Dez 2011 hastuINTERESSE Nr. 39 0

Ohne dich ist alles doof?

Soziale Netzwerke sind mittlerweile ein fester Bestandteil des Alltags. hastuzeit-Autorin Julia hat eine Woche darauf verzichtet.


Montag: Ich habe mein Wochenende noch mal vollends ausgenutzt. Habe einen sinnlosen Facebook-Status gepostet. Ein paar »Likes« kassiert. Habe Nachrichten beantwortet. Bin ein paar interessanten Links gefolgt. Und schon an meinem ersten Abend fehlt etwas. Nicht nur das übliche Nachschauen, was meine Communities so zu bieten haben. Auch Organisatorisches wird nun schwieriger – Urlaubsplanung, Treffen, Arbeitsteilung. Anstelle einer Gruppennachricht, mit der ich gerne über zehn Leute auf einmal erreichen kann, muss ich unzählige E-Mails und SMS-Nachrichten verschicken.

Dienstag: Früh am Morgen gehe ich ausgeschlafener als sonst zur Vorlesung, denn ich habe nicht die halbe Nacht mit meinen quer im Land und über die Welt verteilten Freunden gechattet. Allerdings stehe ich alleine da, außer mir scheint heute niemand etwas lernen zu wollen. Als ich mich später ins Institut begebe, erfahre ich, dass doch am Vortag im Stud.IP ausgeschrieben wurde, dass die Vorlesung entfällt. So bleibt mir aber mehr Zeit, die ganzen Dokumente zusammenzustellen und zu kopieren, die die Dozenten sonst praktisch gebündelt zum Download bereit stellen.

Mittwoch: Ich glaube, heute hat eine Freundin Geburtstag. Sicher bin ich mir aber nicht, und bei Facebook kann ich nicht nachschauen. Ich schreibe ihr einfach eine SMS und hoffe, mich nicht im Datum geirrt zu haben. Und ich habe Glück – sie hat wirklich Geburtstag. Als ich ein paar Tage später wieder online sein darf, wartet sogar eine Nachricht von ihr im Postfach. Sie hat mich für den Abend zu ihrer Feier eingeladen, was ich leider nicht wusste.

Donnerstag: Ich habe Lust auf neue Musik. Schon längst muss ich nicht mehr selbst darüber nachdenken, was mir ins Ohr kommt. Mein Last.fm-Scrobbler kennt mich gut, spielt mir immer meine Lieblingsmusik und empfiehlt mir neue tolle Lieder. Nur nicht diese Woche. Dafür komme ich meinem eingestaubten CD-Regal wieder näher und entdecke die besten Sampler aus den 90er Jahren. So was hätte mir Last.fm nie vorgeschlagen.

Freitag: Ich werde vermisst! Auf der WG-Party einer Freundin werde ich am Abend gefragt, was bei mir los ist. Auf meiner Pinnwand befinde sich ein Eintrag, der nach meinem Aufenthalt frage. Tage später kann ich ihn auch lesen. »Wo ist Julia? Das ist doch eigentlich ihre Uhrzeit?« Nachts um 0.21 Uhr rechnet man mit mir. Und ich bin nicht da.

Samstag: Ich möchte feiern gehen. Normalerweise benachrichtigt mich Facebook, nein, irgendjemand lädt sogar ein, diese oder jene Party in der Stadt zu besuchen. Ich weiß dann schon vorher, welche Musik läuft, und kann mir direkt Musikbeispiele aus dem Veranstaltungskalender heraus anhören und sehe, wer aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis da sein wird.

Sonntag: Ich habe gefeiert. Und unzählige andere Leute, die ich kenne, auch. Nach einem solchen Wochenende kann man üblicherweise nachlesen, wer wo mit wem weitergefeiert hat. Es gibt Partyberichte der Abgestürzten, Fotos, die Erinnerungen wieder aufleben lassen, und Freundschaftseinladungen von den Leuten, denen man an der Bar seinen Facebook-Namen ins Ohr gebrüllt hat. Für mich gibt es einen entspannten Sonntag offline.

Montag: Wieder online! Einige Freunde wussten von meinem Selbstversuch, und so ist das Erste, was ich lese, der Aufruf an mich, mich wieder zu »socialisen«.

Daneben warten 17 Freundschaftseinladungen, sieben Nachrichten und 16 Benachrichtigungen, außerdem über 30 Meldungen darüber, was Familie, Freunde und Gruppen in einer Woche Facebook-Freiheit beigetragen haben. Bei Last.fm höre ich mich quer durch meine Musiksammlung und lade nebenbei alle Dateien runter, die Stud.IP in der letzten Woche für mich angesammelt hat.

Über Julia Kloschkewitz

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Erstellt: 29.12. 2011 | Bearbeitet: 26.04. 2012 16:56