Nov 2011 hastuPAUSE Nr. 38 0

Öko-Literatur in Halle: Papka

Bücher müssen nicht immer glänzen, nach Druckerei riechen und aus einem großen Verlagshaus kommen. In Halle kreieren Studenten gemeinsam ganz eigene Buchkunstwerke: Aus altem Pappkarton.

Joana studiert Ethnologie und BLIK an der MLU. Sie hat Papka zusammen mit Nele, die an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Buchkunst studiert, aufgebaut.

Was war der Ursprung für eure Idee?

Nele war eine längere Zeit in Lateinamerika und hat dort Wind bekommen von der Bewegung der sogenannten Cartoneros, dem Pappkartonverlag. Bei Eloisa Cartonera entstehen neue verlegte Bücher aus recycelten Materialien, die günstig verkauft werden. Hier in Deutschland gibt es allerdings einen anderen Hintergrund, Literatur wird uns ja beinahe hinterher geworfen. Uns geht es mehr darum die Bürokratie zu umgehen, und Leute, die Lust haben zu schreiben, bekommen die Möglichkeit, ihre Werke bei uns zu verlegen. Wir möchten die ganzen kommerziellen Wege vermeiden. Denn bei den großen Verlagen werden eingereichte Texte oft abgelehnt, und selbst wenn einmal etwas angenommen wird, muss oft trotzdem noch alles mögliche an dem Text verändert werden. Und genau das wollen wir nicht. Jeder soll seine Texte verlegen können, ohne den kommerziellen Hintergrund und ohne Richtwerte.

Welche Texte verlegt ihr?

Eigentlich alles, zur Zeit gibt es ungefähr sechs Werke, die in verschieden großer Anzahl verlegt wurden. Darunter: Kurzgeschichten, ein Gedichtband, Comics und eine Illustration von Nachrichten.

Illustrierte Nachrichten?

Ja, da hat jemand die Nachrichten des Tages von verschiedenen Sendern aufgeschrieben und dazu Illustrationen gezeichnet. Das war besonders durch den Vergleich interessant, es wurden beispielsweise die Nachrichten von Radio Corax denen von Jump gegenübergestellt. Wenn jemand einen Text hat, den er interessant findet und verbreiten möchte, muss nur die Frage um die Lizenz geklärt sein, und dann kann die Idee umgesetzt werden.

Wie kommt es dann von der Idee zum Pappkartonbuch?

Wir treffen uns meist einmal in der Woche und besprechen Ideen und Organisatorisches. Wenn genug Texte zusammen gekommen sind, treffen wir uns zu Workshops. Dort arbeiten wir gemeinsam an dem Design der Bücher. Im ersten Workshop wurden in zehn Stunden 50 Bücher hergestellt. Das Schöne an Papka ist, dass jeder sich unterschiedlich einbringt. Deswegen sieht jedes Buch anders aus und wird ein kleines Kunstwerk.

Was habt ihr mit den Büchern vor?

Die sollen nicht direkt verkauft, aber auf Spendenbasis weitergegeben werden, damit wir die Druckkosten wieder raus haben. Es geht uns nicht darum, etwas zu verdienen. Wir wollen nur bei plus/minus null rauskommen.

Gibt es denn keine Fördermittel?

Doch, wir haben inzwischen einen Drucker gesponsert bekommen vom Freundeskreis der Burg, aber trotzdem entstehen noch ein paar Kosten, die wir durch Spendeneinnahmen gerne abdecken würden. Es steckt schließlich viel Arbeit in den Büchern, und es geht uns auch ein bisschen um die Wertschätzung

Und wie bringt ihr die Bücher unters Volk?

Meist auf Flohmärkten, oder wir legen sie in Cafés aus und stellen eine Spendendose daneben. Für dieses Jahr planen wir auch einen Stand beim Weihnachtsmarkt und überlegen einen Leseabend zu veranstalten.

Kannst du einschätzen, wie die Idee ankommt?

Ich stelle mir schon manchmal die Frage, ob die Bücher wirklich gebraucht werden. Klar, die meisten finden sie schön und die Idee toll, aber viele von ihnen gehen dann trotzdem am Stand vorbei. Aber vorrangig geht es uns schließlich auch darum, dass wir die Leute verbinden und zusammenbringen. Wir wollen gemeinsam etwas herstellen, und dabei lernen wir viel voneinander. Nele hat uns zum Beispiel einiges über die Buchbinderei beibringen können.

Hintergrund: Mitten in der Krise schaffen Bücher aus Pappe Perspektiven

Gemeinsam mit anderen Underground-Schriftstellern Argentiniens hat Washington Cucurto 2001 den ersten Pappkarton-Verlag gegründet: Eloisa Cartonera. Sie stellen Bücher aus weggeworfenen Pappkartons her und schaffen damit ebenso einzigartige wie ökologisch nachhaltige Kunstwerke. Hintergrund der Idee: Bücher kosten in einem normalen Buchladen in Argentinien etwa 70 Pesos. Eloisa Cartonera verkauft sie für 5 Pesos, umgerechnet also für 90 Cent. Damit macht der Verlag es auch dem armen Teil der Bevölkerung möglich, einen Zugang zu Kultur und der Freude am Lesen zu finden. Inzwischen hat die Idee Wellen geschlagen und verbreitet sich über die Grenzen Lateinamerikas nach China und Europa.

Über Ronja Schlemme

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Erstellt: 14.11. 2011 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:55