Dez 2011 hastuUNI Nr. 39 0

Rollenspiel statt Vorlesung

Das Dorothea-Erxleben-Zentrum bietet mit dem SkillsLab Medizin-studenten die Möglichkeit, praktische Erfahrungen in realitätsnahen Situationen zu sammeln

Eine 19-jährige Patientin wird ins Krankenhaus eingeliefert und muss operiert werden. Im Verlauf der Voruntersuchungen kommt es zu einer folgenschweren Diagnose: Sie ist HIV-positiv. Der Arzt, der ihr den Befund mitteilen muss, wurde gerade erst eingestellt. Vor kurzem hat er sein Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen und fragt sich nun, in welcher Vorlesung die Übermittlung schlimmer Befunde behandelt wurde. In keiner! Ihn überkommt ein Gefühl der Ratlosigkeit und Angst. Er betritt das Krankenzimmer und hofft inständig, dass er gleich die Kraft hat, der Patientin ins Gesicht zu sehen und die Nachricht »fachmännisch« überbringen zu können.

»Glücklicherweise handelt es sich hier nur um ein Rollenspiel«, sagt Dennis Christoph erleichtert, als er das Krankenzimmer wieder verlässt. Der Medizinstudemt im siebten Semester war aufgeregt: »Ich habe die Diagnose von der Patientin ›Johanna‹ erst kurz vorher erfahren und hatte kaum Zeit zum Nachdenken. Es fiel mir gerade zu Beginn unheimlich schwer, die richtigen Worte zu finden.« Durch die halbdurchlässige Verspiegelung des Patientenzimmers konnten Dennis‘ Kommilitonen im angrenzenden Technikraum das Gespräch mitverfolgen. Die Evaluation erfolgt in vierfacher Form. Zunächst soll Dennis das Gespräch selbst bewerten. Er ist sich sicher, dass er viele wichtige Informationen vergessen hat, weil er so nervös war. Das anschließende Feedback der Patientin »Johanna« fällt positiver aus. Sie lobt die tröstenden Worte des Medizinstudenten und seine offene Körperhaltung ihr gegenüber. Gefehlt hat ihr der wichtige Verweis, dass sie sich und andere nun schützen müsse. Des Weiteren wäre es schön gewesen, wenn er sie gefragt hätte, wie sie nach Hause kommt und ob es jemanden in ihrer Familie gibt, der sie abholt. Es folgt ein anerkennendes Feedback der Kommilitonen und zum Schluss die professionelle Evaluation des Tutors, der nochmals den ständigen Blickkontakt zwischen Student und Patient als besonders positiv erwähnt. Dennis haben die lobenden Worte bestärkt, dennoch bleibt er realistisch: »Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich in solch einer Situation im medizinischen Alltag nun viel gefasster wäre. Jedoch ermöglicht der Austausch mit dem Schauspieler, dem Tutor und den Kommilitonen im Anschluss an das Gespräch eine so intensive Auseinandersetzung mit der Problematik, wie es später im klinischen Alltag wohl kaum möglich sein wird. Das hat mir ein Stück weit die Angst vor solchen Patientengesprächen genommen.«

Lernen im geschützten Raum

Das am 19. Oktober neu eröffnete Dorothea-Erxleben-Lernzentrum Halle der Medizinischen Fakultät stellt »den Aufbruch für eine bessere Lehre dar«, versichert der Rektor der MLU, Prof. Dr. Udo Sträter. Das Gebäude befindet sich in der alten HNO-Klinik in der Magdeburger Straße 12. In diesem sind künftig das SkillsLab (Trainingszentrum für die Ausbildung praktischer Fähigkeiten der Studenten), das Simulationszentrum zum Üben von Notfallsituationen, die Bibliothek sowie der PC-Pool untergebracht.

Dr. Andreas Fichtner, Leiter des SkillsLab, erklärt die Bedeutung der neuen Lernmöglichkeiten der Studenten: »Wichtig ist, dass angehende Mediziner die Praxisanwendungen nicht erst am Patienten erlernen. Hier haben sie die Möglichkeit, in einem geschützten Raum unter standardisierten Bedingungen ihre praktischen Erfahrungen auszubauen. Der große Vorteil: Beim Training dürfen Fehler gemacht werden, die im Alltag nicht passieren dürfen.«

Dennis und seine Kommilitonen haben nicht viel Zeit sich auszuruhen, denn das Rollenspiel stellt nur den Auftakt einer ganzen Reihe von Trainingseinheiten dar. Die nächste Station: Flexüle legen. Der Tutor macht es vor, dann sind die Studenten dran. Es folgt die Blutabnahme, das richtige Rezeptieren, die Vorbereitung von Infusionen, die orthopädische Untersuchung und so weiter. Der Leiter des SkillsLab erklärt: »Insgesamt haben wir 16 Trainingsstationen, die jeder Student ab dem siebten Semester zweimal im Jahr durchlaufen muss. Damit man bestmögliche Lernergebnisse erzielen kann, wechselt mit jeder Station auch der Tutor, der speziell in dem jeweiligen Bereich trainiert ist.« Ziel der Fakultät ist es, das Zentrum noch weiter auszubauen. »Im nächsten Jahr«, so Fichtner, »will man bereits 25 Stationen zur Verfügung stellen, um die Studenten noch besser auf den praktischen Alltag vorbereiten zu können.« Das sei ein großer Erfolg, musste man doch im alten SkillsLab mit nur sechs Trainingsstationen auskommen.

Theorie versus Praxis

Doch wie viel Praxis braucht ein (Medizin-)Student? Die Forderung nach der Vertiefung praktischer Fähigkeiten an Bildungseinrichtungen ist ein eher modernes Phänomen. An der Medizinischen Fakultät in Halle kam das Thema einer Ausweitung der Praxisanwendungen erstmals im Jahr 2002 auf. Der Vorwurf des Wissenschaftsrates: Man könne in dem Anwendungsbereich nicht mit anderen Universitäten konkurrieren. Laut Fichtner sollen die Studenten auch vor einer theoretischen Verbildung geschützt werden. Allerdings betont er, dass man bei dem Umfang praktischer Trainingseinheiten je nach Fachrichtung und persönlichem Anspruch differenzieren muss: »Man kann in dem Sinne keine genaue Gewichtung beider Komponenten festschreiben. Wichtig ist, dass gerade bei Medizinstudenten das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis ausgewogen ist.« Tendenziell sei es jedoch für Lehreinrichtungen schwieriger, die praktischen Fähigkeiten zu fördern. Das ist vor allem ein logistisches Problem bei derzeitig circa 1500 Medizinstudenten an der MLU.

Dennis kann von sich sagen, dass er durch die Übungen im SkillsLab vieles lernen konnte, was er später in seinem Beruf brauchen wird. Für ihn ist die Theorie, die in der Medizin bereits stark forschungsorientiert ist, trotzdem wichtiger als die Praxis: »Man kann letztendlich nur anwenden, was man in theoretischer Form verinnerlicht hat. Somit ist die Praxis ohne Theorie meistens nicht anwendbar«, gibt er zu bedenken. Nichts, so scheint es also, ist so praktisch wie eine gute Theorie. Andererseits: Was nützt schon eine ausgefeilte Theorie, wenn sie praktisch nicht umsetzbar ist? So unbestreitbar das dialektische Verhältnis, so unklar scheint doch die richtige Gewichtung beider Komponenten zu sein.

Fichtner freut sich auf jeden Fall über die ausschließlich positive Resonanz bezüglich des neuen Trainingszentrums, die das Vorhaben der Erweiterung des Zentrums unterstützt. Dank dieser neuen Lehreinrichtung könne man alle praktischen Fähigkeiten, zumindest auf grundlegendem Niveau, im Vorfeld erlernen. So haben die Studenten die Chance, auch zu Beginn ihrer medizinischen Karriere sicher aufzutreten. Ihre zukünftigen Patienten können beruhigt sein – der Praxis sei Dank.

Über Anastasia Pyschny

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Erstellt: 23.12. 2011 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:29