Revolution mit Hindernissen (2)
Das Deutschlandstipendium soll die Studienfinanzierung revolutionieren. Vor allem von Unternehmen und Privatpersonen wird ein verstärktes Engagement gefordert. Doch die Zurückhaltung ist groß, was vor allem für die Hochschulen zum Problem wird
Es ist kalt, und Christian wartet bereits. Seine Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen, weswegen man sein rotblondes Haar nicht erkennt. Durch seine Brille schaut er sich interessiert um. Obwohl er schon neun Semester in Halle studiert, hat er den Universitätsplatz noch nie gesehen. »Ich bin immer am Campus Heide-Süd, weil dort mein Institut ist«, erklärt er. Christian Herschbach ist 24 Jahre alt und studiert Physik. Von den etwa 50 Kommilitonen, mit denen er seinen Bachelor begann, waren am Ende noch 14 übrig, und er ist einer der besten von ihnen.
Seit Oktober 2010 bekommt Christian das Leistungsstipendium des amerikanischen Chemiekonzerns Dow. Für den 24-Jährigen sind die 500 Euro pro Monat eine große Erleichterung. Neben seinem Studium musste Christian von Beginn an arbeiten. Das BAföG und die Unterstützung seiner Eltern reichten nicht aus. Das hat sich nun geändert. »Durch das Stipendium konnte ich meine Stelle in einer Apotheke aufgeben und kann mich nun voll und ganz meiner Masterarbeit widmen«, freut sich der Physikstudent.
Vorbild Amerika
Geschichten wie die von Christian sind selten in Deutschland. Laut der 19. Sozialerhebung des Studentenwerks bekommen lediglich drei Prozent der 2,19 Millionen Hochschüler ein Stipendium. Besonders im internationalen Vergleich ist das sehr wenig. Als Musterbeispiel gelten die USA. Die amerikanischen Studierenden müssen zwar an fast allen Hochschulen Studiengebühren bezahlen, sie werden jedoch auch durch ein dichtes Stipendiennetzwerk unterstützt. Ein solches soll nun auch in Deutschlands aufgebaut werden.
Im September vergangenen Jahres startete deswegen ein Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das dessen Ministerin Annette Schavan als »Revolution der Stipendienkultur« ankündigte. Mit dem Deutschlandstipendium sollen mittelfristig acht Prozent der Studierenden unabhängig vom elterlichen Einkommen 300 Euro pro Monat erhalten.
Mit den aktuellen Studierendenzahlen gerechnet, würden dann rund 175 000 Hochschüler ein Stipendium bekommen, was 53 Millionen Euro pro Monat kosten würde. Diese enormen Ausgaben will der Bund zur Hälfte begleichen. Die anderen 50 Prozent sollen Unternehmen und Privatpersonen beisteuern – so verlangt es zumindest das Bildungsministerium.
Die Begründung dieser Forderung liegt für Ministerin Annette Schavan auf der Hand: »Ein Wissenschaftssystem verdient es, dass diejenigen, die studiert haben und heute gut verdienen, mit ihren Hochschulen solidarisch sind. Und die Wirtschaft wird mit ihrer Klage über den drohenden Fachkräftemangel nur Widerhall finden, wie sie selbst bereit ist, frühzeitig in Talente zu investieren.«
Schavan und ihr Ministerium müssen allerdings die privaten Quellen nicht erschließen. Der Bund ist lediglich Geldgeber. Die Akquisearbeit sollen die Hochschulen erledigen. Eine Aufgabe, die Schwierigkeiten mit sich bringt.
Völlig unrealistisch
Für die Martin-Luther-Universität kommt das Deutschlandstipendium definitiv zu früh. »Derzeit müssen wir uns erst einmal mit der Verwaltungsvorschrift auseinandersetzen, die ab dem ersten Januar gilt«, erklärt Ulf Walther. Dass zum Sommersemester die ersten Deutschlandstipendien vergeben sind, hält der Pressesprecher der MLU für unwahrscheinlich. »Noch haben wir niemanden zum Einwerben losgeschickt. Und auch wenn es soweit ist, wird es noch eine Weile dauern, bis wirklich Geld fließt«, meint Walther. Dabei müsste es 2011 bereits über 80 Stipendiaten an der Universität Halle geben.
Laut dem Bundesbildungsministerium sollen nämlich im nächsten Jahr 0,45 Prozent der deutschen Hochschüler gefördert werden, bundesweit also 10 000 Studierende. Jahr für Jahr soll der Prozentsatz dann angehoben werden, so dass in der letzten Ausbaustufe acht Prozent der Hochschüler ein Deutschlandstipendium bekommen. Die Martin-Luther-Universität müsste dann jährlich rund 2,55 Millionen Euro aus privaten Quellen einwerben. Auf die neun Hochschulen in Sachsen-Anhalt gerechnet sind es sogar 7,7 Millionen Euro.
Vor dieser Summe kapituliert auch Professor Armin Willingmann. »Diese Zahl ist aus heutiger Sicht völlig unrealistisch. Wenn nicht ein unvorhersehbarer Aufschwung einsetzt, dann ist das nicht zu schaffen«, stellt der Präsident der Landesrektorenkonferenz Sachsen-Anhalt (LRK) fest. Dabei startete das Deutschlandstipendium an seiner Hochschule gar nicht schlecht.
Fliesenleger als Stipendiengeber
Armin Willingmann ist Rektor der Hochschule Harz und bei ihm meldete sich bereits im Spätsommer 2010 ein Fliesenleger aus Quedlinburg, der zum ersten Stipendiengeber in Sachsen-Anhalt wurde. »Er hatte in der Zeitung vom Deutschlandstipendium gelesen und wollte sich nun beteiligen«, erzählt Willingmann, der in diesem Beispiel auch einen Trend unter den Förderern sieht. »Es melden sich vermehrt kleine Handwerksunternehmen bei uns. Das ist sehr schön, allerdings soll ja vor allem die Industrie Stipendien finanzieren und dann auch gleich in größerem Maße. Doch die fühlt sich bis jetzt noch nicht in der Pflicht.«
Von den großen Konzernen hat auch Dr. Simone Danek von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Halle-Dessau noch keine Rückmeldung zum Deutschlandstipendium. Sie ist für die Aus- und Weiterbildung bei der IHK verantwortlich und bestätigt den Eindruck des LRK-Präsidenten: »In unserer Region haben wir 95 Prozent kleine und mittelständische Unternehmen, die oft noch genauer schauen, wofür sie Geld ausgeben. Es mag große Betriebe geben, die es für die Region oder die Gesellschaft machen, aber die gibt es in nennenswertem Umfang auch erst ab einer bestimmten Wirtschaftskraft.«
Dass diese Wirtschaftskraft in Deutschland äußerst ungleich verteilt ist, sieht auch Professor Willingmann kritisch. Das Deutschlandstipendium unterstelle, dass überall in der Bundesrepublik einheitliche Lebensverhältnisse herrschten. »Besonders in Ostdeutschland hat man aber mit einer strukturschwachen Wirtschaft zu kämpfen. Die ist für ein solches Stipendienmodell nicht der beste Partner«, so Willingmann. In Sachsen Anhalt lag das pro Kopf Bruttoinlandsprodukt 2009 bei 19 600 Euro. In Hamburg ist es mehr als doppelt so hoch. Trotz der anfänglichen Erfolge erwartet auch der Rektor der Hochschule Harz, dass sich nicht viele Unternehmen finden werden, die eine Förderung in Betracht ziehen. »Aus Erfahrung sind die bereits in der Drittmittelforschung sehr zögerlich. Bei dem Stipendium droht sich das zu wiederholen.«
Zweiklassengesellschaft der Fachrichtungen
Für Simone Danek kann das Deutschlandstipendium nur erfolgreich sein, wenn nachgebessert wird. Es müsse sich für die Unternehmen auch lohnen, Geld zu geben. Ein großer Nachteil sei, dass die Auswahl der Studierenden nicht von der Wirtschaft mitbestimmt werden könne. »Die Stipendiaten werden nicht von den Unternehmen ausgesucht, sondern von der Hochschule. Da braucht man erst einmal Betriebe, die unter dieser Bedingung Geld geben«, konstatiert Danek.
Nach derzeitigem Stand des Gesetzes sollen zwei Drittel der Deutschlandstipendien zweckgebunden vergeben werden. Der Stifter kann also bestimmen, in welchen Fachbereich die Förderung fließt. Über das verbleibende Drittel sollen die Hochschulen selbstständig entscheiden dürfen.
Dass dieser Verteilungsschlüssel notwendig ist, zeigt die Stipendienplattform Ingenieuregesucht.de, die von den Industrie- und Handelskammern Halle-Dessau und Magdeburg gegründet wurde. Ein Philosophiestudent hätte hier wenig Chance auf ein Stipendium, was auch Simone Danek zugibt: »Die Plattform richtet sich vorrangig an gewerblich-technische und naturwissenschaftliche Fachrichtungen, aber Betriebswirtschaftslehre ist auch dabei.«
Dieses Ungleichgewicht ist jedoch nicht nur auf die Fächer beschränkt. Es überträgt sich auch auf die Hochschultypen. Für Sachsen-Anhalt gibt die 19. Sozialerhebung des Studentenwerks eine Stipendienquote von 2,5 Prozent an. An den Universitäten bekommen aber gerade einmal 0,4 Prozent eine Förderung. An den Fachhochschulen sind es hingegen 6,7 Prozent.
Ein Lichtblick: Stiftung statt Porsche
Die märchenhaften Geschichten, die man aus den USA von Zeit zu Zeit hört, sind an den sachsen-anhaltischen und auch deutschen Hochschulen wohl nicht möglich. 2007 zum Beispiel schenkte ein anonymer Spender der University of Chicago 100 Millionen Dollar. Die Martin-Luther-Universität bekommt pro Jahr zwischen 1000 und 3000 Euro gespendet. In diesem Jahr gab es jedoch einen Lichtblick. Im November wurde die nach ihrem Stifter benannte Wolfgang-Lassmann-Stiftung an der MLU gegründet. Ihr Ziel ist es, junge Akademiker aus sozial schwachen Verhältnissen zu unterstützen und herausragende Abschlussarbeiten auszuzeichnen. Das Stiftungskapital beträgt 100 000 Euro.
Sein Geld zu stiften, hatte für Wolfgang Lassmann ganz persönliche Gründe. Im Krieg verlor er seine Eltern und sein Zuhause und gelangte über mehrere Heimaufenthalte in die Franckeschen Stiftungen nach Halle. »Dort hatte ich zum ersten Mal Kontakt mit der Universität und habe sie in mein Herz geschlossen«, erzählt der heute 72-Jährige.
Wolfgang Lassmann möchte mit seiner Stiftung auch etwas zurückgeben. Diese emotionale Verbundenheit zur Martin-Luther-Universität, aber auch Pragmatismus bewegten ihn dazu, 100 000 Euro zu spenden. »Ich hätte meiner Frau von dem Geld auch einen Porsche kaufen können, aber damit wäre sie sicher zu schnell gefahren«, meint er amüsiert.
Mehr Stifter wie Wolfgang Lassmann würden der Hochschullandschaft und auch dem Deutschlandstipendium helfen. Allerdings gibt der Wirtschaftsinformatiker sein Geld nicht, ohne einen Zweck zu verfolgen. Junge Akademiker mit einem schwachen sozialen Hintergrund sind seine große Zielgruppe, die durch die Fächerauswahl beschränkt wird. Nur Wirtschaftsinformatiker und Studenten aus den angrenzenden Bereichen Mathematik und Informatik kommen für eine Förderung in Betracht.
Nichtsdestotrotz zeigt die Wolfgang-Lassmann-Stiftung, dass die Finanzierung von Stipendien auch aus privaten Quellen möglich ist. Bis sie sich auch in Deutschland in nennenswertem Umfang etabliert, braucht es jedoch noch viel Zeit. Die USA haben auch deswegen ein so engmaschiges Stipendiennetz, weil Hochschulfundraising dort eine mehr als 100-jährige Tradition hat. Ob allerdings eine von der Politik initiierte Stipendienkultur erfolgreich ist, liegt vor allem an den Hochschulen, die große Schwierigkeiten bewältigen müssen. Die Revolution, die Annette Schavan mit dem Deutschlandstipendium anzetteln will, muss noch einige Hürden nehmen.
Die damit verbundenen Anstrengungen könnten sich allerdings lohnen, wie das Beispiel von Physikstudent und Dow-Stipendiat Christian Herschbach beweist. Ein Deutschlandstipendium zu Beginn seiner Hochschulzeit hätte ihn schon damals entlastet: »Dann hätte ich den Job in der Apotheke früher sein lassen können und mehr Freiräume für mein Studium gehabt.«
Über Tom Leonhardt
Erstellt: 22.02. 2011 | Bearbeitet: 12.05. 2011 15:47
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MLU – We Burlesque!
»Wir sind für alle da«
Nicht nachlassen!
»Bis jetzt ist noch kein Cent geflossen«
Mal eben wählen und dann zur Party
Was macht der Prof auf dem Sofa?
Ich habe es hier schon an anderer Stelle gesagt und meine Meinung zu Frau Schavans Deutschlandstipendium bleibt gleich: s, wie es konstruiert ist, kann es nicht gerecht und sinnvoll funktionieren. Die Wirtschaftskraft ist, wie in deinem Artikel ja beschrieben, in Deutschland regional sehr ungleich. In Sachsen-Anhalt Unternehmen zu finden, die über 7 Millionen Euro für Stipendien ausgeben wollen, wird schwierig. Und wenn, dann wollen sie das an Bedingungen knüpfen. Durch diese Bedingungen werden (kritische) Sozial- und Geisteswissenschaftler ausgegrenzt und wahrscheinlich fast ausschließlich Natur- und Wirtschaftswissenschaftler unterstützt. Denn nur solche Absolventen rechnen sich für den hiesigen Kapitalismus, angeblich.
Studierende aus sozial schwachem Elternhaus, angehende Studierende aus Familien, in denen noch niemand studiert hat, kann man mit diesem Stipendienmodell nicht verstärkt »anlocken«, ein Studium aufzunehmen. Das Bewerbungsverfahren ist ein bürokratisches Abschreckmonster, siehe Kommentare auf »http://hastuzeit.de/2010/die-revolution-der-stipendienkultur/«.
Mein Vorschlag ist, dass BaföG weiterzuentwickeln: jeder Student soll ein elterneinkommensunabhängiges »Stipendium« (oder wie auch immer man es nennen will) vom Staat bekommen und je nach Studienleistungen soll er entweder gar nichts (für die allerbesten) oder die Hälfte (für die Abbrecher und Erfolglose) der Leistungen zurückzahlen, natürlich etwas gestaffelt. Über die Details kann man da noch grundsätzlich streiten, aber grundsätzlich müsste jeder Student ein »Bildungsgehalt« erhalten, mit dem er sein Studium einigermaßen finanzieren kann.
Natürlich sollte das nicht mehr als 700-800 Euro betragen – wer als Student Luxus braucht, der muss eben seine Eltern fragen oder selber dazuverdienen. Aber kein Student soll mehr dazugezwungen sein, neben dem Studium zu arbeiten, um sein Überleben zu sichern. Wer meint, dass als Praxiserfahrung zu brauchen, kann es freiwillig tun, muss es aber nicht. Ich kann nur jeden bewundern, wer es neben dem Bachelor-Studium noch schafft, mehrere Stunden zu arbeiten und trotzdem noch vernünftige Prüfungsleistungen abzuliefern. Ich persönlich halte es für eine Schande, dass in einem reichen Land wie der BRD Studierende gezwungen sind, ihre Existenz mit (teils mies bezahlten) Nebenjobs zu sichern!!