jahren lebe, jeden Tag neue Dinge, Fremdes und Unbekanntes. Dass mir ein halbes Jahr im Kongo mehr bringen könnte als Malaria, wage ich zu bezweifeln.

Doch es zählt nur, was auf dem Papier steht und deswegen wird meine Fahrradtour nach Santiago de Compostela zum inspirierenden Selbstfindungstrip. In meiner Bewerbung bin ich engagiert, teamfähig, freundlich im Umgang, kommunikativ und ausgesprochen fleißig, dazu belastbar, innovativ und fachlich kompetent – nur die Hälfte davon stimmt, wenn überhaupt.

Identität ist eine genau gestrickte Konstruktion. Ich schreibe, was gelesen werden will. Verwerflich ist das nicht, denn auch im Alltag handelt man so. Auf Erwartungen stellt man sich ein, verhält sich, wie man meint, dass es ge- und erwünscht ist. Lügen ist bei Bewerbungen erlaubt, auch wenn man es so drastisch nicht ausdrücken würde. Eher: Den Lebenslauf frisieren oder optimieren. Die Konstruktion hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Bei dem Auswahlverfahren bin ich eine Runde weiter gekommen. Es folgt das Assessment-Center. Dort muss meine Selbstverstellung der Prüfung standhalten. Mal sehen.

Über Julius Lukas

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Erstellt: 20.02. 2011 | Bearbeitet: 19.02. 2011 15:42